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Das Interview: Ron Williams
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„Musik ist die Brücke“

Eva Przybyla 10.07.2019 0 Kommentare

Ron Williams ist auf vielen Bühnen zu Hause und zu sehen: im Theater, bei Konzerten, im Fernsehen – und im Rahmen des Gartenkultur-Musikfestivals am 4. August auch in der Begegnungsstätte Lemwerder.
Ron Williams ist auf vielen Bühnen zu Hause und zu sehen: im Theater, bei Konzerten, im Fernsehen – und im Rahmen des Gartenkultur-Musikfestivals am 4. August auch in der Begegnungsstätte Lemwerder. (FR)

Wie würden Sie sich als Sänger beschreiben, Herr Williams?

Ron Williams: Ich singe Blues, Soul, R’n’B, Standards und Pop, zum Beispiel von Frank Sinatra, Carole King, Stevie Wonder oder Ray Charles. Schlager singe ich nicht.

Warum nicht?

Schlager muss man mögen. Ich habe das einmal probiert, aber es ist nicht mein Genre. Das kann Roberto (Blanco, Anmerkung der Redaktion) besser machen. Ich muss das singen, was wirklich aus meinem Inneren kommt. Dass ich Amerikaner bin und deshalb amerikanische Musik singe, ist hoffentlich klar. Das sind meine Wurzeln.

Wollen Sie Deutschen amerikanische Kultur vermitteln?

Ja, damals vielleicht schon. Heute gibt es ja die Neuen Medien, da verbreitet sich Musik weltweit schneller. Aber in den 1960er- und 1970er-Jahren gab es nur wenige Fernsehsender. Ich war einer der ersten Amerikaner, der im deutschen Fernsehen als Sänger, Entertainer und Talkgast präsent war und der als Moderator ab den 80er-Jahren auch mit eigenen Sendungen zum Beispiel beim WDR/ORF im Fernsehen bekannt wurde.

Warum waren Sie erfolgreich?

Vielleicht war es Glück. Allerdings konnte ich ziemlich schnell Deutsch und ebenfalls noch einige Dialekte. Auch den schwäbischen und bayrischen Humor konnte ich parodieren. Und so habe ich das Publikum vielleicht besser erreicht.

Erreichen Sie das Publikum auch mit Ihrem Kampf gegen Rassismus?

Kampf würde ich das nicht nennen, eher Engagement. Mein Vorbild ist und bleibt Doktor Martin Luther King Junior: Er hat mit seinen Taten und Worten gesellschaftspolitisch viel erreicht. Ich hatte als erster Schwarzer das Glück, in meinen diversen Theaterrollen wie „I Have a Dream – Die Martin-Luther-King-Story“, „Die Nelson Mandela-Story“ „Die Ray Charles-Story“, „Die Harry Belafonte-Story“ dem deutschen Publikum das Wirken dieser großen Persönlichkeiten näher zu bringen.

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King haben Sie ab 2007 im Musical „King of Love“ gespielt und Lieder dazu komponiert. War das aus der Ferne schwierig für Sie?

Nein. Egal wie lange ich in Deutschland lebe – ich bin Amerikaner oder besser gesagt Kalifornier. Schon als Teenager habe ich mich für die Gleichberechtigung von Schwarzen engagiert.

In Deutschland haben Sie Ihr Engagement fortgesetzt…

Genau. Man hat mich immer wieder in TV-Talkrunden geholt, wenn Fremdenfeindlichkeit ein Thema war, in den 80ern und 90ern, als Ausländer in Mölln und Hoyerswerda angegriffen wurden. Kaum einer mit meiner Hautfarbe war da in den Medien, um diese Gewalt anzuprangern. Und ich konnte, meistens mit Humor, meine politische Meinung kundtun, die damals für manche Menschen vielleicht ziemlich frech war.

Für wen?

Bestimmte Kritiker, haben mich sogar „Nestbeschmutzer“ genannt, weil ich die amerikanische Politik kritisiert habe. Wenn ich die deutsche Politik wegen Ausländerfeindlichkeit angriff, meldeten sich auch Politiker zu Wort, darunter Erwin Huber von der CSU, der in der Münchner Abendzeitung sagte: „Wenn der Herr Williams sich hier nicht wohlfühlt, soll er nach Hause gehen.“ Aber ich konnte mit diesen Kritikern in Talkshows streiten und, wenn die Kameras ausgeschaltet waren, mit ihnen einen trinken und weiter diskutieren. Dadurch habe ich Land und Leute besser kennengelernt.

Sie kamen als GI freiwillig nach Stuttgart. Warum haben Sie Deutschland gewählt?

Ausschlaggebend war mein Onkel. Er war für mich wie mein eigentlicher Vater. Er war klassischer Sänger und Gesangslehrer. Als junger Mann hatte er in den 30ern nach seinem Gesangsstudium in London, Berlin besucht. Von seinen Berichten war ich fasziniert. Nach der Highschool fragte er mich: „Ron, was willst du mit deinem Leben machen?“ Damals wollte ich Jura studieren. Doch mein Onkel sagte: „Du musst hinaus in die Welt. Werde freiwillig Soldat, in der Armee bekommst Du jede Art der Ausbildung. Du kannst Europa oder jedes andere Land wählen, in dem die US-Armee stationiert ist.“

Wann war das?

