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Konzerte in der Warflether Konzertkirche
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Weltstars zum Anfassen

Albrecht-Joachim Bahr 21.02.2015 0 Kommentare

Konzerte mit Musikern von Weltformat in einer kleinen Kirche hinter dem Deich – geht das? Es geht, jedenfalls in Warfleth. Es geht, weil sich Reinhard Rakow dafür mit der Musikreihe „Berne bringt“ mächtig ins Zeug legt. Kunst gehört nicht nur in die Stadt, meint der Ex-Anwalt. Auch das Land hat Anspruch darauf. Und so machen er und Freunde diesen Anspruch geltend.

Konzert Kirche Warfleth Violistin Ida Bieler
Gehört zur Weltklasse: Die mit vielen internationalen Auszeichnungen bedachte Violinistin Ida Bieler tritt am 18. Oktober erneut in Warfleth auf. AJB· (Christian Kosak)

Die Sängerinnen und Sänger Anna Lucia Richter, Christiane Iven und Frederik Baldus, zudem die Violonistin Ida Bieler und der Pianist James Maddox – um nur einige Namen von Künstlern mit internationalem Renommee zu nennen. Wie schafft es Reinhard Rakow, an solche Leute zu kommen? Wie schafft er es, sie zu bewegen, ausgerechnet in Warfleth aufzutreten, in der kleinen Kirche hinterm Deich?

„Zunächst einmal“, sagt Rakow bestimmt, „spielt hier die hervorragende Akustik eine entscheidende Rolle“. Und wie zum Beleg erzählt er, dass der italienische Akkordeon-Virtuose Teodoro Anzellotti, der hier vor vier Jahren die „Goldbergvariationen“ gespielt hat, seiner Plattenfirma vorgeschlagen habe, Aufnahmen mit ihm in Warfleth zu machen. Daraus sei letztlich nichts geworden, aber immerhin. „Sehen Sie, Detlef Bratschke vom Bremer Barock-Consort hat mir gegenüber mal geäußert, dass man hier dreimal so genau singen müsse. Sonst höre man gnadenlos jeden Fehler.“

Außerdem sei das Ambiente heimelig. Mit Platz für gerade einmal gut 130 Besuchern sei es in der Warflether Kirche doch recht kuschelig. „Da sitzen die Musiker den Zuschauern praktisch auf dem Schoß. Diese Enge, diese Nähe zum Publikum, das wissen die Künstler zu schätzen.“ Das glaube man gar nicht, bei diesen Größen, die sonst in Konzertsälen auftreten. „Herzlichkeit, Aufnahmebereitschaft, eine warme Atmosphäre“, zählt Rakow auf, „das Publikum hier ist das Pfund, mit dem wir wuchern können“. Die Konzertreihe „Berne bringt“ sei aber auch im Lauf der Zeit gewachsen, sagt er und vergisst nicht, die Arbeit der Gemeinde besonders herauszustellen. Dass hier ein Team hinter ihm stehe und ihn unterstütze.

Rakow, seinerzeit noch Anwalt und Notar, hatte vor 15 Jahren in Edewecht, einer kleinen Ortschaft nahe Oldenburg, die Leitung des Kulturvereins übernommen, Konzerte organisiert und rezensiert. Vier Gemeinden waren eingebunden. „Und alle wollten mitmachen, wollten ihr Konzert. Da gab’s nicht selten Eifersüchteleien, und da war gelegentlich Überzeugungsarbeit zu leisten.“ Da habe sich im Laufe der Zeit einiges aufgebaut, von dem er heute profitiere. Vor allem aber hat er gelernt: Wenn bei unbekannten Namen wenig Zuhörer kommen, dann versucht er es halt mit großen Namen.

