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Fluchtpunkte: Teil 2 der Serie
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Drei Jahre nach der Ankunft

Patricia Brandt 29.06.2018 0 Kommentare

Die Familie Karkour ist jetzt um ein Mitglied reicher: Rafif (von links), Mutter Salma, Baby Omar, Vater Zyad und Nesrin.
Die Familie Karkour ist jetzt um ein Mitglied reicher: Rafif (von links), Mutter Salma, Baby Omar, Vater Zyad und Nesrin. (Christian Kosak)

Ein 16-Jähriger, der mit seinem Vater aus Syrien geflohen ist und seine Mutter und Geschwister zurücklassen musste. Eine vierköpfige Familie, die auf einem Flüchtlingsboot im Mittelmeer um ihr Leben bangte. Menschen aus dem Übergangswohnheim in Grohn schilderten der NORDDEUTSCHEN ihren Weg in die neue Heimat. Ein Jahr lang begleitete die Redaktion die neuen Nachbarn 2015 im Rahmen einer Langzeitreportage, begleitete sie in die Schule, zum Jobcenter und nicht zuletzt zum Deutschkursus. Wie ist es den Familien in der Zwischenzeit ergangen? Besuch bei zwei der Familien.

Feierabend bei Familie Karkour. Die beiden Töchter sitzen in pastellfarbenen Hausanzügen auf dem Sofa, die Köpfe über ein Tablet gebeugt. Mit lauten Rufen kommentieren sie fröhlich das virtuelle Spiel – auf Deutsch. Wer Nesrin und Rafif zuhört, stellt sich nicht vor, dass sie erst vor wenigen Jahren aus Syrien geflohen sind. „Noch anderthalb Jahre, dann sind wir Bremer“, hofft ihr Vater Zyad Karkour. Er sorgt sich, dass die Deutschen ihre Aufenthaltsgesetze ändern könnten. Bremer wird man nicht mal eben so. Es müssen schon heute bestimmte Integrationsleistungen erbracht werden, um einen unbefristeten Aufenthalt zu erhalten. Allerdings herrscht unter den Geflüchteten offenbar viel Unsicherheit, was die tatsächliche Rechtslage angeht. Er kenne Zugewanderte, deren Aufenthaltsgenehmigung für drei Jahre verlängert wurde, „obwohl sie nicht einen Tag gearbeitet haben und meine Aufenthaltsgenehmigung wurde auch nur auf drei Jahre befristet, obwohl ich seit anderthalb Jahren allein für den Lebensunterhalt meiner Familie aufkomme.“

Job auf der Baustelle

Der Syrer sitzt nach Feierabend neben seinen Kindern auf der Couch. Manchmal gehe er schon vor 20 Uhr ins Bett, so anstrengend sei der Job auf der Baustelle, rund 35 Kilometer von der Doppelhaushälfte entfernt, in der die Familie zur Miete lebt. „Aber der Job ist gut. Ich bin zufrieden“, beeilt sich Zyad Karkour zu sagen.  

Gerade hat Karkour, der in Syrien als Assistent eines Bauingenieurs gearbeitet hatte, einen Lkw- und einen Gabelstaplerführerschein gemacht. „Theorie und Praxis im ersten Anlauf bestanden“, berichtet Nachbarin Karen Sonnekalb, die an diesem Abend spontan rüber gekommen ist. Das Ehepaar Sonnekalb hatte 2015 die Reportagen in der NORDDEUTSCHEN über die Flüchtlingsfamilien gelesen und  erfahren, wie der Familienvater zwischen die Fronten geraten war, als er Lebensmittel in Krisengebiete gebracht hatte. Die syrische Familie bezahlte einen Schlepper, der sie nach Italien hätte bringen sollen: „Wir hatten uns vorgestellt, es gäbe Rettungswesten und es sei eine sichere Sache“, erklärte der Vater damals. Zuletzt kenterten die Flüchtlinge das Boot nahe der Küste, damit die Schlepper von der Polizei gestellt werden konnten.

Zyad Karkours Frau Salma stellt starken schwarzen Tee in zierlichen Gläsern und süßen Kuchen auf den dunkelbraunen Wohnzimmertisch. An diesem Tag ist die junge Frau noch hochschwanger mit dem dritten Kind. „Wenn Omar in den Kindergarten kommt, mache ich ein Praktikum“, sagt die gelernte Bankkauffrau mit fester Stimme. Auch einen B2-Deutschkursus will sie erneut absolvieren. Den ersten Deutschkursus hatte sie noch mit Bravour bestanden. Doch bei dem erweiterten Kursus versäumte sie durch einen schweren Fahrradunfall ihrer Tochter viel Unterrichtsstoff. „Die Prüfung konnte sie nicht schaffen“, sagt die Nachbarin.

Sorge um Angehörige

Sie bete oft, sagt Salma Karkour, für die Menschen in Syrien. „Wir haben ein gutes Leben in Deutschland und die haben nichts. Nur Kälte, Krankheit und Hunger.“ Die Bilder des Krieges lassen die Familie nicht los. „Erst vor Kurzem sind zwei Cousins von mir gestorben“, sagt Zyad Karkour und ergänzt: „Sie waren 16 und 25 Jahre alt. Beide saßen zu Hause, als die Bomben auf ihr Haus fielen.“

Es kommen in der öffentlichen Debatte um Flüchtlinge und Migration selten die Flüchtlinge selbst zu Wort. Nach einer Sinus-Umfrage unter Geflüchteten distanzieren sich Geflüchtete oft bewusst von jenen Asylbewerbern, die sich der deutschen Gesellschaft gegenüber verschließen. Es sei ein zentrales Ziel der meisten Neubürger, sich zu integrieren und nicht vom deutschen Sozialsystem abhängig zu sein.

