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Das Interview: Greta Silver
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„Mit 71 in der Blüte meines Lebens“

Imke Molkewehrum 15.05.2019 0 Kommentare

Greta Silver liest am Sonntag, 19. Mai, ab 17 Uhr in der Galerie Lichthof Kunstfabrik in Burgdamm aus ihrem Buch „Wie Brausepulver auf der Zunge“.
Greta Silver liest am Sonntag, 19. Mai, ab 17 Uhr in der Galerie Lichthof Kunstfabrik in Burgdamm aus ihrem Buch „Wie Brausepulver auf der Zunge“. (lotta-fotografie.de)

Frau Silver, Sie tragen doch sicherlich einen Künstlernamen…?

Greta Silver: Ja, das ist ein Firmenname, den kann man sich gut merken. Er bezieht sich auf meine Haare. Meinen echten Namen möchte ich zu meinem Schutz nicht nennen.

Sie beschäftigen sich intensiv mit dem Alter vertreten die Ansicht, dass Senioren diese Lebensphase in vollen Zügen genießen sollten. Wie könnte das aussehen?

Die Zeit zwischen 60 und 90 Jahren ist genauso lang wie die Zeit zwischen 30 und 60 Jahren. Natürlich gibt es Menschen, die früher sterben, aber das Durchschnittsalter liegt inzwischen bei 87 Jahren. 90 Jahre sind heute doch kein Alter mehr. Ich geh davon aus, dass ich 120 Jahre alt werde, das habe ich mit 17 schon entschieden. Und wenn ich dann doch mit 100 gehen muss, ist es auch gut. Mit 71 Jahren stehe ich jetzt aber noch in der Blütezeit meines Lebens.

Ist die Freude im Alter nicht eher ein Privileg? Was raten Sie beispielsweise Menschen, die von Hartz IV leben, selbst krank sind und einen alkoholabhängigen Partner haben?

Man muss nicht unbedingt gesund und reich sein. Da täte man den Armen und Kranken bitter Unrecht. In Hamburg auf dem Jungfernstieg sehen Sie vor allem gestresste Reiche. Es gibt dagegen durchaus lebensfrohe, weniger betuchte Menschen, die liebevolle Beziehungen pflegen. Wie viel Freude begegnet uns in den sogenannten armen Ländern. Entscheidend sind unsere Gedanken. Ich kenne Schwerkranke, die sagen, sie hätten erst durch die Krankheit gelernt, was wirklich wichtig ist im Leben. Es kommt auf die Blickrichtung an. Eine Frau, die jetzt bettlägerig ist, schwärmt heute von der Zeit, als sie noch im Rollstuhl saß. Damals war auch das schwer. Glück hängt nicht von Lebensumständen ab. Das Leben ist schön, wenn ich in funktionierenden Beziehungen lebe. Dazu gehört nicht alleine der Partner, sondern auch der Kontakt zum Busfahrer, zur Kassiererin oder zum Nachbarn.

Was fördert eine positive Lebenseinstellung?

Wir sind verpflichtet, uns um uns selbst zu kümmern, um den Energietank aufzufüllen, auch wenn wir einen kranken Mann zu Hause haben. Wir müssen lernen, auch mal Nein zu sagen, sonst klappen wir selbst zusammen. Das ist wie im Flugzeug: Erst sich selbst die Sauerstoffmaske aufsetzen, dann den anderen helfen. Außerdem sollte man nicht nach Katastrophen suchen. Es ist erwiesen, dass wir uns zu 95 Prozent über Dinge aufregen, die gar nicht passieren werden. Jede Körperzelle erlebt dann den Angstmodus – das ist Stress pur.

Haben Sie selbst auch Schicksalsschläge erlebt?

Mein Vater starb, als ich 19 war. Da brach eine Welt zusammen, er war mein Held. Später hat mein Mann seinen Job verloren und war lange arbeitslos. Wir hatten zwei Kinder im Studium, und das Haus war nicht bezahlt…

Inzwischen sind Sie geschieden. Wie haben Sie das verdaut?

Ich lernte früh, selbst für mein Glück verantwortlich zu sein. Mit 30 Jahren, wenn mein Mann Formel 1 der Fahrradtour vorzog, hab ich noch rumgemault, statt alleine zu fahren. Doch dann begriff ich, es ist Freiheit, selbst die Verantwortung für mein Leben zu übernehmen. Das half auch, als ich mich vor zehn Jahren für die Trennung entschied.

