Landwirtin aus Borgfeld im Interview „Die Bevölkerung wird aufgehetzt“

Grüne Kreuze sollen auf nachhaltige Landwirtschaft aufmerksam machen. Bauern schlagen Alarm gegen das neue Agrarpaket. Für Dienstag sind Demos angekündigt. Eine Borgfelder Landwirtin erklärt, warum.
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Von Petra Scheller

Frau Klatte, vor Ihrem Hofladen steht ein grünes Kreuz als Symbol für den bäuerlichen Protest am Agrarpaket der Bundesregierung. Was stört Sie an dem Paket?

Das Paket beinhaltet neue Maßnahmen zum Insektenschutz, Düngerecht und Tierwohl. Wofür wir Landwirte im Kern natürlich sind. Aber das Problem an den verordneten Maßnahmen ist, dass sie fachlich nicht schlüssig sind und sich widersprechen.

Gibt’s ein Beispiel?

Beispiel Düngung – wenn meine Flächen in einem roten Gebiet liegen und ich 20 Prozent weniger düngen soll – so sieht es das Agrarpaket vor - und auch die Zwischenfrüchte nicht mehr gedüngt werden dürfen, dann habe ich ein Problem. Die Zwischenfrüchte sollen in den Wintermonaten den Boden bedecken und ihn davor schützen, ausgewaschen zu werden. Aber diese Zwischenfrüchte können ohne Düngung kein Wurzelwerk bilden, um die Nährstoffe zu halten. Wenn ich die Pflanzen ständig unter ihrem Bedarf dünge, dann kann der Boden keinen Humus aufbauen. Humus bindet CO2. Er ist das Wichtigste am ganzen Boden überhaupt – für die Nährstoffe, für die Fruchtbarkeit, die Wasserspeicherung. Das ist so, als ob alle Menschen 20 Prozent weniger zu essen bekommen würden. Manchen würde das natürlich ganz guttun. Andere würden verhungern. So ist das auch mit den Böden.

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Kritiker sagen, die Böden seien generell überdüngt.

Es gibt gute, leistungsstarke Böden, die können weniger Düngung über Jahre lang ausgleichen. Diese Böden haben hohe Bodenpunktzahlen, aber wir hier, mit unseren sandigen Böden, wir können da nicht mithalten. Wir in Bremen haben fast nur Grünland – wir sind sowieso in einem benachteiligten Gebiet. Durch die neuen Agrarauflagen werden die Benachteiligungen noch größer. So wird es immer schwieriger, familiengeführte landwirtschaftliche Betriebe zu erhalten.

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Vor ihrem Hofladen und den Weiden am Kuhgraben stehen grüne Kreuze. Was bedeuten sie?

Ich bin über eine Facebook-Gruppe auf die Aktion gekommen. Ich folge den Graswurzlern, das sind Agrarblogger – die haben, meine ich, damit angefangen. Die Kreuze sind als stiller Protest gedacht. Sie sollen ein Hinweis an die Bevölkerung sein: Wir produzieren auf unseren Flächen gesunde Lebensmittel, pflegen die Landschaft und tragen zum Naturschutz bei, wir legen Blühstreifen an und kümmern uns um unsere Tiere. Wir produzieren hier in der Region Lebensmittel, die nicht importiert werden müssen. Wir halten uns an strenge Lebensmittelgesetze und sorgen für kurze Vertriebswege. Unsere Rinder stehen am Kreuzdeich. Unsere Milchprodukte können vor Ort im Hofladen gekauft werden. Das ist nachhaltig. Darauf wollen wir mit den grünen Kreuzen aufmerksam machen. Die Verbraucher können die regionale Landwirtschaft fördern – oder sie verschwindet. Noch haben wir die Wahl.

Sie haben mit Ihrem Protest Ihren Parteiaustritt aus der CDU verknüpft. Warum?

Für mich als Landwirtin ist die Landwirtschaftspolitik das A und O. Natürlich spielt da auch Borgfeld, der Ort, in dem ich aufgewachsen bin, eine große Rolle, aber die Parteizugehörigkeit bezieht sich auch auf die Bundes-CDU. Und da fiel es mir als Landwirtin zunehmend schwer, diese politische Haltung mitzutragen. Im Ortsbeirat bleibe ich weiterhin als parteiloses Mitglied und werde die Wählerinnen und Wähler weiter vertreten.

Sie sind im Vorstand des Bremischen Landwirtschaftsverbands – warum wenden Sie sich jetzt über Facebook- und Whatsapp-Gruppen an die Bevölkerung und nicht über den Verband?

Weil wir inzwischen erkannt haben, dass wir näher bei den Menschen sind, wenn wir als Menschen auftreten und nicht als Institution. Für die Leute bin ich Heike Klatte, die hier einen Hof hat, die ihre Kühe auf die Weide bringt. Als ich das grüne Kreuz am Kuhweideweg aufgestellt habe, blieb gleich eine Spaziergängerin stehen – so kommt man besser ins Gespräch. Als echter Mensch, nicht als Institution. Man kennt sich über Kinder, Sportvereine, aus der Nachbarschaft. Jemandem, den ich kenne, höre ich zu, auch wenn ich vielleicht nicht seiner Meinung bin. So schaffen wir füreinander Verständnis. Darum geht es uns.

