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Falscher Name auf Gedenkstein

Gabriela Keller 11.07.2019 0 Kommentare

Herbert Kräft am Denkmal in Beckedorf, wo sein Name in Stein gemeißelt ist. Stehen müsste dort der seines Bruders Günter, der im Mai 1945 beim Spielen mit einer Panzerfaust starb.
Herbert Kräft am Denkmal in Beckedorf, wo sein Name in Stein gemeißelt ist. Stehen müsste dort der seines Bruders Günter, der im Mai 1945 beim Spielen mit einer Panzerfaust starb. (Fotos: Kosak)

Beckedorf. Der Findling auf dem Sockel aus Granitsteinen erinnert an die im Ersten und Zweiten Weltkrieg gefallenen Beckedorfer. Namen, Daten und Orte – in Platten gemeißelt. Herbert Kräft steht vor dem Gedenkstein an der Straße Am Rosenbusch/Ecke An der Waldschmiede. Dort kann er seinen eigenen Namen lesen. Dazu den Zusatz „20.5.1945 Beckedorf“. An diesem Tag soll er gestorben sein. Tatsächlich ist der heute 80-Jährige quicklebendig. „Der Name auf dem Gedenkstein ist falsch, eigentlich müsste hier der Name meines Bruders stehen“, sagt er.

Günter, so hieß sein Bruder, war im Mai 1945 in Beckedorf beim Spielen mit einer herumliegenden Waffe ums Leben gekommen. Die Familie wohnte dort auf dem Gelände der ehemaligen Flakstellung am Schulberg in einer verlassenen Soldatenbaracke. Die Mutter war mit vier Söhnen und der Großmutter aus Stettin nach Beckedorf geflüchtet, der Vater aus dem Krieg noch nicht zurückgekehrt. Herbert Kräft war damals sechs Jahre alt, sein Bruder Günter neun. „Überall auf dem Gelände lagen Munition und auch Waffen herum, die von den Soldaten zurückgelassen worden waren“, erinnert sich Herbert Kräft. „Eines Tages fanden wir ein Rohr mit einem Hebel.“

Heute weiß der 80-Jährige, dass es eine Panzerfaust war – mit einem intakten Zündmechanismus. „Damals haben wir das Rohr nicht als Waffe erkannt.“ Sein Bruder habe sich das Ding auf den Bauch gestellt und den Hebel heruntergedrückt. „Ein langer Feuerstrahl schoss hinten aus dem Rohr in seinen Bauch. Mein Bruder war sofort tot.“ Kräft selbst erlitt nach eigenen Angaben Verbrennungen dritten Grades im Gesicht, am Oberkörper und an den Armen. Wie lange er damals im Krankenhaus war, er weiß es nicht mehr. „Das ist alles so lange her.“ Heute sei von sein Verletzungen nichts mehr zu sehen. Sein Bruder ist auf dem Friedhof der reformierten Kirchengemeinde in Blumenthal begraben.

Das Unglück sei im Mai passiert, aber ob es der 20. Mai war? Kräft bezweifelt, dass das Sterbedatum auf der Tafel stimmt. „Meine Mutter erzählte mir, der 20. Mai sei das Geburtsdatum meines jüngsten Bruders Dieter gewesen.“ Dass der Name auf dem Stein nicht richtig ist, weiß der Aumunder schon lange. „Bekannte machten mich schon Mitte der 1950er-Jahre darauf aufmerksam.“ Wiederholt ist er in der Vergangenheit nach eigenen Worten bei Beckedorfer Bürgermeistern wegen einer Korrektur vorstellig geworden. Das erste Mal in den 1960er-Jahren "Damals hieß es: Die ganze Tafel müsse neu gemacht werden, das sei kostspielig, die Kosten müsste ich übernehmen.“ Auch ein erneuter Vorstoß Jahre später sei im Sande verlaufen.

