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Kampf um einen Blindenhund

Patricia Brandt 12.09.2019 3 Kommentare

Der 83-jährige Hartmut Birkhan ist blind. 2013 hat er nach einer ärztlichen Verordnung einen Blindenhund beantragt. Seitdem dauert der Streit darum an.
Der 83-jährige Hartmut Birkhan ist blind. 2013 hat er nach einer ärztlichen Verordnung einen Blindenhund beantragt. Seitdem dauert der Streit darum an. (FR)

Jahrelang hat ein Nordbremer Polizist kämpfen müssen, damit die Krankenkasse die Kosten für einen Blindenführhund für seinen Vater in Osnabrück übernimmt. Schuld daran war offenbar auch ein Gutachten des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK). Michael Birkhan spricht von „einer Fantasie-Diagnose“. Der Fall beschäftigt derzeit die Niedersächsische Ärztekammer, den Landtag und nicht zuletzt das Sozialministerium. Für die Kasse und den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung ist der Fall indes abgeschlossen, da der Hund als Hilfsmittel inzwischen bewilligt wurde.

Michael Birkhan vom Lesumer Revier ist Polizeibeamter durch und durch. Es ärgert ihn, wenn jemand sein Amt missbraucht, aber dies nicht sanktioniert wird. „Wer kontrolliert das angeblich unabhängige Kontrollorgan MDK?“, fragt der Nordbremer. Eine befriedigende Antwort hat er noch nicht. Dafür ist Birkhan mittlerweile überzeugt, dass die „skandalöse Geschichte“ seines Vaters nicht nur ein Einzelfall ist, sondern dass viele weitere schwerbehinderte Patienten von Willkür betroffen sein könnten: „Unzählige Patienten werden um Leistungen betrogen, die ihnen gesetzlich zustehen.“ 

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Mit seinen Anschuldigungen gegen den MDK treffe er auf eine Mauer des Schweigens. „Als überzeugter Polizeibeamter habe ich mittlerweile das Vertrauen in die Institutionen verloren“, schreibt Michael Birkhan an mehrere Petitionsausschüsse. „Die Ärztekammer mauert, selbst die Staatsanwaltschaft stellt das Verfahren ein.“ Die Petition beim Niedersächsischen Landtag läuft noch und die Ärztekammer will „zu berufsrechtlichen Vorgängen nicht öffentlich Stellung nehmen“, heißt es auf Anfrage unserer Zeitung.

Der vom Arzt verordnete und 2013 beantragte Hund für Hartmut Birkhan wurde von der DAK abgelehnt. (Symbolbild)
Der vom Arzt verordnete und 2013 beantragte Hund für Hartmut Birkhan wurde von der DAK abgelehnt. (Symbolbild) (Christian Kosak)

Der 83-jährige Hartmut Birkhan aus Osnabrück spricht sogar von organisierter Kriminalität. Die strafbaren Handlungen seien mehr als offensichtlich, meint auch dessen Sohn. „Wenn sich die DAK und der MDK an geltendes Recht gehalten hätten, dann würde meinem Vater bereits seit dem Jahr 2015 ein ausgebildeter Blindenführhund zur Verfügung stehen." Der vom Arzt verordnete und 2013 beantragte Hund wurde jedoch von der DAK abgelehnt. Die Begründung: Die medizinischen Voraussetzungen lägen nicht vor. Ein Langstock reiche für den Antragsteller reiche aus. Einen Blindenhund würde ihm das Augenlicht auch nicht wiedergeben.

Die Ablehnung überraschte und verärgerte Vater und Sohn gleichermaßen. „Allein ist mein Vater völlig hilflos. Er ist völlig blind“, sagt der Nordbremer. Dies gehe aus seinem Behindertenausweis und seiner Krankenakte hervor. „Am meisten ärgert mich“, sagt der 83-Jährige, „dass ungerechtfertigt ein Antrag auf ein Hilfsmittel, das mir rechtmäßig zusteht, einfach unterschlagen wird. Dafür bezahlen wir Versicherte.“ Er sei nicht einmal untersucht worden. Die im Gutachten genannte Diagnose „Funktionell Blind“ treffe nicht nur nicht zu, sondern sei überdies diskriminierend. „'Funktionell blind' ist keine Augenerkrankung und gehört ausschließlich in die Behandlung von Psychiatern und Neurologen“, erläutert sein Sohn. Der beschuldigte Arzt, sagt Michael Birkhan, habe später vor der Staatsanwaltschaft behauptet, es nicht so gemeint zu haben.

