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Ronja von Rönne im Interview
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„Ideen sind sehr scheue Tiere“

Imke Molkewehrum 10.01.2018 0 Kommentare

Ronja von Rönne
Das Kito in Vegesack ist die vorletzte Station für Ronja von Rönne auf ihrer aktuellen Lese-Tour. Deshalb ist sie nach eigenem Bekunden ein wenig wehmütig. Sie sagt: "Ich glaube, wer seinen Standpunkt beim Schreiben eines Artikels nicht dreimal ändern möchte, hat sich nicht richtig mit dem Thema beschäftigt." (FR)

Frau von Rönne, am Freitag, 12. Januar, treten Sie um 20 Uhr im Bremer Norden auf. Was erwartet die Kito-Besucher konkret an diesem Abend?

Ronja von Rönne: Eine äußerst wehmütige Ronja. Ich liebe Lesungen, aber nun, nach knapp 60 Stück, ist Schluss. Bremen ist ­meine vorletzte Station. Ansonsten: Laute und leise Töne, im besten Fall brüllend komische Geschichten, im allerbesten Fall lach nicht nur ich grölend, sondern auch die ein, zwei Zuschauer. Beim Alleine-Grölen fühle ich mich immer etwas seltsam.

Sie haben nach einer LSD-Überdosis und folgender Depression mit dem Bloggen angefangen. Wieso wollten Sie Fremde an ihren Gedanken teilhaben lassen, und inwieweit hat das Bloggen generell eine therapeutische Komponente?

Ich glaube, grundsätzlich hilft schreiben vor allem dann, wenn man es nicht veröffentlicht, also nur für sich selbst schreibt. Das gute alte Tagebuch. Da es die meisten Leute aber wenig interessiert, dass ich heute Morgen ein Aufbackbrötchen gegessen habe und mich dabei „so mittel“ gefühlt habe, gibt es das „Sudelheft“. Dort destilliere ich aber nur das raus, was ich irgendwie unterhaltsam finde. Meine Gefühle sind an sich eine recht öde Sache.

Brüten Sie lange über den Texten, oder liegen neben dem Toaster und dem Klo für alle Fälle Stifte und Papier parat  - oder sind diese Tools zu altertümlich?

2018! Die Notizen-App ist immer bei mir – genutzt wird sie leider sehr selten. Ideen sind sehr seltene, scheue Tiere.

„Ich bin mir relativ sicher, dass der Boden im Regenwald nährstoffarm ist und dass man jammern darf, solange man eigentlich keinen Grund dazu hat.“ Dies ist der einleitende Satz im „Sudelheft“. Wieso kraulen Sie sogar bei vermeintlich Unzweifelhaftem gegen den Mainstream?

Ich bin gar nicht Anti-Mainstream, ich bin nur Anti-Bekanntes. Das wäre ja ziemlich öde, wenn ich nur allgemeine Wahrheiten dort beschreiben würde. Nur weil es wahr ist, dass man Kartoffelklöße 25 Minuten in heißem Wasser ziehen lassen muss, ist es ja noch längst nicht interessant. Also muss man sich auf die mühsame Suche nach dem Zweifelhaften und dem Unklaren begegnen.

Inwieweit diskutieren Sie quasi mit sich selbst, indem Sie provokante Thesen formulieren?

Ich glaube, wer seinen Standpunkt beim Schreiben eines Artikels nicht dreimal ändern möchte, hat sich nicht richtig mit dem Thema beschäftigt. Ich bin auch überhaupt nicht rasend provokant. Ich empfinde mich eigentlich als ziemlich zahm.

Welche Vorbilder haben Sie?

Keine. Jemand anderem nachzueifern, führt glaube ich schnell zu Enttäuschungen. Man ist nur gut darin, man selbst zu sein. Aber es gibt natürlich Autoren, die ich großartig finde: Max Goldt etwa. Aber wenn ich die alle hier hinschreibe, ist ihre Zeitung voll.

Wie viel Zeit benötigen Sie für das Finden von Themen, wenn Sie  neue Beiträge entwickeln?

Das Schreiben ginge fix, wenn nicht die Selbstzweifel so viel Zeit fressen würden. Vor jedem Artikel brauche ich eigentlich erst mal einen Tag, um mir einzureden, dass ich überhaupt nicht schreiben kann, dass das Thema falsch für mich ist, dass ich ein Hochstapler bin. Bei Themen reizt mich alles, wo mir meine eigene Position nicht sofort klar ist, wo ich wühlen muss.

Krasse Reaktionen hatten Sie auf Ihren Artikel gegen den Feminismus, den der Axel-Springer-Verlag mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis prämieren wollte. Sie lehnten ab, ein Shitstorm folgte. Wie haben Sie sich in diesen Tagen gefühlt?

Es wird einem egaler. Man darf das Internet nicht so ernst nehmen. Im wahren Leben sind die meisten Menschen zahm und nett. Oder ich muss mir das einreden. Das Internet darf uns nicht zu Misanthropen werden lassen.

Aktuell gelten auch für das Kito spezifische Vorsichtsmaßnahmen, um Ihre Sicherheit zu gewährleisten. Stalker oder politische Gegner? Inwieweit sehnen Sie sich manchmal danach, unter einer Tarnkappe zu verschwinden?

Nie. Wenn ich das will, gehe ich offline. Ich bin gar nicht so bekannt, oder nur in bestimmten Kreisen. Meistens vergisst man ja auch, wie man von anderen wahrgenommen wird. Wenn mir vor der Haustür die Einkaufstüte platzt, ist das eigene Leben nicht mehr sehr glamourös. Man nimmt sich, glaube ich, immer eher so wahr, wie man aufgewachsen ist. Bei mir war das in Bayern, als Mädchen in Jungsklamotten und mit Außenzahnspange. Ich finde es höchst irritierend, wenn mich jetzt Leute fragen, woher meine Bluse kommt. Das „Ich“ ist ziemlich robust gegen äußere Einflüsse.

Inzwischen schreiben und moderieren Sie – nach der Bundestagswahl auch gemeinsam mit Ingo Zamperoni: Eine Bilderbuchkarriere? Inwieweit besteht die Gefahr, dass Ihre Widerborsten im Pressealltag glatt gestriegelt werden?

Das wird man sehen. Aber ich bin glücklicherweise eine miserable Schauspielerin, also bleibt mir nicht viel übrig, außer ich selbst zu sein. Wenn das nicht mehr erwünscht ist, habe ich mehr oder weniger Pech gehabt und werde Hausfrau. Aber ohne Familie! Einfach nur daheim hocken und Fensterscheiben wischen. 

Wie viele Follower haben Sie aktuell?

Auf den meisten sozialen Netzwerken um die 20 000. Das ist viel für eine Autorin und sehr wenig für erfolgreiche Instagrammer, die jeden Tag ihr Frühstück und ihr Work-out dokumentieren. 

Sie sind Steinbock: Vier Tage nach Ihrem Auftritt im Kito werden sie 26 Jahre alt, was wünschen Sie sich?

Meine Güte, die Zeit rast ja. Ich würde mir wünschen, dass sie etwas langsamer vergeht. Und ich wünsche mir von mir Mut, den kann man immer gebrauchen. Und von Bremen wünsche ich mir: Mehr als ein bis zwei Zuschauer!

Das Gespräch führte Imke Molkewehrum.


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Leserkommentare
FloM am 22.10.2019 12:27
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peteris am 22.10.2019 12:18
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Alles hat ein Ende, nur die Brexit-Wurst hat zwei.