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Musikschule Wesermarsch
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„Gemeinsames Singen fördert Werte“

GEORG JAUKEN 05.05.2018 0 Kommentare

Thomas Schröder sieht die Musikschule als sozialen Betrieb, den sich jeder für seine künftige Bildung leisten können sollte.
Thomas Schröder sieht die Musikschule als sozialen Betrieb, den sich jeder für seine künftige Bildung leisten können sollte. (Georg Jauken)
Herr Schröder, wozu braucht der Mensch ­Musik?

Thomas Schröder: Was wir brauchen, ist das menschliche Miteinander. Dazu kann die Musik einen wichtigen Beitrag leisten. Man kann Jung und Alt sowie Menschen aus verschiedenen Gesellschaften zusammen unterrichten. Gemeinsames Singen und Musizieren fördert Werte wie beispielsweise die Gemeinschaft, das Zusammengehörigkeitsgefühl und die Toleranz.

Bevor Sie die Leitung der Musikschule übernahmen, waren sie zuerst als Honorarlehrkraft, später als angestellter Musiklehrer, stellvertretender Leiter und Verwaltungsleiter tätig. Wie hat sich die Musikschule in dieser Zeit verändert?

Die Musikschulen haben sich in den vergangenen 20 Jahren sehr stark verändert. Vor allem der kooperative Teil hat mehr Gewicht bekommen, zu Lasten des Kernbereichs. Wegen der Ausdehnung der Unterrichtszeiten an den Schulen stehen uns außerdem weniger Räume zur Verfügung. Besonders in Nordenham fehlt es an Räumlichkeiten. Zum Beispiel sind wir mit unserem Schlagzeugunterricht aus der Grundschule St. Willehad geflogen. Jetzt ist der Unterricht im abgelegenen Einswarden und die Schüler brechen weg.

Die Bedeutung des Kernbereichs mit der musikalischen Grundausbildung, dem Instrumental- und Vokalunterricht sowie den Ensemblefächern hat abgenommen? Wieso?

Das liegt daran, dass mit den Ganztagsschulen ein Großteil der früheren Unterrichtszeit wegfällt. Dadurch wächst der kooperative Bereich, der direkt in den Schulen erfolgt, zum Beispiel eine Streicherklasse am Gymnasium Nordenham oder das Musikalisierungsprogramm „Wir machen die Musik!“ in den Grundschulen Kirchhammelwarden, Abbehausen und Berne. Das Angebot gibt es auch in Kindergärten wie im Spielkreis Bardewisch. Es wird zum Teil vom Land, zum Teil aus der Region heraus finanziert und soll gewährleisten, dass Kinder unabhängig vom Geldbeutel der Eltern ein musikalisches Angebot bekommen. Am Gymnasium Nordenham ist jetzt außerdem ein musikalischer Schwerpunkt geplant. Das heißt, wir gehen auch in den Vormittagsunterricht.

In der Resolution zum Stellenwert und zu den Perspektiven der musikalischen Bildung in Niedersachsen, die der Landesverband der Musikschulen im März verabschiedet hat, geht es ebenfalls um solche Projekte. Es ist von einem Mangel an Musiklehrern in den Schulen die Rede. An jeder vierten Grundschule soll es demnach keinen Musikunterricht geben.

Das liegt daran, dass Musik als Unterrichtsfach sehr stiefmütterlich behandelt wird.

Wie ist die Situation in der Wesermarsch?

In Brake haben wir beispielsweise einige Musiklehrer in den Grundschulen, aber sie sollen hauptsächlich in anderen Fächern eingesetzt werden. Musik ist halt ein Nebenfach. Ein großer Fehler.

Wie erklären Sie sich das?

Wir leben in einer technologisierten Gesellschaft. Der Wert der Geisteswissenschaften hat stark abgenommen. Das findet seinen Ausdruck in der Schule. Dabei brauchen wir die Geisteswissenschaften, um uns den gesellschaftlichen Problemen entgegenstellen zu können. Die Kinder müssen wieder improvisieren dürfen und auch mal auf die Schnauze fallen und wieder aufstehen. So etwas wird durch Musik gefördert, das gehört bei uns dazu. Vor 20 Jahren fiel das den Jugendlichen wesentlich leichter als heute. Inzwischen ist Kreativität durch technisches Knowhow ausgetauscht. Dabei kann die Musikalität ins Hintertreffen geraten. Das wirkt sich gesamtgesellschaftlich aus bis auf die ganz normalen Menschen. Die Kinder sind zu Leistungserfüllern geworden. Meine Musikschüler sind keine Leistungserfüller.

Erzählen Sie doch mal von den Musikschülern. Wer kommt zu Ihnen und wie viele sind es?

Zurzeit sind es um die 1300 Schüler. Das ist für unsere Größe gewaltig. Der Höchststand war vor vielen Jahren 1500, aber das kann unsere Verwaltung nicht mehr bewerkstelligen. Angefangen habe ich, da waren es 750 Schüler.

Was bringen Sie ihnen bei?

Wir bilden aus von der musikalischen Früherziehung bis hin zur Praxis und dann bis zum Studienbeginn. Harmonielehre, Musiktheorie, Gehörbildung, das ganze Programm. Das können wir sehr gut, und diejenigen, die zu uns kommen, sind bis in die Haarspitzen motiviert.

Wie ist es um ihr Talent und ihre Ausdauer bestellt?