Wie sind Sie eigentlich auf die Idee gekommen, mit 66 Jahren einen eigenen Youtube-Kanal zu starten?

Eine jugendliche Freundin hat mir vorgeschlagen, ich solle der Welt erzählen, wie toll es ist, alt zu sein – am besten mit einem Youtube-Kanal. Ich hatte davon gar keine Ahnung, kannte nicht mal Facebook. Meine Kinder konnten auch nicht helfen. Deshalb habe ich mich online in den Communities schlaugemacht, bei den ganzen Freaks. Da hatte ich „Welpenschutz“, schließlich kannte ich die ganzen Fachausdrücke nicht.

Schminken, frisieren und filmen Sie sich selbst?

Ab und zu gehe ich natürlich zum Friseur, aber alles andere mache ich selbst. Ich habe eine kleine Kamera und nehme immer denselben Hintergrund, den ich selbst gestaltet habe. Inzwischen werde ich auch in Talkshows eingeladen. Neulich kam sogar ein Fernsehteam aus Chile und drehte ein Porträt über mich. Das steht als Beispiel über das Älterwerden jetzt auf der Uno-Plattform. Das ist doch der Wahnsinn.

Was sind Ihre neuesten Projekte?

Ganz neu ist meinen Podcast „Glücklich sein ist eine Entscheidung“. Vor einem Jahr ist mein Buch „Wie Brausepulver auf der Zunge“ erschienen. Bald kommt mein zweites Buch raus „Alt genug, um mich jung zu fühlen“. Demnächst bin ich als Rednerin in Zürich auf einem Kongress für Führungskräfte. Ich werde dort die Angst und den Neustart thematisieren. Das kenne ich aus eigener Erfahrung.

Was war denn ein Neustart?

Ich habe Abitur, jedoch weder Ausbildung noch Studium. Ich war 17 Jahre Hausfrau und Mutter von drei Kindern. Mit 48 habe ich mich selbstständig gemacht. Da bin ich reingerutscht, als ich das Büro vom Freund einer Freundin einrichten sollte. Später habe ich Hausboote und Ferienhäuser an der Müritz ausgestattet. Dass ich das machen durfte, hat mir Flügel verliehen. Später hatte ich noch ein PR-Büro und habe Kongressmanagement gemacht. Und mit 60 wurde ich Model.

Wie ist es denn dazu gekommen?

Meine Tochter modelte als Studentin. Und dort waren Mutter und Tochter gefragt. Es ging um eine Augencreme. Ich hab mich dann breitschlagen und in der Agentur eintragen lassen. Später war ich noch in einem Kaffeespot die Oma. Ich wurde gestylt und wurde mutiger.

So viele Aktivitäten. Inwiefern haben Sie eigentlich selbst noch genug Zeit, um ihr Seniorendasein zu genießen?

Das macht mir alles Spaß, aber die Zeit wird tatsächlich  knapper.

Das Gespräch führte Imke Molkewehrum.

Zur Person

 Greta Silver

ist 71 Jahre alt, betreibt ihren eigenen Youtube-Kanal, arbeitet als Model, schreibt Bücher und hält Vorträge. Die Hamburgerin bezeichnet das Seniorenalter als besonders glückliche Lebensphase.

Zur Sache

Lesung am Sonntag

Buchautorin und Youtuberin Greta Silver liest am Sonntag, 19. Mai, um 17 Uhr in der Galerie Lichthof Kunstfabrik, Stader Landstraße 64, in Burgdamm aus ihrem Buch „Wie Brausepulver auf der Zunge“. Der Eintritt kostet 15 Euro an der Abendkasse oder 13 Euro mit Voranmeldung unter 01 75 / 5 26 73 55 oder per E-Mail an mail@lichthof-kunstfabrik.de


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Leserkommentare
Opferanode am 20.10.2019 15:14
@ Bunker
Bei Ihnen weiß ich nicht immer, ob Sie das ernst meinen, was Sie schreiben. Kann ja auch ironisch gemeint sein?
Wenn Sie von ...
alterwaller am 20.10.2019 15:01
INITIATIVEN !!!

Zu hoch, zu flach, zu breit, zu lang. Die Fenster passen nicht zum Umfeld und was ist mit begrünten Dächern ? Da wird ...