Ruhe gelassen hat ihm die Sache nie. „Da steht ein Denkmal mit meinem Namen drauf. Das ist nicht richtig. Dass der Name meines verstorbenen Bruders auf das Denkmal kommt – für mich ist das der letzte Akt, den ich für meinen Bruder tun kann.“ Eine Chance dafür sieht er jetzt. Der heimatkundliche Arbeitskreis der Dorfgemeinschaft Beckedorf will das Denkmal von einem Steinmetzmeister renovieren lassen. Herbert Kräft hat davon erfahren. Der Aumunder hat Kontakt aufgenommen zu Rudolf Tosonowski, Ortsbürgermeister von Beckedorf und Leiter des heimatkundlichen Arbeitskreises. Der erfuhr nach eigenen Worten so zum ersten Mal davon, dass auf der Tafel ein falscher Name steht. Tosonowski hat in der Dorfchronik recherchiert und ist fündig geworden. Wörtlich ist dort nachzulesen: „Als Nachtrag sei vermerkt, dass der Flüchtlingsknabe Günter Kräfft (Nr. 6) beim Spielen mit einer Panzerfaustwaffe verunglückte und somit ein Opfer der Kriegsauswirkungen wurde.“ Nummer 6 steht laut Tosonowski für die damalige Hausnummer der Baracke, in der die Familie wohnte. Bei der Namensangabe fügte der Chronist noch ein zweites „f“ hinzu.

Seit 1926 steht das Denkmal in Beckedorf. Am 13. Juni wurde der Findling auf dem Granitstein-Sockel eingeweiht. Junge Männer des Dorfes, so hat der heimatkundliche Arbeitskreis recherchiert, gruben den 3000 Kilogramm schweren Stein in der Lüssumer Heide aus. Ein Wagen mit acht Pferden transportierte ihn nach Beckedorf. Eingelassen wurde eine Granitplatte mit den Namen und Daten der im Ersten Weltkriege gefallenen Beckedorfer. Am Volkstrauertag 15. November 1955 wurden am Denkmal zwei weitere Tafeln für die im Zweiten Weltkrieg gefallenen und vermissten Einwohner des Dorfes sowie Angehörigen der im Ort wohnenden Heimatvertriebenen eingeweiht.

Arbeitskreis plant Renovierung

Im Laufe der Jahrzehnte hat die Witterung dem Denkmal zugesetzt. Seit 2017 sammelt der Arbeitskreis der Dorfgemeinschaft Spenden für eine Renovierung, ein Antrag bei der Denkmalbehörde des Landkreises Osterholz ist gestellt. Besonders gelitten hat die Schrifttafel für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges. „Eingemeißelte Namen sind teilweise gar nicht oder nur noch schwer erkennbar und daher mit Farbe nicht mehr ausmalbar. Sie müssen nachgearbeitet werden“, erklärt Tosonowski. Mit einem Abrieb der Namenstafel und alten Fotos sollen die Schriftzeichen rekonstruiert und auf Pergament aufgezeichnet, auf die Platte übertragen, nachgehauen und ausgemalt werden. Zur Renovierung gehört die Ausmalung der Granitplatten für die Toten und Vermissten des Zweiten Weltkrieges. Mit dem Namen von Herbert Kräft, wo eigentlich Günter Kräft stehen müsste.

Lässt der Denkmalschutz Namenskorrektur zu? Jana Lindemann, Sprecherin des Landkreises Osterholz, teilt dazu unter Hinweis auf den Antrag des Beckedorfer Arbeitskreises mit: „Es wäre sinnvoll, die Änderung des Namens auf der Tafel der Gefallenen des Zweiten Weltkrieges in den denkmalrechtlichen Antrag aufzunehmen. Dabei sind entsprechende Nachweise vorzulegen, die deutlich machen, dass sich der falsche Name auf der Tafel befindet. Sollte dies so sein, würde der Landkreis der Änderung des Namens zustimmen.“ Der Arbeitskreis in Beckedorf will jetzt „erst mal klären, ob eine Korrektur technisch machbar ist“, sagt Rudolf Tosonowski. „Sollte das der Fall sein, könnten wir uns vorstellen, die Namensänderung nachträglich in unseren Antrag aufzunehmen.“ Wobei die Frage der Finanzierung zu klären sei.


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