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Jacobs University in Grohn
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Konfliktforschung im Hochsommer

Michael Thurm 01.08.2018 0 Kommentare

Dana Higgins
Dana Higgins (Maximilian von Lachner)

Bremen-Nord. Flirrende Hitze liegt über dem Campus. Die Quecksilbersäule hat die 30-Grad-Marke weit überschritten. Die Jacobs University verharrt, nur vereinzelt gehen Mitarbeiter der Uni und ein paar wenige Studenten an den Gebäuden vorbei, über die von der Sonne verdorrten Rasenflächen. Es ist vorlesefreie Zeit.

Doch der erste Eindruck täuscht. In einigen Gebäuden auf dem Universitätsgelände in Grohn wird hart gearbeitet, diskutiert, geforscht. Und dies ganz freiwillig. Etwa 50 Wissenschaftler, angehende Doktoren, Postdocs – das sind junge Wissenschaftler, die ihren Titel in der Tasche haben – und Professoren aus aller Welt sind in der Jacobs-Universität zu einer zweiwöchigen Sommerschule zusammengekommen. In diesen zwei Wochen setzen sich die Teilnehmer in Vorträgen, Workshops und mit Projektarbeiten mit den neuen Herausforderungen und Möglichkeiten auseinander, die die Digitalisierung für die Sozialwissenschaften bietet.

Das noch junge Fachgebiet „Computational Social Science“, ein Mix aus Sozial- und Computerwissenschaften, beschäftigt sich unter anderem mit Fragen, wie beispielsweise neue Datenquellen wie Facebook und Wikipedia für die sozialwissenschaftliche Arbeit genutzt werden können. Ein wichtiges und hochaktuelles Thema ist dabei auch die Konfliktforschung. Dazu gehören beispielsweise soziale Bewegungen und der Wertewandel, aber auch der Aufstieg der Populisten, die Entstehung von Bürgerkriegen und Terrorismus.

Organisiert wird die Sommerschule, die in dieser Woche endet, von der Bremen International Graduate School of Social Science (BIGSSS). Die internationale Graduiertenschule ist eine Kooperation der Universität Bremen und der Jacobs-Universität. Einer der fünf verantwortlichen Organisatoren ist Professor Adalbert Wilhelm, seit 17 Jahren als Professor für Statistik an der Grohner Unit tätig. „Es ist die erste Sommerschule dieser Art hier an der Jacobs-Universität“, erzählt der studierte Wirtschaftsmathematiker.

Dieser Sommerschule vorweg ging eine Ausschreibung der Volkswagen-Stiftung vor zwei Jahren. Die Volkswagen-Stiftung fördert Forschung und Lehre. Sie ermöglicht Forschungsvorhaben in zukunftsträchtigen Gebieten und hilft wissenschaftlichen Institutionen bei der Verbesserung der strukturellen Voraussetzungen für ihre Arbeit. Besondere Aufmerksamkeit widmet sie dem wissenschaftlichen Nachwuchs sowie der Zusammenarbeit von Forschern über disziplinäre und staatliche Grenzen hinweg. Die Bremer Unis bewarben sich, das Konzept der Sommerschule kam an. Bei dieser einen Zusammenkunft soll es aber nicht bleiben. „Im nächsten Jahr wird die Sommerschule auf Sardinien stattfinden, das Jahr danach in Groningen“, berichtet Wilhelm. In Italien und in den Niederlanden liegen die Schwerpunkte dann auf den Themen Migration und sozialer Zusammenhalt.

Während der zweiwöchigen Veranstaltung arbeiten die jungen Wissenschaftler, Experten und Professoren von 9 bis 18 Uhr zusammen, unterbrochen nur von einer Mittagspause. Sie alle eint das Thema. „Die Teilnehmer, die sich auf unterschiedlichen Wegen für diese Sommerschule angemeldet haben, beschäftigen sich schon länger mit diesen Themen, sind interessiert daran, sich auszutauschen. Sie kommen aber auch nach Bremen, um neue Leute kennenzulernen, neue Kontakte zu knüpfen, ein Netzwerk aufzubauen“, erklärt Adalbert Wilhelm. Trotz Skype und anderer technischen Kontaktmöglichkeiten stehe der Wunsch nach dem persönlichen Kontakt auch bei der jungen Generation immer noch an erster Stelle.

Spaß bei der Arbeit, die hat auch Arline Rave. Die junge Frau unterstützt Professor Adalbert Wilhelm bei der Organisation der Sommerschule. Arline Rave, selbst Doktorandin, ist Ansprechpartnerin der internationalen Gäste, organisiert die einzelnen Veranstaltungen, plant das Rahmenprogramm inklusive Sightseeing Bremer Sehenswürdigkeiten. Denn die Sommerschüler sollen in diesen zwei Wochen nicht nur Lernen und Forschen, sondern eben auch Land und Leute kennenlernen. „Eine Stadtführung durch Bremen steht ebenso auf dem Plan wie ein Besuch des Bunkers Valentin, erzählt Arline Rave.

