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„Es geht um Recht und Gerechtigkeit“

Michael Brandt 21.05.2019 0 Kommentare

Die Bremer Stadtmusikanten tauchten in der zweiten Ausgabe der Märchensammlung der Brüder Grimm auf.
Die Bremer Stadtmusikanten tauchten in der zweiten Ausgabe der Märchensammlung der Brüder Grimm auf. (Mohssen Assanimoghaddam)

Herr Brand-Kruth, Sie haben sich  international als Märchenexperte etabliert und werden sicher als Kenner der Stadtmusikanten in die Annalen Bremens eingehen. Was war für Sie der Anlass, sich so intensiv mit den Bremer Stadtmusikanten auseinanderzusetzen?

Dieter Brand-Kruth: Die Bremer Stadtmusikanten gehören zu den bekanntesten Märchen der Welt. Es geht um Freundschaft, Solidarität, Vertreibung und das Ausrangiert werden. Der Rat ist: Wenn du alt bist, solltest du deine Ressourcen ausloten, dir Ziele setzen und Verbündete suchen. Ich beschäftige mich seit 2007 mit den Tieren. Meine damalige „Doktormutter“ an der Universität Bremen hat mir vorgeschlagen, über das Thema „Bremer Stadtmusikanten“ zu promovieren.

Dieter Brand-Kruth
Dieter Brand-Kruth (Das Gute Portrait Bremen)
Was sollte denn im Fokus der Doktorarbeit stehen?

Zunächst sollte das Thema ‚Die Alten‘ im Vordergrund stehen, aber nachdem ich intensiv rund um das Märchen recherchiert und gesammelt habe, war mir klar, dass ich das Thema ändern musste. Ich habe dann innerhalb von zweieinhalb Jahren 448 Seiten über „Die Bremer Stadtmusikanten – eine soziokulturelle Studie“ geschrieben.  

Wie sind die Brüder Grimm auf die Stadtmusikanten gestoßen?

Ab 1806 haben die Brüder Grimm Märchen gesammelt. Sie hatten rund 50 Vermittler, die ihnen die Beiträge geliefert haben. Die erste Auflage der „Kinder- und Hausmärchen“ erschien 1812 und 1815 in zwei Bänden. Aber erst in der zweiten Auflage von 1819 tauchen die Stadtmusikanten auf. Die Ursprünge dieser Tiergeschichte stammen aus dem Mittelalter. Unterschiedlich viele verschiedene Tiere – es sind nicht Esel, Hund, Katze und Hahn - machen sich auf den Weg, kommen zu einem Haus und verscheuchen die Bewohner. Bremen kommt als Ort nicht vor.

Und wie kam es, dass das Märchen in Bremen verortet wurde?

Bremen war ein Sehnsuchtsort. Eigentlich haben die Brüder Grimm die Märchen nie verortet, aber dieses Märchen spielt eindeutig auf Bremen an. Die Freie Hansestadt ist und war ein Bild für Freiheit – auch am Anfang des 19. Jahrhunderts. Damals gab es schon erste Auswanderungen über die Weser und Bremen nach Übersee. Außerdem waren Jakob und Wilhelm Grimm eng mit Bremens damaligen Bürgermeister Johann Smidt befreundet.

Früher gab es in Bremen ja tatsächlich historische Stadtmusikanten, die von der Stadt bezahlt wurden…

Ja, die hatten zwischenzeitlich auch einen guten Ruf, aber diese Ära ging Ende des 18. Jahrhunderts zu Ende. Die Stadtmusikanten haben nicht mehr gut musiziert. Darauf basiert auch die sogenannte „Spott-Theorie“: In Bremen kannst du auch mit Kakophonie Geld verdienen. Da kann jeder was werden.

Warum wurden als Musikanten ausgerechnet Esel, Hund, Katze und Hahn gewählt?

Hier wird eindeutig das Gesinde, also Dienstboten, versinnbildlicht. Das basiert womöglich unter anderem darauf, dass August von Haxthausen aus Bökendorf nahe Paderborn den Brüdern Grimm Geschichten vermittelt hat. An seinem Hof gab es Gesinde. Die Menschen haben sich viele Geschichten erzählt, und da ergibt sich eine Verbindung zum Inhalt der Bremer Stadtmusikanten. In einem Anmerkungsband von 1822 haben die Grimms auch diese Quellen erwähnt.

