Leiterin der IGS Achim im Porträt

Die Chancengeberin

Eine prägende Kindheitsphase in der Vita von Kerstin Albes-Bielenberg liest sich wie ein Märchen. Und führte dazu, dass die Leiterin der IGS Achim genau wusste, was sie Kindern bieten will: eine Chance.
23.10.2018, 16:19
Lesedauer: 5 Min
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Die Chancengeberin
Von Kai Purschke
Die Chancengeberin

Kerstin Albes-Bielenberg dort, wo sie den Großteil ihres Lebens verbracht hat: in der Schule. Sie ist die Leiterin der IGS Achim, die sie mit aufgebaut hat.

Björn Hake

Sie ist eine Einpendlerin. Und eine Aufbauerin. Kerstin Albes-Bielenberg hat die Integrierte Gesamtschule (IGS) in Achim mit entwickelt und ist mittlerweile auch ganz offiziell deren Schulleiterin. Die 57-Jährige schreckt vor neuen Herausforderungen nicht zurück und diese Eigenschaft ist wohl auf ihre Kindheit zurückzuführen. „Ich schaffe das!“, hat sie da gelernt – und diese Erkenntnis hat viel mit Schule zu tun.

Aufgewachsen in Rhüden in einem Dorf im Vorharz, sie schätzt „es waren so 6000 Einwohner“, musste sie nach dem Beenden der Grundschule an die weiterführende Schule im nächsten Ort wechseln. Als Tochter einer Schneiderin und eines Arbeiters, dazu zwei Schwestern und ein Bruder, war für ihre Eltern klar, dass das nicht viel kosten dürfe. Ihr Kind sollte ohnehin schnell lernen, arbeiten zu können. Aber die kleine Kerstin wollte damals unbedingt an die Schule, an der auch ihre Freunde waren. Sie schloss sich ihnen einfach an. Die Schulsekretärin, die aus dem gleichen Dorf kam, aber fand sie auf keiner Klassenliste und rief daher ihre Mutter an. „Die sagte ihr, es reiche ein mittlerer Schulabschluss, denn ich sollte ja eine Lehre machen.“

Doch die Sekretärin ließ nicht locker und überredete die Mutter, dass ihre Tochter es doch an der Schule versuchen solle. Kerstin Albes-Bielenberg schaffte es, nach Höhen und Tiefen, tatsächlich – und in Klasse 10 angekommen, wollte sie mehr. „Mir war klar, jetzt kann ich auch das Abitur schaffen.“ Wieder funkten ihre Eltern aus Angst vor den hohen Folgekosten dazwischen und wieder half ein Zufall, damit sich dieser Part der Geschichte weiterhin liest wie ein Märchen: Das Schüler-Bafög kam und ermöglichte ihr die Chance, ihr Abitur zu bauen. Das gelang ihr und so beschreibt die Schulleiterin diese Episode heute als prägend.

Komfortzone verlassen

Diese Erfahrung bestärkte sie letztlich auch darin, ihre Komfortzone vor knapp zwei Jahren zu verlassen und eine neue Herausforderung anzugehen. Bevor sie nach Achim kam, um als Leiterin der Planungsgruppe die neue Schulform der IGS auf ihren Start vorzubereiten, war sie bereits 20 Jahre lang an der IGS Osterholz-Scharmbeck. Dort agierte sie zuletzt unter anderem als didaktische Leiterin, hätte einen Wechsel mit Mitte 50 und eine neue berufliche Hürde also nicht unbedingt annehmen müssen. Aber: „Es war die letzte Herausforderung, eine IGS aufzubauen.“

Das war die Motivation, dann doch noch mal zu wechseln. Sie habe der Achimer Planungsgruppe helfen und sie mit ihrer IGS-Erfahrung unterstützen wollen. Denn: „Die Landesschulbehörde hat mich bearbeitet“, erzählt sie und muss darüber lachen. Die Behörde hatte sie als Planungsgruppenleiterin und spätere Schulleiterin vorgesehen, von daher sei das berufliche Risiko des Wechsels gering gewesen. Aber: „Der Tanz auf zwei Hochzeiten war nicht einfach“. Denn während der Planungsgruppenphase war sie auch noch an ihrer alten Schule aktiv.

„Ich bin ein überzeugter IGSler“, sagt sie voller Inbrunst. Sie möchte „Kindern die Chance geben, das auch ohne den sozialen Background schaffen zu können“. Ganz so wie sie damals. Kindern sollten nach ihren Stärken, Interessen und Neigungen gebildet werden. „Es muss nicht jeder das Abitur machen und es macht auch nicht jeder. Aber allen Kindern diese Chance offenzuhalten, das ist mein Credo.“ Dafür steht in ihren Augen das integrative System, aber auch ihr persönlicher Werdegang und die Erziehung ihrer Eltern haben sie zu der Überzeugung gebracht. „Ich würde jetzt hier nicht so sitzen, wenn das anders gewesen wäre.“ Dabei sei sie niemand, der gerne im Mittelpunkt stehe. „Ich halte mich eher im Hintergrund“, sagt Kerstin Albes-Bielenberg über sich selbst.