Konzertkirche Warfleth
Direkt hinter dem Deich: die Konzertkirche in Warfleth. AJB· (Albrecht-Joachim Bahr)

Angefangen hat es mit diesen großen Namen bei einer Autofahrt durch Hannover. Im Tagebuch verzeichnete Anwalt Rakow damals (und hier etwas verkürzt): „Ich war spät dran. Den Kopf mitten im Termin, der mir bevorstand. Ich hatte den CD-Wechsler neu befüllt, ein Sampler, vor Jahren gekauft, nie zu Ende gehört. Cello-Suite Nummer 6 von Bach, gespielt mit Tempo und Affekt. Plötzlich war die Welt wieder in Ordnung. Kodálys Sonate hingegen traf mich unvorbereitet. Den ersten Satz und das Adagio hörte ich noch fahrend. Den dritten Satz hörte ich im absoluten Halteverbot vor einem Polizeirevier. Dann ließ ich bei Gericht mitteilen, ich säße fest, es könne noch dauern und hörte mir den dritten Satz zwei weitere Male an. Zwei weitere Male Allegro molto vivace, zwei weitere Male Musik, die besoffen machte vor Glück.“

Jetzt hatte sich für Anwalt Rakow endgültig eine Tür aufgetan. Auch das würde künftig zu seiner Welt gehören: Konzerte wenn möglich auch mit unerhörter Musik zu organisieren. Und Kodálys Sonate mittenmang. Also forschte er nach, wer die in der Region spielen könnte. Doch selbst die Cellisten des Staatstheaters Oldenburg winkten ab: Zu schwer! Vielleicht, dass er, Rakow, mal bei Maria Kliegel anfrage. Bei „La Cellissima“, von der Mstislaw Rostropowitsch einst gesagt haben soll, sie sei die beste Cellistin, die er seit Jacqueline du Pré gehört habe.

Rakow rief Maria Kliegel an, warb für seine Musikreihe in Edewecht und erzählte ihr von seinem Kodály-Erlebnis. Zudem schickte er ihr besagten Tagebucheintrag – und im November 2006 spielte La Cellissima in der Christuskirche zu Edewecht. Die Verbindung blieb bestehen und in Folge bestritt Maria Kliegel auch Konzerte in Warfleth.

Reinhard Rakow
Reinhard Rakow. (Albrecht-Joachim Bahr)

„Für mich ist wesentlich“, sagt Reinhard Rakow, „dass ich die Künstler nicht hierher hole, um sie finanziell zu verheizen“. Das Interesse füreinander sollte schon über den Auftritt hinausgehen. Die Künstler solle begeistern, was auch ihn begeistere. „Auch die Chemie muss stimmen“, sagt er weiter und fährt selbstbewusst fort: „Ich hole nur Leute, von denen ich überzeugt bin.“ Natürlich ist das nicht selten ein Spagat: Machen die Künstler bei einem solch schmalen Budget mit? „Bei solchen, von denen man weiß, dass sie unter 8000 Euro Gage nichts machen, da lasse ich von vornherein die Finger davon.“ Aber mit der Zeit („Man bewegt sich halt in solchen Kreisen, schließt Freundschaften, pflegt Bekanntschaften“) sind es immer mehr Künstler, die Warfleth auf ihrem Zettel haben. „Kultur“, betont Rakow abschließend, „kann nicht nur in großen Städten stattfinden“. Auch das Land habe Anspruch darauf. „Das ist hier manchmal wie ein trockener Schwamm.“

Und er schließt mit der Geschichte eines „alten Mütterchens“, das hier in der Kirche die „Sieben letzten Worte des Erlösers“ hören wollte. Von Joseph Haydn, wie sie irrtümlicherweise erwartete. „Dabei waren es die ,Sieben letzten Worte’ der zeitgenössischen russischen Komponistin Sofia Gubaidulina.“ Was das Mütterchen anfangs wohl etwas irritiert haben musste. Zum Schluss aber („Wenn das Cello, also Jesus, das Leben aushaucht“) hätten ihr Tränen der Rührung in den Augen gestanden.


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