1960. Da habe ich mich entschieden, nach Deutschland zu gehen. Bemerkenswerterweise hatte ich schon immer Interesse an diesem Land. Sogar für meinen Highschool-Abschluss – ich sollte einen Text über eine historische Persönlichkeit schreiben – wählte ich nicht die US-Präsidenten Lincoln oder Jefferson, sondern Friedrich den Großen.

Wann begann Ihre musikalische Karriere?

Ich war immer musikalisch, schon als Kind. Ich komme aus einer Musikerfamilie. Während meiner Zeit als GI in Stuttgart hat mich der Jazzmusiker Horst Jankowsky als Sänger entdeckt.

Wollten Sie jemals nur als Musiker arbeiten?

Nicht nur. Ich habe das damals nicht als Beruf gesehen. Ich wollte lieber Politiker werden, ein frühzeitiger Obama. Mein Kosename war schon in der Schule: „Ronnie, the lawyer“ (übersetzt Ronnie, der Anwalt). Ich konnte immer gut reden und habe mich überall eingemischt.

Als Schauspieler, Kabarettist und Moderator haben Sie häufig gesungen. Was bedeutet Ihnen das?

Musik ist die schönste Sprache der Welt. Musik ist international. Sie trifft die Seele, wenn sie authentisch ist.

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Sie engagieren sich an Schulen gegen Rassismus. Vor den Gesprächen mit den Schülerinnen und Schülern spielen Sie Rap. Ist Musik ein Türöffner?

Ja klar. Musik ist die Brücke. Denn jeder groovt hoffentlich gern auf zwei und vier. Und junge Leute kann man mit Musik gewinnen. Wann kommt schon ein Schwarzer aus Amerika, der Deutschland kennt, Deutsch spricht und den Schülern auf Augenhöhe begegnet, ohne belehrend zu sein?

Und wie machen Sie weiter?

Dann frage ich die Schüler zum Beispiel: „Wer ist hier Ausländer und wer ist hier Inländer? Ah', da sitzt jemand mit einem Kopftuch. Steh doch bitte mal kurz auf und erzähl uns, wer du bist und wo du herkommst.“ Auf meine Frage, ob andere Schüler damit Probleme haben, kommen Meinungen und Kommentare über Eltern, das Verhältnis von Deutschen und Ausländern, Religion und das Zusammenleben. Da Lehrer keine Kommentare abgeben dürfen, sind die Schüler frei.

Was sagen die Schüler konkret?

Einmal stand ein Typ auf, und man sah sofort: Das ist ein Deutsch-Nationaler. Er trug Springerstiefel und einen entsprechenden Pullover. Der Junge, nennen wir ihn Hans, sagte: „Es gibt zu viele Ausländer in Deutschland.“ Ich habe andere Schüler gebeten, ihre Meinung zu Hans' These zu äußern. „Das ist Quatsch“, sagte einer und diskutierte mit Hans. Dann ging es los: Fast alle 600 Kids in der Aula haben sich gemeldet. Jeder hatte eine Meinung.

Und jede Meinung ist okay?

Ja klar. Ich sage den Kids: Wir sind eine Demokratie. Ihr dürft jede Meinung haben, ob rechts oder links, und sie auch äußern, allerdings mit Respekt, ohne Beleidigungen und ohne den anderen zu verletzen. Einfach tolerant sein und dem Anderen zuhören.
Anschließend kommen manchmal Schüler zu mir und sagen: „Heute hab' ich was gelernt, du hast recht. Ich muss über manches nachdenken, auch über die Haltung meiner Familie zu Fremden.“

Was sollten Erwachsene gegen Rassismus tun?

Man sollte immer wieder vor den Menschen, die einen umgeben, seine Meinung aussprechen. Man sollte Flagge zeigen. Wenn man einen rassistischen oder antisemitischen Witz hört, sollte man sofort Stellung beziehen – wenn es sein muss sogar aufstehen und gehen. Ich habe das schon oft gemacht. Leute können sagen, was sie wollen, aber sie müssen merken: Nicht jeder macht mit. Wir sollten uns einmischen und aufrecht sein.

Das Interview führte Eva Przybyla.

Zur Person

Ron Williams wurde 1942 in Kalifornien, USA, geboren. 1961 kam er als US-Soldat nach Deutschland. In Stuttgart arbeitete er als Radio-Moderator beim US-Sender AFN und als Journalist für amerikanische Zeitungen. Er moderierte diverse Fernsehsendungen wie „Musik-Szene“ (ARD/WDR/ORF), „Spaß am Dienstag“ (WDR) und „Focus on Europe“ (Deutsche Welle Fernsehen). Als Schauspieler und Sänger ist er heute in vielen Theaterproduktionen und Bühnenshows zu sehen. Für sein Engagement gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit erhielt er 2004 das Bundesverdienstkreuz.

Zur Sache

Auftritt in der Begu

Am 4. August tritt Ron Williams ab 15.30 Uhr mit dem Jörg Seidel Swing-Trio in der Begegnungsstätte (Begu) Lemwerder auf. Das Konzert, das im September 2018 geplant war und verschoben werden musste, läuft nun im Rahmen des Gartenkultur-Musikfestivals. Auf dem Programm stehen Soul-Klassiker, Blues, Pop, Swing und eigene Kompositionen. Der Eintritt kostet zwölf Euro, ermäßigt zehn Euro.


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suziwolf am 22.10.2019 07:52
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Da befassen sich seit Jahrzehnten [gut bezahlte] BehördenmitarbeiterInnen mit diesem ...