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Wohnungslose in Bremen-Nord
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Hilfe für Obdachlose

Julia Ladebeck 09.10.2019 0 Kommentare

Streetworkerin Gimmy Wesemann kennt mehrere Menschen, die in Bremen-Nord regelmäßig in Tiefgaragen oder in Vorräumen von Bankfilialen übernachten. Sogar das Dixi-Klo am Szenetreff in Vegesack diente schon als Quartier. Das Archivbild ist in Berlin
Streetworkerin Gimmy Wesemann kennt mehrere Menschen, die in Bremen-Nord regelmäßig in Tiefgaragen oder in Vorräumen von Bankfilialen übernachten. Sogar das Dixi-Klo am Szenetreff in Vegesack diente schon als Quartier. Das Archivbild ist in Berlin entstanden. (Paul Zinken/dpa)

Etwa 30 bis 50 Menschen sind nach Angaben der Sozialbehörde in Bremen-Nord obdachlos. Tatsächlich dürften es noch mehr sein, denn längst nicht alle Betroffenen melden sich bei der Zentralen Fachstelle Wohnen. Streetworkerin Gimmy Wesemann, die seit neun Jahren den Szenetreff an der Aumunder Heerstraße betreut, kennt mehrere Menschen, die regelmäßig in Tiefgaragen oder in Vorräumen von Bankfilialen übernachten. Sogar das Dixi-Klo am Szenetreff diente schon als Quartier, weiß die Sozialarbeiterin. Ihrer Einschätzung nach nimmt die Wohnungsnot zu.

Sie sagt: „Bezahlbarer Wohnraum ist knapp und es ist klar, dass ALG-II-Bezieher, Drogensüchtige und Alkoholiker auf der Wunschliste von Vermietern nicht gerade oben stehen.“ Dass der Wohnungsmarkt kleiner geworden sei, mache die Sache nicht besser. Vor gut einem Jahr haben sich die Nordbremer Ortsämter, Kirchengemeinden, die Innere Mission, die Fachstelle Wohnen und die Wohnungsbaugesellschaften Gewoba, Gewosie und Brebau zusammengetan, um nach Möglichkeiten zu suchen, wie die Situation von Obdachlosen in Bremen-Nord verbessert werden kann. Unter anderem setzen sich die Beteiligten für die Schaffung eines beheizbaren Treffpunkts ein. Mittlerweile gibt es immerhin zwei Optionen, die ins Auge gefasst werden. Wie schnell ein warmer Aufenthaltsraum tatsächlich realisiert werden kann, ist allerdings offen.

Der Szenetreff, der laut Wesemann täglich von rund 30 bis 50 Frauen und Männern mit Alkohol- und Drogenproblemen genutzt wird, bietet lediglich einen Unterstand. An kalten Tagen gibt es zwar die Möglichkeit, sich im Kleinbus der Sozialarbeiterin aufzuwärmen. Doch dieses Angebot besteht nur eingeschränkt. „Ich arbeite nur an vier Tagen in der Woche und bei Urlaub oder Krankheit gibt es keinen Ersatz“, sagt Wesemann, die bei der Inneren Mission angestellt ist. Der Verein organisiert den Szenetreff seit 2010, finanziert wird er über die Bremische Evangelische Kirche und über Spenden.

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Nach Angaben von Ortsamtsleiter Heiko Dornstedt wurde inzwischen eine Anfrage an die Liegenschaftsverwaltung Immobilien Bremen gerichtet. Nach seinen Worten geht es darum, einen beheizbaren Container auf dem Szenetreff-Grundstück aufzustellen, das der Stadt gehört. „Die ersten Reaktionen stimmen mich positiv, dass das klappen könnte“, so Dornstedt. Laut Bernd Schneider, Sprecher von Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne), gibt es außerdem das Angebot einer Institution, einen vorhandenen Raum für diesen Zweck zur Verfügung zu stellen. Details wollte Schneider noch nicht nennen, um den noch laufenden Gesprächen nicht vorzugreifen.

Eine Verbesserung der Betreuung von Obdachlosen durch die Zentrale Fachstelle Wohnen in Bremen-Nord zeichnet sich laut Schneider für Anfang kommenden Jahres ab. Das Problem aktuell: Die Fachstelle des Amts für Soziale Dienste Am Sedanplatz in Vegesack ist schon seit längerer Zeit verwaist. Betroffene, die obdachlos oder akut von Wohnungslosigkeit bedroht sind, beispielsweise weil sie Mietrückstände haben, oder die in ungesicherten und schlechten Wohnverhältnissen leben, müssen sich derzeit an die Beratungsstelle im Tivoli-Hochhaus am Bahnhofsplatz in Bremen-Mitte wenden. Gimmy Wesemann weiß: „Das ist für viele meiner Leute eine große Hürde.“ Schneider kündigt an: „Wir gehen davon aus, dass die Fachstelle Wohnen in Bremen-Nord im ersten Quartal 2020 wieder regulär besetzt wird.“

Eine weiteres Ziel der Nordbremer Akteure ist es, eine Möglichkeit zu finden, möglichst so früh einzugreifen, dass Wohnungslosigkeit gar nicht erst entsteht. Die Idee ist, dass die Wohnungsgesellschaften die Behörde informieren, wenn Mietrückstände auflaufen, statt sofort eine Kündigung zu schicken. Auf diese Weise könnte den Betroffenen eher geholfen und Obdachlosigkeit vermieden werden. Bisher machte der Datenschutz das unmöglich. Nun gibt es eine Lösung – zumindest für Mieter, die eine Wohnung neu beziehen.

