Wetter: Regenschauer, 9 bis 15 °C
Fluchtpunkte: Teil 8 der Serie
Der Artikel wurde zur Merkliste hinzugefügt.
Die Merkliste finden Sie oben links auf der Seite.

Wo alles anfing

Patricia Brandt 20.07.2018 0 Kommentare

Marija de Gast war Leiterin des Containerdorfs, heute hat diesen Job Hasan Gedik. „Ich komme vom blauen Dorf nicht los“, sagt Marija de Gast.
Marija de Gast war Leiterin des Containerdorfs, heute hat diesen Job Hasan Gedik. „Ich komme vom blauen Dorf nicht los“, sagt Marija de Gast. (Christian Kosak)

Hinter einem Container erklingt arabische Musik. Die Melodie ist zart und voll Fernweh. Ein junger Mann, der sich als Alsufi Fadel vorstellt, hält das Zupfinstrument im Arm. Sein Freund Ali Kinan bringt ihm gerade bei, die Saz zu spielen. Die beiden Fliesenleger kennen sich schon eine Ewigkeit. Sie seien selbst völlig überrascht gewesen, als sie sich nach ihrer Flucht Tausende Kilometer von ihrer Heimat entfernt im blauen Dorf in Grohn wiedergetroffen haben.

Gut möglich, dass das Übergangswohnheim auf der Industriebrache an der Steingutstraße bald aufgelöst wird. Bekanntlich muss es nach Darstellung der Sozialbehörde geräumt werden, weil die Jacobs University die Wohncontainer für die Unterbringung ihrer Studenten nutzen möchte und darüber bereits mit Bremen verhandelt. „Es geht in keinster Weise darum, Flüchtlinge zugunsten von Studenten zu verdrängen“, betont Tim Cordssen, Sprecher der Wirtschaftsbehörde. Allerdings benötige die Uni kurzfristig Unterbringungsmöglichkeit für ihre Studenten. Ob eine Doppelnutzung von Studenten und Flüchtlingen möglich wäre, wie jetzt die Vegesacker Willkommensinitiative vorschlägt, will die Privatuni nach Worten von Sprecher Thomas Joppig in Gesprächen mit der Stadt erörtern.

Studenten der Jacobs Uni haben sich von Beginn an um die Geflüchteten gekümmert. Die ersten 20 Schutzsuchenden aus Syrien, die 2014 in Grohn ankamen, schliefen vorübergehend auf dem benachbarten Campus. In nur sieben Wochen war das Containerdorf, das wegen seiner Bauweise bundesweit Beachtung fand, hochgezogen worden. Ein roter 180-Tonnen-Kran hob die ersten, je 15 Tonnen schweren Einzelmodule im Herbst 2014 auf die Industriebrache. Später wurde das Dorf mit fünf Wohntrakten noch um drei weitere Wohnhäuser vergrößert. Im Februar 2015 war der Andrang so groß, dass rund 20 Flüchtlinge aus dem Kosovo und Serbien in einem Matratzenlager campieren mussten. Alle anderen Übergangswohnheime waren da schon voll, die Behörde suchte dringend privaten Wohnraum.

Es sei weiterhin nicht leicht, in Bremen-Nord eine Wohnung zu finden. „Ab fünf Personen wird es wirklich schwierig“, sagt Marija de Gast. Sie war Leiterin der Einrichtung. Inzwischen hat diesen Job Hasan Gedik vom Arbeiter-Samariter-Bund übernommen, doch die 68-Jährige arbeitet noch stundenweise in dem Camp. „Ich komme vom blauen Dorf nicht los“, sagt sie und lacht.

Viele Aufgaben bei der Flüchtlingsbetreuung hätten sich verändert, meint Marija de Gast. Noch immer kümmerten sich Mitarbeiter des Wohnheims um die Wohnungsvermittlung. Viele Formalitäten, wie die Anmeldung beim Jobcenter oder Anträge auf Familienzusammenführung, erledigten Asylbewerber aber heute in der Zentralen Aufnahmestelle an der Lindenstraße.  

„Dieses Jahr ist es entspannter als letztes Jahr“, sagt auch Vera Jankowski. Die Quereinsteigerin hat die Kinderbetreuung im blauen Dorf übernommen. „Letztes Jahr hatte ich um die 20 Kinder hier, dieses Jahr sind es acht.“ An diesem Vormittag kommen nur Vincent und sein kleiner Bruder Luigi.  Die beiden Jungen stehen mit ängstlichem Blick im Raum, halten sich an Händen, bevor sie sich zu Vera an den Tisch setzen und Buchstaben aufs Papier stempeln.  

Eigentlich sei Luigi noch zu klein für die Kinderbetreuung, sagt Vera Jankowski, aber weil seine Mutter noch ein Baby hat und sein Bruder hier betreut wird, darf er bleiben. „Man muss flexibel sein. Ich schaue schon, dass es passt“, sagt die Helferin im Erziehungsdienst der Awo.