Sie hat es auch organisiert, dass einigen Gästen zwischen den einzelnen Veranstaltungen zu einem kurzen Gespräch Zeit haben. Wir treffen uns auf einem kleinen, von hohen Bäumen beschatteten Platz vor der Easthall.

Mit dem Iraner Ahmadreza Asgharpouramasouleh etwa, der ganz selbstverständlich mit den beiden US-Amerikanerinnen Dana Higgins und Frances Duffy das Thema Konfliktforschung bearbeitet. Und das zu einer Zeit, in der die Machthaber beider Länder nicht unbedingt in Eintracht harmonieren. Asgharpouramasouleh ist Assistenz-Professor der Sozialwissenschaften an der Uni in Mashhad, einer Stadt im Nordosten des Iran. Der 39-Jährige freut sich sehr, dass er an dieser Sommerschule teilnehmen darf.

„Die Bremer Unis sind bekannt für ihr sehr hohes Niveau auf dem Gebiet der Konfliktforschung", sagt er. Aufgrund der vielen Experten, die an dieser Sommerschule teilnehmen, sei der Aufenthalt im Camp „sehr attraktiv“. Trotzdem freue er sich auch auf dass Wochenende. „Dann geht es an die See nach Bremerhaven“, lacht er. Die augenblickliche Hitze über Norddeutschland macht dem Iraner nicht viel aus. Temperaturen über 30 Grad kennt er aus der Heimat. Hier in Bremen sei es nur ein bisschen schwüler.

Auf der Suche nach einem anderen Blickwinkel ist Frances Duffy. Die 30-Jährige stammt aus Denver, ist Doktorandin an der Universität in Chapel Hill in North Carolina und hat bereits als Diplomatin gearbeitet. In zwei Jahren wird sie in den US-Staatsdienst eintreten. Umso wichtiger war ihr die Teilnahme an der Sommerschule mit dem Thema Konfliktforschung. „Ich habe nur den Blickwinkel aus USA-Sicht“, sagt Frances Duffy. „Aber ich will die Blinkwinkel anderer Nationen kennenlernen. Wie sich die Denkweisen der Länder unterscheiden.“ Von Deutschland, von Bremen hat die 30-Jährige auch noch nicht viel gesehen. Immerhin: Vor der Sommerschule hat sie Frankfurt am Main und den Schwarzwald kurz besucht.

Lernen und Kontakte knüpfen

Zum ersten Mal in Bremen ist auch Dana Higgins. Die 28-Jährige ist in einer Kleinstadt in Georgia aufgewachsen, jetzt studiert sie an der Harvard University internationale Politik. In der Sommerschule will sie neue spezielle Verfahren der Konfliktforschung kennenlernen und Kontakte zu anderen Wissenschaftlern knüpfen. Ach ja, auch ein Besuch der Breminale war ihr wichtig. Sie sei zwar zum ersten Mal in Bremen, aber davon habe sie schon gehört und wolle die Veranstaltung live erleben, lacht die Frau aus Georgia.

Das war auch der Plan von Andrea Salvi. Der 28-Jährige ist in Rom geboren und aufgewachsen, studiert aber jetzt am Trinity College im irischen Dublin. Salvi arbeitet schon länger am Thema Konfliktforschung und will die Sommerschule nutzen, um die internationalen Perspektiven kennenzulernen. Salvi lobt die Veranstaltung. Man habe hier in Bremen Top-Experten eingeladen. Außerdem würde hier in Projektgruppen gearbeitet, das sei eher untypisch für diese Art Veranstaltung. Doch so könne er sehr viel mitnehmen aus diesen zwei Wochen.

Ähnlich positiv äußert sich auch die Kroatin Sanja Hajdinjak. Die 31-Jährige hat ihr Doktorat im Juni 2017 mit einer Dissertation zu politischer Ökonomie der Ressourcennutzung und Umweltverträglichkeit absolviert. Sie ist derzeit Postdoc am Institut für Staatswissenschaften an der Uni Wien. „Ich bin hier, um meine Kenntnisse zu erweitern“, erzählt Sanja Hajdinjak. Und das scheint an dieser Sommerschule für sie möglich. Man müsse eben nicht nur Fachvorträge anhören, sondern könne in Projektgruppen auch selbstständig „anwendungsorientiert arbeiten“. Genauso wichtig sei ihr aber auch der Kontakt zu den anderen Teilnehmern. Der Ausbau ihres Netzwerkes.

Die Mittagspause ist zu Ende. Sanja Hajdinjak folgt ihren Kollegen aus dem Iran, den USA und Italien in den nächsten Hörsaal. „Da steht die Luft“, meint Arline Rave bedauernd. Egal, die Sommerschüler stört das nicht. Die Türen schließen sich. Der Campus verharrt wieder in Reglosigkeit.


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Leserkommentare
theface am 18.10.2019 20:54
Das kann so nicht stimmen, sonst wären SPD und Grüne ja nicht mehr in der Landesregierung.
Opferanode am 18.10.2019 20:48
Ich hatte die gleiche Frage. Aber eine vernünftige Antwort würde mir besser gefallen, als so schulmeisterlich daherzukommen, mit der Aufforderung, ...