Interview zum Holocaust-Gedenktag

"Die Demokratie verliert an Strahlkraft"

Jens-Christian Wagner, Geschäftsführer der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, warnt: „Rassismus ist bis in die Mitte der Gesellschaft vorgedrungen.“ Er spricht sich auch dagegen aus, mit der AfD zusammenzuarbeiten.
26.01.2019, 18:03
Lesedauer: 6 Min
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Von Michael Brandt
"Die Demokratie verliert an Strahlkraft"

Im Denkort Bunker Valentin findet am Sonntag die zentrale Bremer Gedenkveranstaltung statt.

Sebi Berens

Herr Wagner, Ihre Rede am 27. Januar in Bremen-Nord wirft eine Frage auf: Was haben die NS-Verbrechen mit unserem heutigen Leben zu tun? Wie lautet Ihre wichtigste Antwort darauf?

Jens-Christian Wagner: Meine wichtigste Antwort ist, dass wir versuchen müssen, Aktualitätsbezüge herzustellen. Wir müssen aus der Geschichte des Nationalsozialismus wissenschaftlich sauber und quellenfundiert herausarbeiten, was die radikalisierte Gesellschaft veranlasst hat, die NS-Verbrechen zu dulden und sich sogar aktiv daran zu beteiligen. Und wenn wir die Motivation für das Mitmachen im Nationalsozialismus in den Blick nehmen, stellen wir fest, dass das eine diffuse Gemengelage aus verschiedenen Faktoren war: Eine Rolle spielten Gruppendruck und Gewöhnung, denn den Verbrechen der Kriegszeit ging eine zehnjährige Gewöhnungsphase voraus. Hinzu kommen Antisemitismus, Rassismus, autoritäres Denken und das emotionale Angebot an die Deutschen, zur propagierten Volksgemeinschaft dazuzugehören. Diese definierten die Nazis vor allem darüber, wer nicht dazugehörte: „Gemeinschaftsfremde“, von denen eine Gefahr für die Allgemeinheit ausgehe oder die, wie etwa Kranke und Behinderte, eine Belastung für das Volk seien. Gerade der Sicherheitsdiskurs, der diejenigen kriminalisierte, die außerhalb der „Volksgemeinschaft“ standen, entfaltete starke Bindungskräfte in der deutschen Bevölkerung. Wenn man sich diese Faktoren ansieht, wird man feststellen, dass viele davon auch heute noch Wirkung entfalten. Auf diese Weise lassen sich aus der Geschichte heraus Aktualitätsbezüge herstellen, die uns helfen, eine historisch bewusste Haltung zum heutigen Leben einzunehmen.

„Stoppt den Schuldkult“ haben Unbekannte 2017 auf eine Mauer beim Bunker Valentin geschrieben. Bürgerschaftspräsident Christian Weber wollte den Spruch ursprünglich stehen lassen und für die öffentliche Debatte nutzen. Wäre eine solche Sichtweise vor zehn Jahren denkbar gewesen?

Ich kann mir vorstellen, dass es vor zehn Jahren schwierig gewesen wäre, eine solche Forderung in den Raum zu stellen. Weil wir vor zehn Jahren die Orte der NS-Verbrechen noch stärker als Friedhöfe wahrgenommen haben – und es gibt manche Dinge, die gehören sich nicht auf Friedhöfen. Aber in deren Umfeld kann man freier agieren, was eigentlich eine ermutigende Entwicklung für die aktuelle Debatte ist: Die Orte der NS-Verbrechen sind nicht als herausgelöst zu betrachten aus dem gesellschaftlichen Leben.

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Das heißt, auch in der Gedenkstättenarbeit hat sich etwas verändert?

Gedenkstättenarbeit reagiert auf gesellschaftliche Veränderungen. Wir erleben derzeit dramatische gesellschaftliche Veränderungen in meinen Augen: Dass NS-Gräuel geleugnet oder relativiert werden, ist keine neue Entwicklung. Neu ist aber, dass eine Partei, die solche Positionen mindestens toleriert, aktuell circa 15 Prozent der Wählerstimmen auf sich vereinigt und in allen Parlamenten vertreten ist. Rassismus ist bis in die Mitte der Gesellschaft vorgedrungen. Dieser Entwicklung müssen wir etwas entgegensetzen: Wer, wenn nicht wir?