In dem Raum mit den bunten Kinderbildern an den Wänden überbrücken die Kinder von Geflüchteten in der Regel die Zeit, bis für sie ein Kindergarten- oder Schulplatz gefunden ist. „Manchmal müssen sie Monate bis zum Sommer warten.“ Die junge Frau mit dem rosaroten Haar ist immer wieder überrascht, wie schnell die Jungen und Mädchen Deutsch lernen. „Ihr erstes Wort ist immer ‚Guten Morgen‘, und dann die Frage: ‚Bitte, darf ich das haben?‘“ Denn im Raum stehen viele Regale mit Büchern, Spielen und Spielzeug, das Ehrenamtliche einsortiert haben, und die das Interesse der Kinder wecken.

In ganz Bremen-Nord habe die Zahl der Ehrenamtlichen, die sich für Flüchtlinge einsetzen, abgenommen. Aber die Gruppe der Freiwilligen im Blauen Dorf sei weiterhin sehr stark, sagt auch Hasan Gedik, seit August 2017 Leiter des Übergangswohnheims. „Die haben gerade ein ganz tolles Frühlingsfest auf die Beine gestellt.“ Der Kontakt zwischen Heimleitung und Ehrenamtlichen sei sehr gut, betont Gedik. Vielleicht sei dies der Grund dafür, dass noch immer viele Freiwillige bei der Stange sind.

Begegnungen am Abend

Wie aufs Stichwort kommt ein Herr in orangefarbener Jacke in Gediks Büro. Der Mann stellt sich als Harm Tete vor, früher Lehrer, heute ehrenamtlich zuständig für die Kleiderkammer des Übergangswohnheims. „Heute bin ich leider allein, meine Mitstreiter sind nicht gekommen“, bedauert er. Mit der Kleiderkammer gehe es mal auf mal ab. Mal fehlt es an Mitstreitern, mal an Kleiderspenden. „Die Kleiderkammer hat sich bewährt“, urteilt der Schönebecker trotzdem. „Wir haben nur wenig neue Familien, deshalb läuft es jetzt auf Sparflamme.“

Das Team sei dazu übergegangen, die Kleiderbörse auch für Teilnehmer der Sprachkurse des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge zu öffnen, die an der Steingutstraße laufen. „Viele Familien und auch einige Männer decken sich jetzt schon mit Winterkleidung ein.“  

In diesen Wochen ist es so warm, dass Vincent und sein kleiner Bruder abends noch in T-Shirts auf dem Innenhof spielen, während ihre Mutter Alice Dvvamerah einer anderen Frau aus Ghana Zöpfe flechtet. Als ihr drittes Kind im Wagen schreit, bindet sie es sich um die Hüften und flechtet weiter. Die Frauen unterhalten sich leise. Ein Jahr seien sie schon in Bremen, erzählen die Frauen aus Ghana. „We come to our family“, sagt Alice Dvvamerah. Bald beginne ihr Deutschkursus.

Es ist ruhig an diesem Abend im Containerdorf. Nur wenige Kinder spielen auf dem Spielplatz. Auf der Rasenfläche  hinter den Containern sitzen Ali Kinan und sein Freund ganz allein. Die beiden kommen aus demselben Dorf in Syrien. Alsufi Fadel berichtet, dass er zurzeit in Bremen-Nord eine Wohnung suche. Sein Freund Ali Kinan habe bereits eine für sich und seine Familie gefunden. Er käme trotzdem noch oft herüber, sagt Ali Kinan, um seinen Freund zu besuchen. Ins blaue Dorf, das vielen Flüchtlingen das erste Gefühl einer neuen Heimat gegeben hat.

Zur Sache

Die Situation der Flüchtlinge

Mehr als die Hälfte der Flüchtlinge besteht ihren Deutschtest nicht. Die Zahl derjenigen, die in Jobs vermittelt werden können, ist gering. Es gibt zu wenig Wohnungen. Und die Bereitschaft der Bevölkerung, Flüchtlinge ehrenamtlich zu unterstützen, ist gesunken. 2015 haben wir Familien ein Jahr lang begleitet und miterlebt, wie sie in der neuen Heimat erste Erfahrungen gesammelt habe. Die Serie „Fluchtpunkte“ beleuchtet die Situation der Flüchtlinge in Bremen-Nord aus verschiedenen Perspektiven, um so ein Gesamtbild rund drei Jahre nach der Ankunft zu skizzieren. Es geht darum, welche Sorgen die Familien heute haben und was passieren muss, damit die Neuankömmlinge integriert werden können. Thema ist diesmal das blaue Containerdorf in Grohn.

