Klimawandel in Syke (X): Wie wird die Landwirtschaft mit den erwarteten Extremen umgehen?

Die Läuse haben großen Vorsprung

VON RENATE SCHÖRKEN
15.12.2010, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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VON RENATE SCHÖRKEN

Syke. Eine gute, nachhaltig betriebene Landwirtschaft puffert die Folgen der Klimaveränderung ab. Davon ist Wilken Hartje aus Heiligenfelde überzeugt. Der Landwirt auf Gut Hoope sitzt im Syker Rathaus mit am Tisch, wenn es um "Urbane Strategien im Klimawandel" geht. "Der Wandel", weiß er, "ist in vollem Gange."

Wie ausführlich berichtet, setzt sich die Stadt Syke seit März dieses Jahres als ausgewählte Modellkommune mit den Folgen der prognostizierten Klimaveränderung auseinander. Sie nutzt dabei das Wissen ihrer Bürger und die Fachkompetenz von Verwaltungen, Verbänden, Vereinen und Unternehmen. Das Bremer Fachbüro ecolo begleitet den zweijährigen Prozess, an dessen Ende ein Konzept für den Umgang mit den Folgen des Klimawandels stehen soll.

Wie wird sich die Landwirtschaft entwickeln müssen, um die erwarteten Belastungen in den Griff zu bekommen? Es sind die Extreme, die Wilken Hartje Sorge bereiten. Also die vermehrten Hitzetage, die Starkregen und Stürme, anhaltende Trockenheit, aber auch Vernässung durch lange Regenphasen. Die Folgen sind vielfältig. Man weiß, dass das Wachstum bei Hitze einfach abschaltet. Denkbar auch, dass das Getreide vorzeitig reift, die Kartoffeln klein bleiben, der Mais verkümmert, die Früchte Hitzeschäden erleiden, das Korn auf den Feldern mitten in der Erntezeit durch heftige Niederschläge einknickt und fault, die fruchtbare Ackerkrume weggespült und fortgeblasen wird.

Den angekündigten milderen Wintern sieht Hartje mit gemischten Gefühlen entgegen. Denn die Laus, ein gefährlicher Virusträger, stirbt nur bei Kälte ab. Die Erinnerungen an die milden Winter von 2006 bis 2008 sind noch frisch. "Die Läuse hatten im Frühjahr großen Vorsprung." Früh seien die Bestände mit dem Vergilbungsvirus infiziert worden. "Wenn man die Spuren an den Pflanzen sieht, ist es schon zu spät." Die Schädlingsbekämpfung müsse künftig im Ackerbau noch intensiver betrieben werden, sagt Hartje. "Der Aufwand für eine Läusebehandlung kann sich schnell verdreifachen."

Einen ordentlichen Frost schätzt der Landwirt auch im Sinne der Ackerbodenqualität: durch die sich bildenden Frostkristalle wird dessen Struktur verbessert. Der Landwirt spricht von einer Frostgare, wenn der Boden feinkörnig, locker und gut durchlüftet auf die Frühjahrsbestellung vorbereitet ist. Zum Verständnis: Ein "garer" Boden gilt im Ackerbau als Idealzustand. Er ist krümelig, humos, eben gut durchlüftet und gerade ausreichend feucht. Künftige Winter, fürchtet Hartje, könnten den Boden durch übermäßige Nässe als vollgesogenen Schwamm zurücklassen. "Das wäre ein schlechter Start für die Frühjahrsfrüchte."

Vielfalt ist wichtig

Wie soll der Landwirt auf die Herausforderungen der Zukunft reagieren? Klar, er kann sich gegen extreme Wetterereignisse versichern lassen. Herkömmlich gegen Hagel und Sturm, neuerdings auch gegen Starkregen. "Aber das kostet viel Geld", sagt Hartje. "Und man kann sich ja nicht gegen alles versichern." Er setzt stattdessen auf Vielfalt im Anbau, will mit Hilfe immer besser werdender Wetterinformationen noch vorausschauender arbeiten, eine leistungsfähigere Technik einsetzen, Marktchancen nutzen, sich "breiter aufstellen."

Der Familienvater versteht sich als traditioneller Landwirt. Auf 200 Hektar Nutzfläche betreibt er Ackerbau (Weizen, Gerste, Zuckerrüben, Raps, Mais) und eine Schweinemast. Die vorausgesagten Hitzegrade könnten in der Stallhaltung zum Problem werden. Eine computergesteuerte Lüftungsanlage sorgt für angenehmes Klima, aber die Technik macht auch abhängig. "In diesem Sommer sind die Tiere gut fertig geworden mit der Hitze", berichtet der Landwirt erleichtert. "Sie haben ihren Rhythmus umgestellt, sind nachts aktiv geworden und haben stattdessen die Tage verdöst." Aber was, wenn die Technik einmal ausfällt? "Dann haben wir ganz schnell Verluste", befürchtet der Landwirt. "Durch Hitzeschlag."

Reglementierung "von oben"

Eine wichtige Aufgabe ist der Erosionsschutz für die Ackerböden. "Das ist im Interesse jeden Landwirts", sagt Hartje und kann sich deshalb mit den ganzen Diskussionen, Anordnungen und Reglementierungen "von oben" nicht anfreunden. "Wenn der Boden in gutem Zustand ist, kommen die Pflanzen besser mit dem Wetterstress klar." Der Landwirt weiß aber auch, dass es mit moderner Technik und einem ordentlichen beruflichen Wissen allein nicht getan ist. "Damit kann man zwar viel ausgleichen, aber der liebe Gott muss auch noch etwas tun. Denn das Wechselspiel zwischen Sonne, Wind und Regen muss stimmen."

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