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Der Staatsgerichtshof hat gerade entschieden, dass die niedersächsische AfD nicht im Stiftungsrat der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten sitzen darf. Die Partei sprach von einer Lex AfD und einer bewussten Ausgrenzung des Bevölkerungsanteils, den sie vertritt. Hätten Sie eine Chance gesehen, konstruktiv mit der Partei zusammenzuarbeiten?

Nein, aber ich habe es mir mit meiner klaren Haltung gegen die AfD im Stiftungsrat nicht einfach gemacht. Ich habe ein Gespräch mit Dana Guth, Fraktionsvorsitzende der AfD im Niedersächsischen Landtag, und Klaus Wichmann, Geschäftsführer der AfD-Fraktion, über Relativierung, Leugnung der NS-Verbrechen und Umdeuten der deutschen Geschichte geführt. Ich habe beide mit Beispielen dafür konfrontiert, dass es solche Haltungen nicht nur bei Björn Höcke und Co. in Thüringen und Sachsen gibt, sondern auch in Niedersachsen und Bremen. Ich habe in dem Zusammenhang explizit die Schuldkultdebatte am Bunker Valentin erwähnt. Zusammen mit einer Reihe von Forderungen der AfD wie der Ablehnung einer Finanzierung der KZ-Gedenkstätte Schillstraße in Braunschweig. Das ist nur eins von vielen Beispielen. Ich habe ihnen auch ihr eigenes Wahlprogramm vorgehalten, aus dem sinngemäß hervorgeht, dass Kultur in Niedersachsen nur gefördert werden darf, wenn sie ein positives Verhältnis zur deutschen Geschichte vermittelt. Das heißt, es gäbe keine Gedenkstättenförderung mehr. Erst daraufhin habe ich gesagt, dass ich mir eine Zusammenarbeit nicht vorstellen kann: Wer bei uns mitarbeiten will, muss den gesetzlich festgelegten Stiftungszweck unterstützen. Dana Guth und Klaus Wichmann waren aber nicht bereit dazu, weil, wie sie sagten, sie die 30 Prozent Geschichtsrevisionisten in ihrer Partei brauchen, um ihr selbst ernanntes Ziel zu erreichen: die Rettung Deutschlands und die Niederringung der angeblichen „Merkel-Diktatur“. Danach könne man sehen.

Gehört die AfD verboten?

Wir haben die besseren Argumente, wir brauchen uns nicht hinter Verboten zu verstecken. Besser finde ich eine inhaltliche Auseinandersetzung.

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Fördert der Rechtspopulismus eine neue gesellschaftliche Distanz zu unserer Geschichte?

Es gibt zwei Entwicklungen, die parallel verlaufen und sich zum Teil bedingen. Zum einen haben wir einen zunehmenden Rassismus und einen Verlust der Strahlkraft eines liberalen Europas – wie westliche Demokratien weltweit an Strahlkraft verlieren. Zum anderen ist der Bezug auf den Nationalsozialismus seit jeher grundlegend für unser Selbstverständnis: Artikel 1 des Grundgesetzes – die Würde des Menschen ist unantastbar – war die Antwort auf die NS-Verbrechen. Das Bewusstsein für den Wert der Grundrechte und woher das Bewusstsein gekommen ist, verschwindet in der deutschen Gesellschaft. Zeitzeugen gibt es nicht mehr und auch die nicht, die sich an den Verbrechen beteiligt haben. Damit schwindet für viele die Relevanz der Verbrechen. Da müssen wir als Stiftung der Gedenkstätten einhaken.

Sollte jeder Schüler einmal im Leben in einer Gedenkstätte gewesen sein?

