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Modi Samb hat ein hohes Ziel

Patricia Brandt 27.07.2018 0 Kommentare

Modi Samb durchläuft jetzt verschiedene Stationen im Werk.
Modi Samb durchläuft jetzt verschiedene Stationen im Werk. (Arcelor Mittal)

Bremen-Nord. Ausbilder Lothar Kahrs‘ Worte zu Beginn waren hart, aber deutlich: „Wir versuchen das mit dir, aber wenn Du am Bremer Bahnhof einer Frau die Tasche klaust, dann sind wir Freunde gewesen.“ An der Antwort habe er gemerkt, erinnert sich Kahrs, dass der neue Auszubildende verstanden hatte. „Sie können beruhigt schlafen, Herr Kahrs.“ Das kurze Gespräch hat vor rund einem Jahr stattgefunden. Modi Samb aus dem Senegal ist nicht nur der erste Geflüchtete, der bei Arcelor Mittal eine Ausbildung zum Industriemechaniker durchläuft. Er hat sich vorgenommen, diese auch als einer der Besten seines Jahrgangs abschließen.

Im Foyer der Ausbildungswerkstatt hängen ein paar Flyer. An der Wand ist eine Liste derjenigen ausgehängt, die beim Firmenlauf mitgemacht und gewonnen haben. Modi Sambs Name steht auch darauf. Vor allem die Zielstrebigkeit des 20-Jährigen, der zurzeit nur im Land geduldet ist, ist es, die bei Mitarbeitern der Stahlwerke Eindruck hinterlassen hat. Modi Samb hat seine Zeit an der Berufsfachschule, dem Technischen Bildungszentrum in Bremen, um ein Jahr verkürzt, um die Ausbildung bei Arcelor beginnen zu können. Dafür musste er an bestimmten Kursen teilnehmen. „Du musst kämpfen“, hatte ihn der Ausbilder im Bereich Metall und Technik gewarnt, „wenn du die Prüfung beim Eignungstest schaffen willst.“

Den Eignungstest muss jeder absolvieren, der bei den Stahlwerken eine berufliche Karriere starten will. Bei dem dreiwöchigen Praktikum stellen die Kandidaten ihre Fertigkeiten, ihr Sozialverhalten und ihre Teamfähigkeit unter Beweis. Das Praktikum hat Modi Samb offenbar gut gemeistert. „Was mir imponiert hat, ist das Wissbegierige bei ihm. Und auch seine Ehrlichkeit und Offenheit“, lobt Ausbilder Lothar Kahrs. Modi Samb sei zudem handwerklich sehr geschickt und spreche sehr gut deutsch. „Er ist hier voll integriert.“

Schon früh habe für den jungen Mann, der in Peterswerder wohnt, festgestanden, dass er einen Beruf ergreifen will, bei dem er mit seinen Händen arbeiten kann. An seinem Arbeitsplatz holt der Auszubildende aus einer Plastiktüte ein paar Werkstücke, die er gefräst und gedreht hat. Er dreht sie ein wenig, um die Details zu erklären. Dabei bringt das grelle Neonlicht das Metall zum Glänzen.

Modi Samb ist eigentlich in Mali geboren, aufgewachsen ist er aber im Senegal. „Ich habe die Koranschule besucht und eine weitere Schule“, berichtet er in einem Besprechungsraum in der Ausbildungswerkstatt. Neben ihm sitzen sein Ausbilder und die Sprecherin des Unternehmens, Marion Müller-Achterberg.

Modi Samb hat einen lang Weg hinter sich, über den er nicht gern spricht. Nur so viel gibt er preis, dass er in Mali geboren wurde und im Senegal aufgewachsen ist. Dort habe er seine Geschwister und die getrennt lebenden Eltern zurückgelassen. Einige Zeit war der junge Moslem in Spanien, aber „dort hat es nicht so geklappt“.

Dass er so schnell Deutsch gelernt habe, liege an seiner offenen Art. Er knüpfe gern neue Kontakte. Kontakt habe er auch weiterhin zu seiner Familie nach Afrika, sagt der 20-Jährige. Manchmal sei das Heimweh groß. Aber Modi Samb hat sich vorgenommen, etwas aus seinem Leben zu machen: „Alle fragen, warum ich hergekommen bin. Aber alle wissen, dass es in Europa und in Afrika nicht die gleichen Chancen gibt. Die Chancen, die ich hier bekommen kann, bekomme ich in Afrika nicht. Deshalb werde ich meine Arbeit hier so gut wie möglich machen.“

Zurzeit wird seine Duldung immer nur um wenige Monate verlängert. Wenn er die Ausbildung schafft, sichert ihm Arcelor Mittal wie allen Auszubildenden eine Übernahmegarantie zu. Er hofft, mit einem Arbeitsvertrag in der Tasche, von den Behörden auch eine längere Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland zu bekommen.

Ob Modi Samb einmal am Hochofen stehen wird oder im Bereich Instandhaltung in dem Konzern arbeiten wird, ist noch offen. Für ihn beginnt erst jetzt die Zeit, in der die Auszubildenden die verschiedenen Betriebe vom Warmwalzwerk bis zum Kaltwalzwerk auf dem sieben Quadratkilometer großen Betriebsgelände in Drei-Monats-Blöcken durchlaufen. Modi Samb findet gerade das toll: „Wir können hier alles lernen und haben noch gute Meister dazu.“

Klar gebe es auch mal Meinungsverschiedenheiten mit Kollegen. Aber offene, rassistische Anfeindungen habe er im Betrieb nie erlebt. „Ich habe aber sowieso keine Zeit, mir darüber einen Kopf zu machen“, sagt der 20-Jährige. Er habe wegen der Ausbildung nicht einmal mehr Zeit, Freunde zu treffen. Höchstens noch, um Fußball zu spielen. Sein Verein ist der FC Union.

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Leserkommentare
Opferanode am 20.10.2019 15:14
@ Bunker
Bei Ihnen weiß ich nicht immer, ob Sie das ernst meinen, was Sie schreiben. Kann ja auch ironisch gemeint sein?
Wenn Sie von ...
alterwaller am 20.10.2019 15:01
INITIATIVEN !!!

Zu hoch, zu flach, zu breit, zu lang. Die Fenster passen nicht zum Umfeld und was ist mit begrünten Dächern ? Da wird ...