Metallkunst-Werkstatt Harjes in Meyenburg feiert 100 Jahre / Offene Werkstatt und Ausstellung Die dritte Generation ist heute am Werk

Die Metallkunst-Werkstatt Harjes besteht seit 100 Jahren. Tobias Harjes setzt in dritter Generation das Werk seines Großvaters fort, der 1912 den Grundstein legte.
29.09.2012, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Gabriela Keller

Die Metallkunst-Werkstatt Harjes besteht seit 100 Jahren. Tobias Harjes setzt in dritter Generation das Werk seines Großvaters fort, der 1912 den Grundstein legte.

Meyenburg. Teekannen aus Kupfer und Messing glänzen auf Regalen. Auf Holztischen leuchten doppelwandige Schalen in allen Größen. Hinten in der Werkstatt sind Frühwerke zu sehen: Art-Deco-Leuchten, ein Stövchen aus Kupfer, eine Keksdose und ziselierte Ofentüren aus Messing. Unter der Decke streckt ein gewaltiger Sternzeichen-Leuchter seine Arme in alle Richtungen.

"Den fertigte mein Opa für die Familie der früheren Maschinenbau-Firma Dewers in Rönnebeck", erzählt Tobias Harjes. 1912 machte sich sein Großvater, der Gürtlermeister und Metallbildhauer Friedrich Harjes, in Bremen mit einer Werkstatt selbstständig. 100 Jahre später setzt der Enkel die Familientradition in Meyenburg fort. In dritter Generation übt Tobias Harjes auf dem früheren Gehöft Siedschelje ein Handwerk aus, das vom Aussterben bedroht. Der 54-Jährige ist Gürtler, so wie vor ihm sein Opa und sein Vater Michael Harjes.

Seit einem Jahrhundert wird der Hammer von Generation zu Generation weitergereicht. Dass eine Metallkunst-Werkstatt ein solches Jubiläum feiern kann, ist selten. Bei den Harjes hat das Fundament des Erfolgs viele Bausteine. Eine der wichtigsten Voraussetzungen ist die Leidenschaft für das Gestalten. In der Werkschau zum Jubiläum trifft man auf den Leitspruch von Michael Harjes, der die Werkstatt nach dem Tod seines Vaters Friedrich 1954 übernahm und bis zu seinem eigenen Tod 2006 führte: "Das tun, was Freude macht".

Erste Werkstatt in Bremen

Das war lange Zeit ausschließlich die klassische Handarbeit des Schmiedens, Treibens und Hämmerns von Kupfer und Messing. Eine Werkschau zum Jubiläum zeigt frühe Arbeiten von Friedrich Harjes. Sie entstanden zunächst in der Werkstatt in Bremen. 1919 schloss sich der Gürtlermeister als überzeugter Reformer der Barkenhoff-Kommune in Worpswede an. Heinrich Vogeler zählte zu seinen Freunden. Die Zeit in Worpswede währte nur kurz. 1923 baute sich Harjes eine Werkstatt zunächst in Burgdamm, wenig später in Lesum auf. Das Geschäft lief bis zur Wirtschaftskrise gut. Bis zu 14 Mitarbeiter beschäftigte Friedrich Harjes in besten Zeiten. Er schuf große Auftragsarbeiten unter anderem für das Chilehaus in Hamburg und die Bremer Baumwoll-Börse. Dessen Präsident half ihm 1929 auch aus der Klemme: Als Harjes durch den Konkurs der Nordwolle in eine wirtschaftliche Schieflage kam, finanzierte der Mäzen dem Gürtlermeister eine neue Werkstatt in St. Magnus. Hier lernten die beiden Söhne Niclas und Michael, der die Werkstatt 1952 übernahm, vom Vater das Handwerk. Neben Treib- und Ziselierarbeiten entstanden auch erste Gussarbeiten. Michael Harjes weitete den Bereich nach der Übernahme der Werkstatt aus. Die Gusstechnik bot Vorteile: Leuchter und Schalen konnten in kürzerer Zeit und damit auch in größerer Zahl hergestellt werden. Seit 1965 ist Bronzeguss die bevorzugte Technik.

In der Metallkunst-Werkstatt entstehen die Urformen aus Wachs, gegossen wird bei Leipzig und in Worpswede. In der Werkstatt in Meyenburg, die Michael Harjes seit 1978 durch den Umbau des ehemaligen Siedschelje-Hofes aufbaute, wird der Rohguss dann durch Feilen und Schleifen bearbeitet. Maschinen erleichtern inzwischen einige Arbeitsläufe. Halbschalen, bekommen heute in einer Treibmaschine ihre Form. Unter Michael Harjes beschritt die Werkstatt nicht nur technisch neue Wege. Er entwickelte auch eine neue, künstlerische Formensprache, an die heute sein Sohn Tobias anknüpft. Leuchterformen verjüngen sich nach oben, Arme verzweigen sich wie Äste. Organische, von der Natur inspirierte Formen, prägen die Arbeiten.

In Meyenburg übt inzwischen die vierte Harjes-Generation. In einer Teekannen-Parade in der Werkschau ist neben Arbeiten von Michael und Tobias Harjes auch eine Messingkanne von Raphael Harjes (17) zu sehen. In der Galerie und einem weiteren Werkstatt-Gebäude stellen sieben Gastkünstler aus. Geöffnet sind Werkstatt und Ausstellung heute und morgen von 11 bis 19 Uhr. Weitere Termine: 3. Oktober von 11 bis 19 Uhr, 4. und 5. Oktober von 15 bis 19 Uhr, 6. und 7. Oktober von 11 bis 19 Uhr.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+