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Neue Ausstellung im Schloss Schönebeck
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Faszination Flasche

Marina Köglin 12.05.2019 0 Kommentare

Martin Tolle sammelt seit Jahren Flaschen.
Martin Tolle sammelt seit Jahren Flaschen. (Christian Kosak)

Schönebeck. Einige der Flaschen ruhten mehrere Jahrzehnte lang im Erdreich. Dann wurden sie zurück ans Tageslicht befördert – mal bei Brückenarbeiten, mal beim Ausheben eines Gartenteichs. Heute erinnern die Fundstücke an Brauereien, Bierverlage und Getränkehändler aus der Region, deren Namen oftmals in Vergessenheit geraten sind. Die Ausstellung „Flaschen und Bierverlage aus Bremen-Nord und Umgebung“ im Heimatmuseum Schloss Schönebeck zeigt ab Sonntag Bier-, Limo- und Mineralwasserflaschen aus dem 19. Jahrhundert bis heute.

Alte Getränke-Holzkisten, Bierdeckel, Krüge, Reklameschilder und Brauereigeräte, mit denen der Alkohol- und der Zuckergehalt gemessen wurde, sind ebenfalls zu sehen. Ein „Skat-Gedeck“ mit Bierflaschen, Zigaretten, Streichhölzern und Aschenbechern aus den 60er-Jahren sieht aus, als hätten die Spieler gerade erst den Raum verlassen.

Viele Ausstellungsstücke stammen aus dem Bestand des Heimatmuseums, gut 60 Flaschen und einige andere Exponate hat Martin Tolle zur Verfügung gestellt. „Ich bin leidenschaftlicher Sammler – vielleicht, weil ich auch beruflich so viel mit Flaschen zu tun habe“, sagt der 51-jährige mit einem Augenzwinkern. Tolle arbeitet seit 17 Jahren als Maschinenführer bei der Brauerei Beck in Bremen.

Seitdem sammelt der gebürtige Vegesacker, der heute in Schwanewede lebt, alte Flaschen, die Einblicke in die Geschichte der Region und die Arbeitswelt von damals geben. „Die dicken mundgeblasenen Prägeflaschen mit kleinen Lufteinschlüssen zeugen noch von der Handwerkskunst damals. Das kann man mit den meisten heutigen Flaschen nicht mehr vergleichen“, sagt Tolle.

Die skurrilste Flasche hat eine kleine Glaskugel in ihrem Flaschenhals, die das Entweichen der Kohlensäure verhindern sollte. Das älteste Exponat ist eine kleine Schnapsflasche. Sie wurde bei Erdarbeiten an einer Brücke in Bremen-Mitte entdeckt. Laut der Reliefschrift auf dem Glas enthielt das Fläschchen „Die keiserliche privilegierte Altonaische Wunder Kronessents“. Auf den Markt gebracht wurde die wundersame Essenz von dem Altonaer Kurpfuscher und Schuster Johann Peter Menadier (1735-1797).

Seit den 1770er-Jahren produzierte er in Altona seine Wundermedizin und verkaufte sie buchstäblich in alle Welt; auch bei Grabungsarbeiten in New York wurde ein solches Fläschchen gefunden. Im 18. und 19. Jahrhundert waren derartige Wundertinkturen, bei denen es sich meistens schlichtweg um Kräuterschnäpse handelte , weit verbreitet. Sie sollten gegen Beschwerden aller Art helfen – von Fieber über geschwollene Beine, Blutsturz bis hin zu Gicht, Ausschlägen und Koliken. Der Begriff „keiserlich“ war wahrscheinlich ein verkaufsfördernder Marketing-Schwindel. Die Menadier-Wunderessenz wurde bis etwa 1930 verkauft. Noch heute sind Varianten des Rezepts als „Schwedenbitter“ im Handel.

Sammlern und Historikern kommt zugute, dass die Flaschen in früheren Jahren oft keine Papieretiketten hatten, sondern mit Reliefschrift versehen waren, der die Jahre im Erdreich nichts anhaben können. Viele der ausgestellten Flaschen haben einen Bügelverschluss, aber auch die Vorgänger-Verschlussart, das „Innengewinde mit Schraubstopfen aus Hartkunststoff“ ist zu sehen. 1872 wurde diese Verschlussvariante für Flaschen mit sprudelnden Getränken eingeführt. Bis dahin wurden die Flaschen mit einigem Aufwand verschlossen, verdrahtet und in einem Bad aus heißem Wachs versiegelt. 1875 wurde dann der Bügelverschluss erfunden. Der Kronkorken wurde 1892 in Baltimore zum Patent angemeldet.

Die Flaschen findet Martin Tolle auf Flohmärkten oder bei Spaziergängen. Erst kürzlich hat er am Strand beim Denkort Valentin in Farge im Schlick einen kleinen Porzellanverschluss von der Holstenbrauerei Kiel gefunden: „Bestimmt 100 Jahre alt.“ Und auf dem Schwaneweder Panzergeländer entdeckte er eine Limoflasche des früheren Getränkegroßhändlers Schlätzer, die aus dem Sand herausschaute.

Rönnebecker Brauerei, Taake, Schlätzer, Oebker, Wieting, Haring, Lesumer Urquelle, Golda – Betriebe, die heute vielfach in Vergessenheit geraten. Getränke Gehlert dürfte vielen Nordbremern dagegen noch immer ein Begriff sein: Der Getränkefachgroßhandel ist auch heute noch an Uhthoffstraße zu finden.

Auch die Geschichte der Bierverlage, Brauereien und Getränkehändler aus Bremen-Nord und Umgebung wird mit Fotos, Texttafeln und alten Reklame-Anzeigen dokumentiert. So warb der Getränkegroßhandel Taake aus der Alten Hafenstraße unter anderem mit seinen Bier-, Wein- und Likörstuben. Zu einigen Betrieben gibt es bislang jedoch nur wenige Informationen. Holger Schleider und Detlef Stöver vom Museum Schloss Schönebeck und Martin Tolle hoffen, dass vielleicht der eine oder andere Ausstellungsbesucher weitere Exponate, Schriftstücke oder Erinnerungen mitbringt.

Weitere Informationen

Die Ausstellung ist noch bis Sonntag, 23. Juni, im Heimatmuseum Schloss Schönebeck, Im Dorfe 3-5, zu sehen.


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Leserkommentare
holger_sell am 20.10.2019 15:36
Kultur ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor und gerade auch in Bremen ein Magnet für den Tourismus.
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holger_sell am 20.10.2019 15:30
Jede Politik hat ihre Klientel.
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