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„Wir haben in Zusammenarbeit mit der Landesbeauftragten für Datenschutz eine Regelung gefunden, die es den Wohngesellschaften ermöglicht, die Fachstelle Wohnen zu informieren, wenn Mieter mit ihren Mietzahlungen in Verzug kommen“, sagt Heiko Dornstedt. Beim Abschluss neuer Mietverträge könnten Mieter nun freiwillig eine Erklärung unterschreiben, dass sie mit diesem Ablauf einverstanden sind. „Das gilt jedoch nicht für bestehende Mietverträge“, so der Ortsamtsleiter. Beim nächsten Treffen der Akteure im November werde eine erste Bilanz gezogen, wie dieses Verfahren bisher angenommen wird, so der Ortsamtsleiter.

Ganz praktische Hilfe bietet seit mittlerweile 32 Jahren die Obdachloseninitiative der Nordbremer Kirchengemeinden. Jeden Sonntag geben Ehrenamtliche in der methodistischen Christuskirche an der Georg-Gleistein-Straße eine kostenlose warme Mittagsmahlzeit aus. Pastorin Ulrike Bänsch hat vor zwei Jahren die Organisation von Harm Ridder übernommen. Der frühere Pastor der reformierten Gemeinde Blumenthal hatte die Initiative 1987 ins Leben gerufen.

Die Zahl der Menschen, die das Angebot in Anspruch nehmen, ist im Laufe der Jahre konstant geblieben. „Es sind jeweils etwa 80 bis 100 Gäste“, sagt Ulrike Bänsch. Nicht alle seien obdachlos, „aber alle befinden sich in finanziell prekären Lebenssituationen. Viele haben Suchtprobleme, trinken Alkohol und nehmen Drogen.“ Zahlreiche Besucher kommen von weiter her und sogar aus der Innenstadt. Und für viele, das weiß die Pastorin aus Gesprächen, ist es die einzige warme Mahlzeit, die sie in der Woche bekommen.

Das bestätigt auch Gimmy Wesemann. „Gäbe es dieses Mittagessen der Obdachloseninitiative nicht, würden viele gar nichts Warmes essen.“ Sie selbst verteilt zweimal im Monat, immer am vorletzten und letzten Dienstag, eine warme Suppe am Szenetreff. Sie weiß, dass besonders in der zweiten Monatshälfte das Geld noch knapper ist als ohnehin schon und dass Hunger dann oft zum Problem wird. „Ich wäre froh, wenn es mehr Möglichkeiten gäbe, wo die Leute essen können.“ Mithilfe von Spenden und der Unterstützung der Fleischerei Pohl kann sie wenigstens ab und zu helfen.

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Das Essen für den Mittagstisch der Obdachloseninitiative holen Ehrenamtliche in Friedehorst ab. Brot spendet die Backstube an der Lindenstraße. Unterstützt wird das Angebot durch die Bremische Evangelische Kirche, die Nordbremer Kirchengemeinden, die Sozialbehörde und durch Spenden. Einige der Ehrenamtlichen, die sich in der Obdachloseninitiative engagieren, sind bereits von Anfang an dabei. Derzeit sind es etwa 30 Personen, die dabei helfen, die Tische zu decken, das Essen auszugeben und sich auch immer mal wieder etwas Zeit nehmen, sich zu den Gästen zu setzen und Gespräche mit ihnen zu führen. Das sei fast ebenso wichtig wie eine warme Mahlzeit, weiß Bänsch.

„Die Helfer sind alle super, aber das Durchschnittsalter unserer Ehrenamtlichen ist mit 65 bis 80 Jahren ziemlich hoch“, schildert die Pastorin ein Problem. Für die Älteren sei es oftmals ziemlich anstrengend, Geschirr hin und her zu tragen und Essen auszugeben. Aus diesem Grund wirbt die 47-Jährige nun um weitere Helfer. „Wir brauchen dringend Verstärkung, damit wir alle Dienste weiterhin zuverlässig leisten können.“ Helfen würde es schon, wenn jemand bereit sei, an zwei bis drei Sonntagen im Jahr Dienst zu tun, so Bänsch. „Harm Ridder hat immer gesagt: Das ist eine Arbeit, die irgendwann überflüssig werden sollte. Leider sind wir davon weit entfernt.“

Weitere Informationen

Wer die Arbeit der Obdachloseninitiative kennenlernen und herausfinden möchte, ob ihm diese ehrenamtliche Arbeit liegt, kann sich bei Pastorin Ulrike Bänsch melden, telefonisch unter 04 21 / 2 77 56 68 oder 01 74 / 1 85 88 89 oder per E-Mail an pastorin.baensch@kirche-bremen.de.


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Leserkommentare
Gissmo am 23.10.2019 09:36
Danke für die konstruktive Antwort, man kann sich scheinbar ja doch noch ohne Beleidigungen hier im Kommentarbereich austoben, so machts doch allen ...
RalfBlumenthal am 23.10.2019 09:28
Was macht ein Ortsamtsleiter, der seinen Willen nicht bekommt ?
Er macht nichtöffentlich, was öffentlich gehört !
So geht das nicht, Herr ...