Arbeit und Ausbildung spielen zurzeit auch bei der Familie des Zahntechnikers Firaz Sammour aus der syrischen Stadt Daraa eine wichtige Rolle. Der dreifache Vater hatte 2014 entschieden, mit dem ältesten Sohn Soheb aus dem Krisengebiet zu fliehen. Er hatte Sorge, dass der Sohn in den Krieg geschickt werden würde. Die Mutter Abeer Salamh, eine Englischlehrerin, und die Geschwister Mohammad, damals 15 Jahre alt und die zu dem Zeitpunkt neunjährige Rama blieben zunächst zurück. Weite Teile der Strecke legten Vater und Sohn zu Fuß zurück. Soheb Sammour erinnerte sich, wie sie sich monatelang von Dosenfisch und Datteln ernährten und an Lagerfeuern schliefen. Inzwischen lebt die gesamte Familie in einer Wohnung in Vegesack. 

„Wer von uns ist wohl der Ältere?“, fragt Soheb Sammour und grinst. Der inzwischen 20-jährige Syrer hat den Arm um seinen jüngeren Bruder gelegt. Die beiden verstehen sich gut, meistern zusammen die Schwierigkeiten, vor die sie der Alltag in Deutschland stellt: „Wir suchen gerade einen Ausbildungsplatz für meinen Bruder. Er möchte Friseur werden“, sagt Soheb Sammour. Zu zweit hätten sie viele arabische Salons abgeklappert, aber niemand bilde aus. Auch im vierten Jahr nach ihrer Ankunft in Deutschland bewegt sich die fünfköpfige Familie hauptsächlich in einem arabischen Umfeld. Ein paar deutsche Freunde wie ehrenamtliche Helfer aus dem Übergangswohnheim gibt es aber doch.

Freiwillige der Vegesacker Willkommensinitiative hatten Firaz Sammour geholfen, die Familie nachzuholen und eine Bürgschaft für Flugtickets übernommen. Inzwischen besucht Soheb Sammour die zehnte Klasse des Gymnasium Vegesacks. Er hat das Oberstufenprofil Luft- und Raumfahrt gewählt. Sein Ziel ist es, in zwei Jahren Abitur zu machen. Probleme habe er in der Schule lediglich mit der Sprache. „Vor allem mit Fachbegriffen“, berichtet er.

Aufenthalt ist befristet

Manchmal fehlt ihm nur ein Wort: „Ich weiß, dass es einen Platz gibt, wo man Autofahren üben kann“, sagt Soheb Sammour und zückt sein Smartphone. „Aber wo ist das?“ Als er das Wort Verkehrsübungsplatz ins Telefon tippt, hat er die gesuchte Adresse. Um sich Fahrstunden leisten zu können, hat sich der 20-Jährige einen Nebenjob als Telefonist eines Pizzabringdienstes gesucht. Sein Vater hat inzwischen ein Auto gekauft, mit dem die Familie demnächst mal syrische Freunde in Süddeutschland besuchen will.

„Morgens Schule und Arbeit und nachmittags lernen und einkaufen“, so beschreibt Mutter den Alltag der Familie. Die inzwischen elfjährige Rama besucht eine Oberschule und komme „sehr gut“ im Unterricht mit, wie ihre Mutter lobt. Die Englischlehrerin selbst lernt ebenfalls Deutsch, um die B2-Deutschprüfung zu bestehen. „Dann habe ich vielleicht die Chance, eine Stelle als Englischlehrerin zu finden.“ Zurzeit ist der Aufenthalt auch der Familie Sammour nur befristet, voraussichtlich bis 2019. Beide Familie wollen an der Weser bleiben. Aber wer weiß, sagt Zyad Karkour, vielleicht wollen seine Töchter später im Ausland studieren.

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Mehr als die Hälfte der Flüchtlinge besteht ihren Deutschtest nicht. Die Zahl derjenigen, die in Jobs vermittelt werden können, ist gering. Es gibt zu wenig Wohnungen. Und die Bereitschaft der Bevölkerung, Flüchtlinge ehrenamtlich zu unterstützen, ist gesunken. 2015 hat unsere Redaktion Familien ein Jahr lang begleitet und miterlebt, wie sie in der neuen Heimat erste Erfahrungen gesammelt haben. Die Serie „Fluchtpunkte“ beleuchtet erneut die Situation der Flüchtlinge in Bremen-Nord aus verschiedenen Perspektiven, um so ein Gesamtbild rund drei Jahre nach der Ankunft zu skizzieren. Es geht darum, welche Sorgen die Familien heute haben und was passieren muss, damit die Neuankömmlinge integriert werden können. An diesem Sonnabend berichten wir über den Alltag zweier syrischer Familien im Bremer Norden.

Dieser Artikel ist Teil der zwölfteiligen Serie "Fluchtpunkte".

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Leserkommentare
erschreckerbaer am 22.10.2019 21:34
Ist doch in Ordnung.
Bis jetzt habe ich 48 Jahre in die Rentenkasse eingezahlt.
Habe dafür Steuern bezahlt.
Würde ich mit 67 in ...
flutlicht am 22.10.2019 20:43
Lieber @Wk, wann hat Höffner denn nun die Fläche erworben? Mal schreiben Sie von 14 Jahren im Text und in der Einleitung von 11 Jahren. Was stimmt?