Schüler der BBS Verden recherchieren Rassismus und Nationalismus Die braunen Schatten sind lang

Verden. 24 Verdener BBS-Schüler setzten sich im Rahmen eines Projekts mit dem Nationalsozialismus auseinander. Die Gruppe reiste auch ins Anne-Frank-Zentrum nach Berlin und entdeckte Parallelen zwischen der Diskriminierung damals und heute.
27.05.2010, 06:00
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste
Von Fabian Lenk

Verden. 'Scheiß Russe!' Nicht nur einmal wurde Anatol (19) in Verden wegen seiner Herkunft angepöbelt. Der BBS-Schüler wird immer wieder mit Ausländerfeindlichkeit und Rechtsradikalismus konfrontiert. Mit 23 Mitschülern setzte er sich jetzt im Rahmen eines Projekts mit dem Nationalsozialismus auseinander. Unter anderem reiste die Gruppe ins Anne-Frank-Zentrum nach Berlin - und entdeckte deutliche Parallelen zwischen der Diskriminierung damals und heute.

Im Deutschunterricht bei Reinhard Witt lasen die Schüler der Klasse BFS-H09 'Das Tagebuch der Anne Frank'. Witt: 'Zum einen haben wir uns mit den Aspekten der Geschichte des Nationalsozialismus auseinandergesetzt, zum anderen mit den vielfältigen Bezügen zur Gegenwart.'

Dabei überlegte der Pädagoge, wie er das Thema unterfüttern kann - mit 'praktischen, greifbaren Dingen', wie er sagt. Schnell hatte Witt einige Ideen, die dann auch umgehend umgesetzt wurden. Die Gruppe besuchte unter anderem das Schnürschuh-Theater in Bremen, um das Stück 'Anne Frank' anzuschauen. Auch der Kinofilm 'Anne Frank - die wahre Geschichte' wurde angesehen.

Dann ging es mit der Klasse, die laut Witt einen Migrantenanteil von 66 Prozent hat, nach Berlin. Der Besuch der Ausstellung 'Anne Frank. Hier und heute' stand ebenso auf dem Programm wie ein Stadtrundgang mit dem Thema 'Auf den Spuren jüdischen Lebens'. Nach und nach tauchten die Schüler ein in das kurze Leben der Jüdin, die im Alter von 15 Jahren im KZ Bergen-Belsen starb. Ihr Schicksal hat Anatol, einen begeisterten Kampfsportler mit raspelkurzen Haaren, den nichts so schnell umzuhauen scheint, offenbar bewegt: 'Klar, das war wirklich ziemlich emotional.'

Erschreckende Parallelen

Sarah (23) ergänzt: 'Es war sehr gut, dass wir dorthin gefahren sind und vor Ort recherchiert haben. So haben wir eine Vorstellung davon bekommen, wie Anne Frank gelebt und gefühlt hat.'Vor allem lernte die Gruppe, welche oft erschreckenden Parallelen es zwischen der Diskriminierung damals und heute gibt.

So berichtet Serife, eine 20-Jährige mit türkischen Wurzeln: 'Ich bin zwar noch nie angemacht worden, weil ich Türkin bin. Aber türkische Freunde von mir wurden von Nazis zusammengeschlagen.' Einziger Grund: die 'falsche' Nation. Aber auch in der Türkei sei Rassismus verbreitet - vor allem zwischen Türken und Kurden. 'Jugendliche beleidigen sich und das Land der anderen und prügeln sich, wobei sie nicht wissen, warum sie es überhaupt tun', schreibt Serife in einem Bericht zum Thema. Statt einer Klassenarbeit hatte Lehrer Witt die Schüler Texte formulieren lassen zu den Themen Rassismus, Rechtsradikalismus und Zivilcourage. 'Im Internet', schreibt Serife weiter, 'findet man sehr viele Foren, in den die Türken oder die Kurden ihren Hass ausbreiten. Aber ob Türke, Russe, Kurde, schwarz oder weiß: Jeder hat das Recht, seine Meinung frei zu äußern, ohne diskriminiert zu werden.'

Auch Jennifer (18) machte sich zu den Neonazis ihre Gedanken. Rassismus? Klar, den habe sie auch schon 'live' erlebt - etwa im Weser-Stadion. Dort seien auch immer mal wieder rechte Parolen zu hören. 'Aber um die Typen mache ich einen Bogen.' Auch Jennifer zog Vergleiche zur Geschichte und interviewte zum Thema Nationalsozialismus ihren Großvater, der den braunen Terror als Kind miterlebte. So wurde die damalige Zeit mit ihrem Schrecken für die Schülerin greifbar.

Wie aber kann dem braunen Gedankengut die rote Karte gezeigt werden? Sarah bringt es auf den Punkt: 'Nur Zivilcourage hilft. Man muss eingreifen, wenn jemand Hilfe braucht und darf nicht wegsehen, wenn eine Person am Boden liegt.'

Ihre Ideen, Fotos und Recherchen wollen die Schüler jetzt in den BBS auf Schautafeln präsentieren.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+