In einigen Bundesländern ist der Besuch einer Gedenkstätte lehrplanmäßig vorgeschrieben, in anderen Bundesländern ist er empfohlen. Wir haben als Stiftung in Niedersachsen 2016 eine Erhebung gemacht und festgestellt: 70 Prozent aller niedersächsischen Schüler besuchen einmal im Laufe ihrer Schulzeit eine Gedenkstätte. Ich halte prinzipiell nichts von Pflichtbesuchen. Zwang führt immer zu Abwehr. Deswegen setzen wir auf Freiwilligkeit. Alles andere wäre merkwürdig: Die Orte der Gedenkstätten zeigen, was die Einschränkung von Freiheit bedeutet.

Auch im Internet werden Posts zunehmend schärfer. Muss sich die Stiftung noch mehr in den sozialen Medien einmischen?

Im Internet sind wir viel stärker vertreten als vor einigen Jahren. Wir haben Accounts auf Instagram, Facebook, Twitter. Wir bloggen zu verschiedenen Themen. Wir müssen aber nicht nur an den Formaten, sondern insbesondere an den Inhalten etwas ändern: Wenn wir zukunftsfähig arbeiten wollen, müssen wir uns vom Opferzentrismus entfernen und stärker den Blick auf die Täter, Mittäter und Zuschauer lenken und damit auf die Mitmachbereitschaft der Bevölkerung werfen. Nicht nur die Endphase des NS mit den Leichenbergen in Bergen-Belsen, sondern die Frühphase des NS in den Blick nehmen.

Farge ist der Ort, an dem rechte Parteien in der Vergangenheit besonders gut abgeschnitten haben. Müsste Gedenkstättenarbeit hier stärker gefördert werden?

Wir versuchen, Gedenkstätten flächendeckend zu fördern. Im Übrigen haben wir auch schon den Denkort Bunker Valentin gefördert, auch wenn er auf Bremer Seite liegt. Natürlich müssen wir versuchen, in die Breite zu gehen, aber gleichzeitig können wir versuchen, das Besondere der Gedenkorte herauszuarbeiten. Im Fall des Bunkers Valentin ist es die Absurdität der NS-Rüstungsplanung, deren reales Ergebnis nicht irgendwelche Wunderwaffen waren, sondern dass Zwangsarbeiter für sinnlose Produkte zu Tode gehetzt wurden. Wir müssen fragen, was hat die Bevölkerung damit zu tun gehabt? Wie haben sich die Werkmeister verhalten? Es gab eine breite Mittäterschaft. Es gab Dienstleister, die die Lager mit verdorbenen Lebensmitteln versorgt haben. Oder denken Sie an die Elektriker: Auch der elektrische Zaun des KZ in Schwanewede ist nicht vom Himmel gefallen. Die Frage ist: Was hat die Menschen bewogen, sich zu beteiligen, obwohl es allen humanitären Werten widersprach? Die Antwort ist: Rechte sind sehr fragil, Demokratie ist sehr fragil. Wir müssen sie schützen.

Das Interview führte Patricia Brandt.

Info

Zur Person

Jens-Christian Wagner ist Jahrgang 1966 und leitet seit 2014 die Stiftung niedersächsische Gedenkstätten und die Gedenkstätte Bergen-Belsen. Er lebt mit seiner Frau und zwei Töchtern in Celle.

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Zur Sache

Gedenktag

Erstmals findet am Sonntag, 27. Januar, ab 11.30 Uhr die öffentliche Gedenkveranstaltung an die Opfer des Nationalsozialismus im Denkort Bunker Valentin statt. Hier hält Jens-Christian Wagner, Geschäftsführer der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, einen Vortrag: „Geschichte begreifen, für die Zukunft handeln: Was haben die NS-Verbrechen mit unserem heutigen Leben zu tun?“ Der Beirat Blumenthal lädt für Sonntag, 27. Januar, zu einer Gedenkfeier auf dem Jenny-Ries-Platz am Blumenthaler Bahnhof ein. Beginn ist um 15 Uhr. Im Anschluss an die Gedenkveranstaltung laden Beirat und Ortsamtsleiter zu einem Gespräch ins Kulturcafé Nunatak, Kapitän-Dallmann-Straße 2, ein. Auch in Vegesack und Burglesum finden Gedenkveranstaltungen statt.

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