„Gutachter nicht perfekt“

Das Sozialgericht Osnabrück schließlich sprach dem Antragsteller in einem Vergleich einen Hund zu. Die Angelegenheit habe sich durch das Gutachten in die Länge gezogen, bestätigt Rainer Lange von der DAK. „Wir sind medizinische Laien. Wir müssen uns bei der Beurteilung auf den Medizinischen Dienst verlassen.“ Und weiter: „Wir haben das Gutachten nicht manipuliert. Wir wissen, da steht nicht immer das Richtige drin, deshalb gibt es die Möglichkeit, Widerspruch einzulegen. Versicherter, Arzt, Medizinischer Dienst – da gehen manche Dinge aneinander vorbei.“

Aber auch der Antragsteller selbst habe einige Forderungen der Kasse nicht erfüllt. So habe es Hartmut Birkhan abgelehnt, ein von der Kasse gefordertes Training mit dem Langstock zu absolvieren. Zudem habe sich der Antragsteller einen Hund in einer Hundeschule ausgesucht, die nicht Vertragspartner der DAK gewesen sei.

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Der Nordbremer Michael Birkhan sagt: Ein Langstock-Training sei nicht gesetzlich vorgeschrieben. Und was die Hundeschulen betrifft: „Es passierte nichts. Uns wurden über Monate keine Vertragspartner genannt.“ Folglich hatte sich die Familie selbst auf die Suche nach einem Hund gemacht. Die DAK lehnte ab, da es sich nicht um einen Vertragspartner handelte. Erst 2018 bekam Hartmut Birkhan seinen Blindenhund: Dunja, die kurz darauf schwer erkrankte. Ihre Ausbildung konnte nicht abgeschlossen werden.

Michael Birkhan setzt sich seit Jahren für seinen Vater ein.
Michael Birkhan setzt sich seit Jahren für seinen Vater ein. (fr)

„Perfekt ist nichts“

„Man sollte nach vorne gucken“, sagt diese Woche der DAK-Sprecher. Die Kasse hat mittlerweile einen zweiten Hund bewilligt. „Dafür, dass der erste Hund erkrankt ist, kann niemand etwas“, sagt auch MDK-Sprecher Martin Dutschek. Zum umstrittenen Gutachten meint er: Der MDK werde keine Stellungnahme dazu abgeben, ob es gefälscht war oder nicht, „weil die Leistungsgewährung abgeschlossen ist.“ Gleichwohl räumt er ein, dass Gutachter „keine fehlerfrei arbeitenden Menschen sind“, dass Gutachten „Momentaufnahmen“ seien: „Perfekt ist nichts.“

Eventuell steht in einer Hundeschule in seiner Region demnächst ein Labrador zur Verfügung, der als Blindenführhund ausgebildet werden könnte, berichtet Hartmut Birkhan. Auch diese Schule ist nicht Vertragspartner der DAK. Ob er akzeptiert wird, ist offen. „Durch den Ablehnungs- und Verhinderungszirkus wird nun frühestens im Jahr 2021 ein Blindenführhund seinen Dienst aufnehmen können“, kritisiert Michael Birkhan. Aus seiner Sicht sind DAK und MDK deshalb schadenersatzpflichtig.  

Bis ihn ein Blindenhund leiten kann, muss der 83-jährige Hartmut Birkan mit einem Kollisionswarngerät vorliebnehmen. Dieses wurde zunächst ebenfalls von der Kasse abgelehnt. Allein kann sich Birkhan aber auch mit dem Ultra-Body-Guard nicht draußen bewegen: „Dabei wäre es mein größter Wunsch, selbstständig zu sein.“


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Leserkommentare
onkelhenry am 19.10.2019 18:12
74 Jahre SPD!

Nirgendwo ist die Kluft zwischen arm und reich größer.
Schlechte Wirtschaft, schlechte Bildung ... von vielen ...
peteris am 19.10.2019 17:47
Das Affentheater geht also in die nächste Runde. ...