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Lesung in der Vegesacker Bibliothek
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Eine Geschichte ohne Ende

Albrecht-Joachim Bahr 27.01.2018 0 Kommentare

Imke Müller-Hellmann
Imke Müller-Hellmann, Autorin des Buches "Verschwunden in Deutschland" ist am 13. Februar in der Stadtbibliothek zu Gast. (Albrecht-Joachim Bahr)

Vegesack. „Seerp sitzt auf der Rückbank und lacht – jeden Moment könnte sich das Auto festfahren. Er lacht laut und Pieter dreht schmunzelnd am Lenkrad und die Grabsteine drehen sich im Kreis, den Pieter mit seinem Wagen beschreibt. Und ich sitze tatsächlich mit zwei vergnügten alten Männern aus Friesland an einem kalten Februartag im nordwestlichen Zipfel der Niederlande in einem klapprigen Auto, das auf einem engen Fußweg unter Winterbäumen einen Friedhof umkurvt. Schade, denke ich, dass ich das nicht gefilmt habe.“

Imke Müller-Hellmann, Jahrgang 1975 und Autorin aus Bremen, filmt diese Szene nicht, aber sie beschreibt sie in ihrem Buch „Verschwunden in Deutschland“. Sie wird aus diesem Buch lesen, in der Stadtbibliothek Vegesack, am 13. Februar im Rahmen des Jahrestages zur Erinnerung an die Opfer des NS-Systems. Es ist die Geschichte einer Spurensuche durch Europa, die im ostfriesischen Dorf Engerhafe beginnt, gelegen an der B 72 zwischen Aurich und Norddeich. Eine Suche, die unter anderem bis in den Nordwesten der Niederlande, bis nach Sexbierum führt. Bis zu Seerp (damals 80) und Pieter (88).

Gedenkstein in Engerhafe

Beide sind Neffen von Rients Westra, der Anfang 1944 von den Deutschen verschleppt, ins KZ Neuengamme deportiert wurde und von dort aus nach Engerhafe, wo er zur Zwangsarbeit eingesetzt wurde und am 30. November des Jahres an Erschöpfung starb. Sein Name findet sich heute auf einem Gedenkstein auf dem Engerhafer Friedhof. Zusammen mit weiteren 187 Namen von KZ-Opfern, von 68 Polen, 46 Niederländern, 21 Letten, 17 Franzosen, neun Russen, acht Litauern, fünf Deutschen, vier Esten, drei Belgiern, zwei Italienern sowie je von einem Slowenen, Dänen, Spanier und Tschechen.

Auslöser für Imke Müller-Hellmann, sich auf die Suche nach Verwandten, Freunden oder Bekannten dieser Opfer zu machen, waren Erinnerungen ihrer Großmutter Elli. Sie hatte das damals mitbekommen, die Zwangsarbeiter auf dem Marsch vorbei an ihrem Haus zur Fronarbeit und dann später auf dem abendlichen Rückweg, wo, wie die Enkelin in ihrem Buch schildert, „die Überlebenden ihre toten und halbtoten Kameraden mitschleppten. Weil sie selber keine Kraft mehr hatten, zogen sie die ausgemergelten Körper an den Füßen hinter sich her, sodass die Köpfe immer wieder auf das Pflaster schlugen. Die Lumpen rutschten dabei über die Gesichter und verbargen die verhungerten Körper nicht mehr ...“. 

„Meine Großmutter konnte sich den Namen nicht zuwenden“, sagt Müller-Hellmann, „aber ich kann es.“ Sie notierte sich die Namen und versuchte in der Gedenkstätte Neuengamme, weitere Daten zu bekommen. Elf mal macht sie sich auf die Suche und findet schließlich Familien der Opfer in Frankreich, Polen, in den Niederlanden, Dänemark, Spanien, Lettland und Slowenien. Imke Müller-Hellmann beschreibt in ihrem Buch die Mühen der Kontaktaufnahme, das Warten auf Rückmeldung, das erste Treffen, die Geschichten dann, die Lebensläufe, alte Briefe, vergilbte Fotos.

Auf jeweils gut zehn Seiten schildert die Autorin den Weg ihrer „Schützlinge“ durch eine Zeit, die schlichtweg unfassbar ist. ­Namen, Tage, Jahre, Orte, Eisenbahntransporte, Bombenhagel und Giftgas, Verrat, ­Widerstand und Mitläufer, Tiefflieger und Hunger, Todesurteile. Und Begnadigungen zu etwas, was noch schlimmer scheint als der Tod. Allein die Geschichte von Manuel Canto Guerrero – geboren am 6. Januar 1903 in Puebla de los Infantes, einem Dorf der Provinz Sevilla, beerdigt am 29. November 1944 zusammen mit anderen 16 Häftlingen im Lager Engerhafe, laut Ausgrabungsbuch: nicht identifiziert – allein diese Geschichte ist einfach unglaublich.

Imke Müller-Hellmann bleibt nichts anderes übrig, als zuzuhören und aufzuschreiben. Die Fakten müssen reichen. Denn ­ließe man sich auf den Wahnsinn ein, würde man selbst schier wahnsinnig. Sie schützt sich, indem sie zum Beispiel ihre Suche schildert, manchmal mit der Leichtigkeit, die eine Ansichtskarte versprüht. Und die Schilderung der ersten Kontakte mit Behörden, Polizei und Museumsmenschen fällt nicht selten ironisch bis selbstironisch aus. Die Schilderungen der Begegnungen aber mit Verwandten der Opfer sind immer anrührend, immer mit Herzblut erzählt. Bis hin zu jener Autofahrt rund über den Friedhof mit Seerp und Pieter.

Das Buch ist vor vier Jahren erschienen. Aber noch heute gibt es immer wieder neue Kontakte zu Angehörigen. Überhaupt scheint die Geschichte nie ein Ende zu finden. Einige der elf Opfer sind inzwischen in Einzelgräber umgebettet worden. Eine slowenische Familie hat eine handvoll Heimaterde mitgebracht, um sie auf der Stelle zu verteilen, wo ihr Angehöriger begraben ist. „Aber“, sagt Imke Müller-Hellmann, „das Zeitfenster geht allmählich zu“. Allein die Kinder, die Nichten und Neffen seien heute in der Regel schon hoch in den 80ern.

Ebenfalls so alt sind auch die Kinder, Nichten und Neffen derjenigen, die damals in Engerhafe lebten. Und die, sagt Imke Müller-Hellmann, legten nach und nach ihre Abschottung, das Verdrängen des Erlebten ab. Allmählich kämen mehr und mehr zu den Gedenkveranstaltungen. „Und sie fangen an, selbst zu erzählen. Vom Pausenbrot, das sie als Schüler damals mit den Gefangenen geteilt hätten, dann aber dazu verdonnert worden seien, das Brot nur noch im Schulgebäude zu essen.“ Oder von einem Bein, das über den Rand einer Schubkarre baumelte, die die Gefangenen dabeigehabt hätten. Und es gebe jetzt einen 90-Jährigen in Engerhafe, der die zumeist auf heimischen Platt erzählten Geschichten sammelt und aufschreibt.


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elfotografo am 22.10.2019 18:55
"Es ist doch ein Märchen, dass man mit einer Loge Geschäftskontakte akquiriert oder pflegt, geschweige denn Geschäfte abschließt."

Haben ...
FloM am 22.10.2019 18:51
@gorgon1:
Abgedroschen ist es den x-ten Kommentar mit undifferenzierten Anschuldigungen zu schreiben.

Die Erkenntnis, daß man Teil ...