Das Gros der Schüler ist sehr talentiert und ausdauernd. Das merkt man schon in der dritten Stunde. Früher sagte man, Kunst kommt von Können. Ich sage, Kunst kommt von Wollen. Es gibt auch Schüler, die suchen eine Freizeitbeschäftigung. Manche suchen in der Musik etwas, was sie sonst nirgends finden. Wir haben sehr viele, auch erwachsene Schüler, die erfüllen sich einen Traum, auch wenn sie vielleicht nie Chopin spielen werden. Ein Schüler wollte zum Beispiel nur ein bestimmtes Gitarren-Solo von Metallica spielen. Der Lehrplan interessierte ihn nicht. Irgendwann hat er es in seiner Schule aufgeführt und war glücklich. Danach war er in einer Band und hat auch was anderes gespielt. Wir haben aber auch zum Beispiel ein Klavier-Talent aus Nordenham in der Begabtenförderung. Das heißt, alles was er hier macht, macht er, ohne etwas dafür zu bezahlen.

Sie selbst haben in Bremen Musik für das Lehramt studiert und speziell Posaune. Warum gerade Posaune?

Die Posaune ist ein tolles Instrument, das vielfach unterschätzt wird.

Wer die erwähnte Resolution zum Stellenwert und zu den Perspektiven der musikalischen Bildung liest, könnte meinen, die Bedeutung der Musikschulen würde ebenfalls unterschätzt. Wie ist die Situation in der Wesermarsch?

Um vernünftig aufgestellt zu sein und nach Tarif zu bezahlen, bräuchten wir jedes Jahr 450 000 Euro als Zuschuss. Das wäre optimal. Eigentlich müssten unsere Musiklehrer nach Tarifgruppe neun im öffentlichen Dienst bezahlt werden. Da liegen wir weit drunter. Das ist ein spezielles Problem in der Wesermarsch, entstanden in den 80er Jahren, weil Musik eine freiwillige Leistung und keine Pflichtaufgabe ist. Aber der Kreis hat unsere Sorge ernst genommen und zahlt jetzt etwas mehr. 2017 bekamen wir 196 000 Euro Zuschuss, jetzt etwa 220 000 Euro. Die Erhöhung wird zu 100 Prozent für Gehaltserhöhungen verwendet.

Um wie viele Mitarbeiter geht es?

Die Musikschule Wesermarsch hat 37 Lehrkräfte, davon vier Honorarkräfte. Die 34 Angestellten arbeiten fast alle auf Teilzeit.

In der Resolution wird die Notwendigkeit von festen Anstellungsverhältnissen an öffentlichen Musikschulen besonders hervorgehoben. Wollen Sie den allgemeinbildenden Schulen die Lehrer wegnehmen?

Im Gegenteil. Weil die Schulen so wenig Musiklehrer haben, nehmen sie uns die Lehrer weg. Vor einiger Zeit hätte ich fast unsere Horn-Lehrerin an die Zinzendorfschule in Tossens verloren. Eine andere Kollegin unterrichtet parallel an einer Schule in Nordenham und hat hier eine große Lücke gerissen.

Warum gehen die Musiklehrer lieber an die Schulen?

Die zahlen mehr.

Und weshalb setzt die Musikschule nicht viel mehr Honorarkräfte ein?

Angestellte Lehrkräfte sind in betriebliche Abläufe besser eingebunden als geringfügig Beschäftigte und Honorarkräfte, und sie haben eine höhere Identifikation mit der Musikschule. Das steigert die Wertigkeit. Die Musikschule hat darüber hinaus eine Weisungsbefugnis und ist zugleich verantwortlich für die Mitarbeiter. Zum Beispiel gibt es dann die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Eine menschenwürdige Behandlung der Lehrkräfte ist sehr wichtig. Damit steigt zum einen das Betriebsklima, zum anderen wird die Leistung besser.

Wie wäre es bei einer Honorarlehrkraft?

Im Krankheitsfall bekommt sie kein Geld.

Wenn das Geld nicht für alles Wünschenswerte reicht, erhöhen andere Institutionen die Einnahmen. Ihre Entgeltordnung wurde seit 2011 nicht mehr angepasst. Warum?

Aus Rücksichtnahme auf die unglaublich großen sozialen Unterschiede in der Wesermarsch mit vielen sehr gut Verdienenden und vielen Armen haben wir die Gebühren seit Jahren nicht erhöht. Der Einzelunterricht für 30 Minuten pro Woche kostet 57 Euro im Monat. Andere Musikschulen nehmen dafür 70 bis 80 Euro.

Warum sollen die Steuerzahler überhaupt für den Musikunterricht der Kinder anderer Leute bezahlen?

Weil es gerecht ist. Jeder, dem es gut geht und der eine Arbeitsstelle hat, ist auch mitverantwortlich für die Mitmenschen. Und diejenigen, die weniger Geld haben, sind ja nicht mit Vorsatz in die Situation geraten. Ich bin ein Anhänger der öffentlichen und ein Kritiker der privaten Bildung, weil jeder ein Recht auf Bildung hat und die Bildung sonst nicht frei ist. Die Musikschule sehe ich als sozialen Betrieb und gehe bis an die Grenzen, um denen, die es sich nicht leisten können, eine musikalische Ausbildung zu ermöglichen.

Das Interview führte Georg Jauken.

Zur Person

Thomas Schröder (53)

unterrichtet seit 1985 an der Musikschule Wesermarsch. Ende 2008 übernahm er die Leitung. Das aktive Musizieren wird seiner Auffassung nach als Bildungsfaktor und Bildungschance unterschätzt und vernachlässigt. Die Musikalische Bildung der Zukunft benötige zusätzliche finanzielle und personelle Ressourcen.


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