Was haben die vier Tiere denn mit Bediensteten zu tun?

Esel, Hund, Katze und Hahn sind Sympathieträger. Sie sind Lastenträger, Bewacher, Mäusejäger und morgendlicher Weckruf, haben also eine Dienstboten-Tätigkeit wie Knecht und Magd. Wie in vielen anderen Märchen geht es in diesem Märchen auch um Recht und Gerechtigkeit. Schon im Mittelalter gab es Fabeln mit verschiedenen Tieren. Versinnbildlicht wurden vor allem die Eigenschaften von Menschen. Und darauf haben die Grimms zurückgegriffen.

Gab es schon vorher Geschichten, in denen Tiere übereinander gestapelt wurden?

Ja, im Sanskrit gibt es die Erzählung „Die vier geistigen Brüder“. Da tauschen sich Elefant, Affe, Hase und Rebhuhn darüber aus, wer aufgrund des Alters die ältesten Rechte an einem Baum hat und davon essen darf. Das Rebhuhn kann überzeugen. Es steht am Ende auf dem Hasen, dem Affen und dem Elefanten. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Grimms dieses buddhistische Vorbild gekannt haben. Es geht auch hier um die Ehre des Alters.

Inwiefern lassen sich die Stadtmusikanten einem Geschlecht zuordnen?

Das ist nicht festgelegt. Jedes Tier ist ein bestimmter Typ. Der Rezipient kann in ihnen sehen, was er will. Aber viele sehen die Katze als weiblich. Und der Hahn ist ja eindeutig männlich.

Sie sammeln alles rund um die Bremer Stadtmusikanten, was ist ihr wichtigstes Sammlerstück?

Die Erstausgabe der zweiten Auflage der Grimm’schen Märchen von 1819. Danach habe ich lange gesucht und sie dann glücklicherweise in einem Antiquariat gefunden. Hier ist der charakteristische  Märchenton von Wilhelm Grimm zu hören. Die Sprache ist sehr bildhaft. Das war ein enormes Glücksgefühl. Ohne das Internet hätte ich die Ausgabe nie bekommen. Das Buch ist jetzt als Leihgabe in der Kunsthalle bei der Jubiläumsausstellung zu sehen. Insgesamt werden dort 100 meiner Objekte ausgestellt. Vom 21. bis 23. Juni gibt es in der Stadtbibliothek zudem ein Symposium zum Thema „200 Jahre Die Bremer Stadtmusikanten“, das ich gerade organisiere.

Das Gespräch führte Imke Molkewehrum.

Zur Person

Dieter Brand-Kruth ist Lehrer für Deutsch und Biologie. Seit 2007 erforscht der 56-Jährige die Historie der Bremer Stadtmusikanten und veröffentlichte 2017 seine 448-seitige Doktorarbeit „Die Bremer Stadtmusikanten - eine soziokulturelle Studie". Zudem veröffentlicht er am 3. Juli sein Buch „Auf nach Bremen – Den Stadtmusikanten auf der Spur“.

Zur Sache

Vortrag an diesem Abend „Der Weg von Esel, Hund, Katze und Hahn ins Märchenbuch“ steht an diesem Mittwoch, 22. Mai, ab 18.30 Uhr im Zentrum eines Vortrages von Dieter Brand-Kruth. Die Veranstaltung im Café „ Alma“ im Kito ist kostenlos und richtet sich an Erwachsene. Eine Reservierung ist willkommen unter Telefon 04 21/47 85 399 oder 04 21/63 22 14. 


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Leserkommentare
hopfen am 21.10.2019 11:38
Ein sehr gutes Beispiel dafür wie realitätsfern Politiker inzwischen sind. Würden alle fast identische Ferienzeiten bekommen, würde das absolute ...
admiral_brommy am 21.10.2019 11:29
Zitat: ".....und die Behörden lehnen seinen Asylantrag ab. "

Ausreisepflichtig scheint er aber nicht zu sein. Warum?
Warum ...