1982 ging es nach Bremen

Die seit mehr als 30 Jahren in Bremen wohnende Schulleiterin genießt es, dass sie in Achim arbeitet, aber woanders lebt. „Gerade in Berufen, in denen man mit Menschen zu tun hat, ist das vorteilhaft“, weiß sie. So habe sie auch die Chance, sich auf dem Nachhauseweg von den beruflichen Gedanken so gut es geht zu lösen. Ein Nachteil sei aber: „Ich brauche mehr Zeit, um bestimmte Prozesse hier nachvollziehen zu können.“ 1982 kam die Mutter zweier erwachsener Kinder nach Bremen, um dort auf Lehramt Sport und Spanisch zu studieren und in der Hansestadt lernte sie auch ihren späteren Mann kennen. „Der war auch Lehrer, jetzt nicht mehr“, sagt sie. Moment, sie Lehrerin, er Lehrer, ein Doppelname – da war doch noch was? „Nein, nein“, wiegelt Kerstin Albes-Bielenberg lachend ab und schüttelt ihre dunklen Haare, „einen Passat fahren wir nicht“. Aber einen Kombi.

Ihr Referendariat schloss sie 1990 in Bremen ab. „Ich hatte das große Glück, dass ich einige von den wenigen war, die das damals nicht als eine Art Folter erlebt haben“, verrät sie. Weil aber zu der Zeit in Bremen Lehrerstellen fehlten und ein Einstellungsstopp verhängt wurde, musste sie sich etwas überlegen. „Wegen der Kinder hatte ich pausiert, dann aber wollte ich was machen.“ Bei den Freinet-Pädagogen, ein Bund von Reformpädagogen, fand sie ein berufliches Zuhause, gab danach VHS-Kurse auf Spanisch und später auch am Institut für Erwachsenenbildung an der Abendschule. Wegziehen kam für sie eigentlich nicht in Frage: „Der Bremer, wenn der erstmal in Bremen wohnt, ist er ja auch ein bisschen träge und bewegt sich nicht so gerne weg“, erzählt sie und lacht laut auf.

Viel Gestaltungsraum

Und doch hatte sie irgendwann die Nase voll, bewarb sich erfolgreich an einer IGS in Nordrhein-Westfalen und bekam 1995 eine Stelle in Bünde, in der Nähe von Bielefeld. „Der Ort hat mich nicht beglückt, die Schule schon.“ Bielefeld ist nicht Bremen und so nutzte sie die Chance zum Tausch und wechselte 1997 nach Osterholz-Scharmbeck. „Dass ich damals überhaupt von Gymnasium auf IGS geschwenkt bin, hat was mit der Arbeit der Freinet-Initiative zu tun gehabt“, erzählt sie. Sie habe sich viel mit der Art des Unterrichts beschäftigt: offene Formen, Integration. Für sie war klar: „Ich möchte gerne an einer IGS arbeiten.“

Daher sei auch der Wechsel nach Achim „definitiv die richtige Entscheidung“ gewesen. Es gebe viel Arbeit, aber die mache Spaß. „Zumal wir keine festgefahrenen Strukturen haben, sondern Gestaltungsraum.“ Von der Arbeit als Schulleiterin entspannt sie am liebsten beim Sport. „Früher war ich Leistungsschwimmerin“, erzählt die Wahl-Bremerin. Auch heute sei sie noch eine Wasserratte und treibe insgesamt gerne Sport. Aber: „Ich bin da eingeschränkt, habe kaputte Knie.“ Radfahren, oft mit ihrem Mann oder Skilanglauf, wenn es sich anbietet, das gehe aber. Außerdem arbeitet sie in ihrer Freizeit gerne mit den Händen. „Ich nähe sehr gerne und schmiede Gold als Hobby.“ Das sei ein guter Ausgleich zur geistigen Arbeit in der Schule. Und vielleicht für die Tochter einer Schneiderin auch ein Stück Vertrautheit. Schließlich hebt sie den Umgang ihrer Eltern mit ihr hervor. „Sie haben mir viel Freiraum gegeben und hatten Vertrauen in mich. Trotzdem haben sie mich immer beobachtet und waren für mich da.“ Dieses Gefühl hat damals schon dem Mädchen aus dem kleinen Dorf Sicherheit gegeben.

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