Geschichts-AG des Gymnasiums am Markt spielt Theaterstück zur Wende / Aufführung in Sachsen geplant "Die Mauer abreißen? Red' keinen Unsinn!"

Achim. Kurz vor Schluss der Theateraufführung ist das Publikum plötzlich mitten im Geschehen beim Fall der Berliner Mauer. Unauffällig haben sich die Schauspieler unter die Zuschauer gemischt. Als sie nun, mit einer brennenden Kerze in der Hand, aufstehen und den bekannten Ruf aus dem Herbst 1989 anstimmen - "Wir sind das Volk" - kann sich niemand im Publikum entziehen. Alle skandieren mit. "Wir sind das Volk." Und dabei war kein Einziger der Zuschauer im November 1989 schon auf der Welt.
25.05.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Ralf Michel

Achim. Kurz vor Schluss der Theateraufführung ist das Publikum plötzlich mitten im Geschehen beim Fall der Berliner Mauer. Unauffällig haben sich die Schauspieler unter die Zuschauer gemischt. Als sie nun, mit einer brennenden Kerze in der Hand, aufstehen und den bekannten Ruf aus dem Herbst 1989 anstimmen - "Wir sind das Volk" - kann sich niemand im Publikum entziehen. Alle skandieren mit. "Wir sind das Volk." Und dabei war kein Einziger der Zuschauer im November 1989 schon auf der Welt.

Noch fünf Minuten, bis der Vorhang aufgeht. Auf und hinter der Bühne in der Aula des Gymnasiums am Markt (GamMa) geht es zu wie in einem Bienenkorb. Fabian hockt am Rand der Bühne und bekommt von Sina die Haare gegelt ("Ich spiele einen sehr schleimigen Typen"), Hakan sitzt schon hinten im Publikum, bekommt ein Handy in die Hand gedrückt und letzte Regieanweisungen ("Dreimal ganz laut klingeln lassen und dann nur 'Ja bitte' sagen"). Auch Lehrer Michael Müller beteiligt sich an der operativen Hektik, wuselt kreuz und quer durch den Raum. "Wo ist eigentlich der Bundeskanzler?" Aber der ist natürlich längst da, so wie alle anderen Mitwirkenden an dem Theaterstück der Geschichts-AG auch. "Die Wende in Bernburg" kann beginnen. Bühne frei für die "Deutsche Geschichte des Jahres 1989".

Die beginnt mit einer Zeitreise noch 28 Jahre weiter zurück. "Ich stehe hier im Ostsektor", erklärt Müller dem Publikum, das aus Schülern des 7. und 10. Jahrgangs besteht, die Bedeutung der rote Linie auf dem Fußboden. "Wir sind im Jahr 1961. Berlin war geteilt. Erst nach einem Schritt auf die andere Seite, konnte man aufatmen."

600 Ostberliner pro Tag, zusammen jeweils rund 200000 im Jahr 1959 und 1960, taten diesen Schritt auf die andere Seite, erzählt Müller. Die DDR reagierte darauf mit dem Bau der Mauer, auf der Bühne dargestellt durch zwei spielende Freundinnen, die durch einen Stapel Kisten getrennt werden.

Dann springt das Theaterstück ins Jahr 1989. Die beiden Freundinnen sind Ende 30, haben längst selbst Kinder. Und völlig unterschiedliche Sichtweisen auf die Mauer. "Ich bin jetzt 39 Jahre alt und seit 28 Jahren eingesperrt", sagt die Frau im Osten und glaubt fest daran, dass die Mauer eines Tages fallen wird. "Red nicht so einen Unsinn", raunzt dagegen die ehemalige Freundin im Westen ihre Tochter an, als die fragt, ob man die Mauer nicht einfach abreißen könne.

Die Anregung zu dem Theaterstück stammt von den Schülern selbst, erzählt Müller, der die Geschichts-AG leitet. Im ersten Halbjahr habe er die Jugendlichen zur deutsch-deutschen Geschichte unterrichtet. "Dann haben wir uns überlegt, wie wir das auf der Bühne umsetzen können. Die Ideen kamen von den Schülern, und ich habe daraus ein Drehbuch gemacht."

Das Ergebnis ist ein gleichsam lehrreicher wie kurzweiliger Streifzug durch den DDR-Alltag bis hin zum Fall der Mauer 1989. Begonnen mit vergleichsweise harmlosen Episoden wie etwa einer FDJ-Versammlung ("Metallsammlung für den Sozialismus"), aber schon recht bald angelangt bei bedrohlichen Szenen, die von Drangsalierung und Erpressung der DDR-Bürger erzählen, die ihre Freunde, Eltern und Kollegen für die Staatssicherheit ausspionieren sollten.

Zahlreiche witzige Einfälle sorgen dabei immer wieder für Auflockerung. Da ist der Staatsratsvorsitzende Erich Honecker, der mit Fistelstimme die Erfolge des Sozialismus preist. Oder eine Frau namens "Angie", die nie auf der Bühne auftaucht, aber stets gefragt wird, ob sie mitmachen will, etwa bei den geheimen Treffen in der Kirche. "Nein, ich habe Angst", lautet jedes Mal die Antwort aus dem Off. Überaus gelungen auch die kurzen Fernsehsequenzen, bei denen die Moderatorin mittels laut vernehmlicher Tröte auf unkorrekte Formulierungen hingewiesen wird. "An der Berliner Mauer ...", trööööt: "Entschuldigung: am antifaschistischen Schutzwall ..." Dieselbe Tröte erklingt später im Westfernsehen, als Bundeskanzler Helmut Kohl von seinen "Untertanen" spricht. Trööööt: "Entschuldigung: Mitbürger".

Jede der mitspielenden Personen übernimmt eine bestimmte Position innerhalb des DDR-Regimes. Die Mutige, der Zögernde, die Ängstliche, der Gleichgültige... "Wir haben stereotype Figuren geschaffen, die für Tausende andere Menschen in der DDR standen", erläutert Michael Müller, der selbst 1990 vom Westen aus in die DDR aufgebrochen war, um dort im "Demokratischen Aufstand" mitzuarbeiten.

Am Ende der Aufführung ruft Müller alle Personen einzeln auf die Bühne und lässt sie erzählen, was aus ihnen inzwischen geworden ist. Ein letzter pfiffiger Regieeinfall, der dokumentiert, dass es nicht nur Gewinner gab beim Fall der Mauer.

Bislang haben die Jugendlichen ihr Stück nur für ihre Mitschüler am GamMa aufgeführt. Am 7. Juni gibt es um 19 Uhr eine Aufführung im Kasch für Familienangehörige und alle anderen interessierten Achimer. Der Eintritt ist frei, aber die Theatertruppe hofft auf Spenden der Zuschauer zur Finanzierung einer dreitägigen Busreise nach Leipzig Anfang Juli. "Dort wollen wir uns die Originalschauplätze der Wendezeit anschauen", erzählt Michael Müller. Und Theater spielen: Geplant ist eine Aufführung, auf die die Beteiligten aus Deutschland West ganz besonders gespannt sind - am Sächsischen Gymnasium in Oschatz.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+