Wie äußert sich der Bremer Bauernverband zu den Protesten?

Es gab keine Stellungnahme dazu. Zuerst gab es unter den Mitgliedern Bedenken, weil das Kreuz ein kirchliches Symbol ist. Aber jetzt zu den Erntedankfesten sind die grünen Kreuze sogar mit in die Kirchen getragen worden. Inzwischen äußert man sich positiv, denn der Protest kommt von der Basis und die Menschen hören uns zu. Auch mit unserer Demo am Dienstag wollen wir auf unseren Missmut zum Agrarpaket aufmerksam machen.

Es sollen Proteste in Bonn, Oldenburg und in Bremen ab dem Weserpark stattfinden.

Ja, wir versuchen das erstmals und hoffen, dass es friedlich bleibt. Wir wollen die Leute nicht verärgern, weil sie durch unsere Trecker auf den Straßen nicht zur Arbeit kommen. Andererseits wollen wir auf unsere Lage aufmerksam machen. Aus Borgfeld nehmen wir zu acht an den Demos teil.

Der Bundesregierung werden vom Europäischen Gerichtshof 800 000 Euro Strafzahlungen pro Tag angedroht, wenn Sie die Richtlinien zur Nitratreduzierung im Grundwasser nicht einhält. Was würden Sie anstelle von Ministerin Klöckner tun?

Das ist ein Punkt, der mich echt ärgert. Es wird überall so getan, als ob Deutschland das schon zahlen muss und wir Landwirte daran schuld seien. Die Grundlage für Strafzahlungen hat der Europäische Gerichtshof geschaffen, aber wenn Deutschland nachweist, dass es da nachhaltige Maßnahmen ergreift, muss die Regierung nicht zahlen.

Es ist im Gespräch, dass wir Landwirte die Strafzahlungen aus unseren Sozialversicherungstöpfen ausgleichen sollen. Die Bevölkerung wird gegen uns aufgehetzt. Dabei sind die Nitratgehalte auch auf städtische Schmutzwassereinleitungen zurückzuführen – in die Kleine Wümme wird bei Starkregen Mischwasser eingeleitet. Das ist Regenwasser und Schmutzwasser, was in die Böden geht. Das ist nicht nur unsere Düngung. Jeder Haushalt trägt zur Nitratbelastung der Böden bei.

Was würden Sie anstelle der Ministerin tun?

Ich würde konkrete Messungen durchführen – welche Böden sind wie belastet? Woher kommen zum Beispiel die erhöhten Nitratgehalte? Ich würde die Untersuchungen standortbezogen veranlassen – und keine ganzen Gebiete rot kennzeichnen. Es wird ja noch nicht einmal geguckt, woher das Nitrat kommt. Wir wollen einerseits breite Fruchtfolgen haben – sonst bleibt uns am Ende nur Mais, andererseits dürfen wir diese nicht ausreichend ernähren. Da gibt es Zielkonflikte. Als Ministerin würde ich zuerst mal mit Praktikern sprechen und fragen: Was sagt ihr dazu?

Das Gespräch führte Petra Scheller.

Info

Zur Person

Heike Klatte (39) führt in Borgfeld einen landwirtschaftlichen Betrieb. Sie versorgt 70 Milchkühe und betreibt mit ihrer Familie einen Hofladen mit Café. Klatte ist im Vorstand des Bremer Landwirtschaftsverbands tätig. Seit fünf Jahren engagiert sie sich im Borgfelder Beirat und holte bei den Wahlen im Mai für die CDU die meisten Stimmen. Vor zwei Wochen trat sie aus der CDU aus. Der Grund sei die Agrarpolitik von Agrarministerin Julia Klöckner. Im Interview spricht Klatte über die Bewegung der Grünen Kreuze und die Bauerndemos am Dienstag.

Info

Zur Sache

Zur Sache:

2016 hatte die Europäische Kommission Deutschland vor dem Europäischen Gerichtshof verklagt – und bekam zwei Jahre später recht. Das Luxemburger Gericht stellte im Juni 2018 fest, dass Deutschland gegen das gesundheits- als auch umweltschädliche Nitrat im Grundwasser zu wenig unternommen habe – und forderte die Bundesregierung zu Korrekturen auf. Selbst das Urteil des höchsten EU-Gerichts brachte in Deutschland nicht viel in Schwung in die Sache.

Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner versprach eine Reform der umstrittenen Düngemittelverordnung. Demnach sollten Bauern in den sogenannten „roten“ Gebieten mit einer besonders hohen Nitratbelastung 20 Prozent weniger Gülle ausbringen und dabei größeren Abstand zu Gewässern halten. Anfang September stellte sie gemeinsam mit der Umweltministerin Svenja Schulze ein Agrarpaket vor. Auch in Bremen formiert sich deshalb Protest.

Am Dienstag, 22. Oktober, findet auf der Freifläche neben der Weser-Ems-Hallen in Oldenburg eine Demonstration gegen das Agrarpaket der Bundesregierung statt. Hierzu werden über 1000 Teilnehmer aus dem gesamten Nordwesten erwartet, teilt die Oldenburgische Polizei mit. Auch Blocklander und Borgfelder Bauern machen sich auf den Weg zur Demo nach Oldenburg.

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