Die anderen Teile der Serie lesen Sie hier:

Mehr zum Thema
Fluchtpunkte: Teil 7 der Serie: Ausharren in der Enge
Fluchtpunkte: Teil 7 der Serie
Ausharren in der Enge

Für Flüchtlinge ist die Suche nach einer Wohnung für ihre Familie ein zentrales Problem. Manche ...

 mehr »
Mehr zum Thema
Fluchtpunkte: Teil 6 der Serie: Helfer haben einen langen Atem
Fluchtpunkte: Teil 6 der Serie
Helfer haben einen langen Atem

Die Zahl der Ehrenamtlichen in der Flüchtlingsbetreuung nimmt ab. Das hat ganz unterschiedliche ...

 mehr »
Mehr zum Thema
Fluchtpunkte: Teil 5 der Serie: Die Polizei gibt Entwarnung
Fluchtpunkte: Teil 5 der Serie
Die Polizei gibt Entwarnung

Der Umgang mit den Flüchtlingen ist entspannter, als sogar die Sicherheitskräfte erwartet haben. ...

 mehr »
Mehr zum Thema
Fluchtpunkte: Teil 4 der Serie: Käse-Küche im Hof
Fluchtpunkte: Teil 4 der Serie
Käse-Küche im Hof

Im Containerdorf in Grohn, einer Flüchtlingsunterkunft, treffen sich regelmäßig Frauen, um ...

 mehr »
Mehr zum Thema
Fluchtpunkte: Teil 3 der Serie:
Fluchtpunkte: Teil 3 der Serie
"Es hapert an der Berufsausbildung"

Volker Wöhlmann und Thomas Geisler vom Jobcenter sprechen im Interview über die Integration von ...

 mehr »
Mehr zum Thema
Fluchtpunkte: Teil 2 der Serie: Drei Jahre nach der Ankunft
Fluchtpunkte: Teil 2 der Serie
Drei Jahre nach der Ankunft

2015 hat Die NORDDEUTSCHE in einer Langzeitreportage Familien aus dem Übergangswohnheim in Grohn ...

 mehr »
Mehr zum Thema
Fluchtpunkte: Teil 1 der Serie: Hindernisse bei der Integration
Fluchtpunkte: Teil 1 der Serie
Hindernisse bei der Integration

Verschiedene Perspektiven ergeben ein Gesamtbild: Die neue Serie Fluchtpunkte will die Situation ...

 mehr »

Mein Bremen-Nord
Ihr Portal für Bremen-Nord

Herzlich willkommen in Ihrem Portal für Bremen-Nord. In diesem Portal informieren wir Sie über wichtige Nachrichten und Veranstaltungen aus Ihrem Stadtteil und Ihrer Gemeinde.

Mehr Maritimes
Uferzonen an der Weser gibt es viele in Bremen und Bremerhaven, aber nur eine Maritime Meile. In einer neuen Serie wollen wir aufzeigen, was die 1852 Meter lange Strecke in Vegesack ausmacht.
Kolumne "Im grünen Bereich"

Im Garten gibt es immer was zu tun. Unsere Redakteurin Patricia Brandt begleitet das Gartenjahr mit einem Augenzwinkern in ihrer Kolumne. Inzwischen ist die 100. WESER-KURIER-Gartenkolumnen erschienen. Sie schildert die Ängste und Sorgen des Hobbygärtners und nimmt Marotten auf die Schippe.

Fluchtpunkte: Serie über Flüchtlinge in Bremen-Nord
Verschiedene Perspektiven ergeben ein Gesamtbild: Die neue Serie Fluchtpunkte will die Situation der Geflüchteten in Bremen-Nord beleuchten - drei Jahre nachdem das Wort Flüchtlingskrise die Runde machte.
Das Leben eines Schwerkranken
Tobias Laatz ist Mitte 30 und will noch viel erleben. Ihm bleibt dafür jedoch weniger Zeit als anderen. Er ist unheilbar krank. Ärzte gehen davon aus, dass er nur noch Monate hat. In diesem Dossier erzählen wir ein Jahr lang seine Geschichte.
Ihr Wetter in Bremen
Temperatur: 15 °C / 9 °C
Vormittag:
/__wetterkontor/images/wr/50/Regenschauer.png
Nachmittag:
/__wetterkontor/images/wr/50/Regen.png
  Regenwahrscheinlichkeit: 90 %
Die Sportmeldungen aus der Region
Veranstaltung für Ihre Region
Sonderthemen aus der Region
Sonderthemen aus der Region
Sporttabellen & Ergebnisse
Sporttabellen & Ergebnisse

Welcher Verein wann in Bremen oder der Region spielt und wie die Begegnung ausgegangen ist, erfahren Sie in unserem Tabellenbereich. Auch die Ergebnisse der Spiele der höheren Ligen finden Sie dort.

Traueranzeigen
WESER-KURIER Kundenservice
Leserkommentare
suziwolf am 19.10.2019 16:31
Gerne ... „ischa Freimaak“ ...

mit manchmal auch v-e-r-brannte-n Mandeln.

Auf weitere gute Zusammenarbeit. ...
suziwolf am 19.10.2019 16:23
Die Radfahrer*innen, die nicht auf dem regulären ,roten’ Weg fuhren, ergo nicht von der Zählmaschinerie erfasst wurden,
sind das S c h w a r z ...