Vor 100 Jahren Die Revolution kommt

Das Dokumentationszentrum Verden im 20. Jahrhundert erinnert an die dramatischen Ereignisse vor genau einhundert Jahren. Fast wäre es damals zum Blutvergießen gekommen.
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Die Revolution kommt
Von Jörn Dirk Zweibrock

Verden. Wenn der Zug mit den meuternden Matrosen im November 1918 nicht in Verden gehalten hätte, wäre die Revolution doch glatt an der Allerstadt vorbei gerauscht. Einfach undenkbar für Martin Drichel und Werner Posdziech vom Doz20, dem Dokumentationszentrum Verden im 20. Jahrhundert. Mit der Veranstaltung „Die Revolution kommt nach Verden“ erinnern sie an diesem Donnerstag, 8. November, ab 18 Uhr in der Verdener Stadtbibliothek an die schicksalhaften Ereignisse vor haargenau einhundert Jahren. Geschichtsinteressierte Verdener können sich auf einen Abend gespickt mit Vorträgen, Zeitzeugen-Interviews aus der Konserve und dem szenischen Spiel von Jessica Coels und Peter Kray freuen. Einlass ist bereits ab 17.30 Uhr.

Binnen einhundert Tagen hat sich damals im Herbst 1918 die gesamte politische Landschaft in Deutschland umgekrempelt – vom Ende des Krieges, dem Sturz der Monarchie bis hin zur Republikwerdung. „In Kiel und Wilhelmshaven haben die Matrosen gemeutert und sich bewaffnet mit den Zügen der Reichsbahn gen Heimat abgesetzt“, erzählt der Verdener Martin Drichel. Auf dem Weg nach Süden mussten die Züge natürlich auch Verden passieren. Weil Adolf Wittig auf dem Verdener Telegraphenamt davon Wind bekam, verbreitete sich die Meldung folglich wie ein Lauffeuer in der Stadt. Einer dieser Züge wurde schließlich von Kriegsgegnern im Verdener Bahnhof gestoppt. Die Linken hatten zuvor eine Weiche sabotiert. „Die Matrosen stürmten daraufhin aus den Waggons und besetzten die bis an die Zähne bewaffnete Garnison am Holzmarkt“, schildert Drichel die dramatischen Szenen am späten Abend des 8. November 1918.

Doch bevor es zum Blutvergießen kam, ergriff ein Verdener Sozialdemokrat seine Chance und wirkte beruhigend auf alle Beteiligten ein. Es war der Arbeiterführer Carl Hatzky, dessen Intervention damals weitaus Schlimmeres verhinderte. „Er hat sehr weitsichtig agiert, gleich den Verdener Bürgermeister und den Landrat miteinbezogen, um die Versorgung sicherzustellen“, lobt Posdziech die Diplomatie und das Verhandlungsgeschick des SPD-Politikers. Nach Hatzky wurde später übrigens auch der gleichnamige Weg zwischen Hinter der Mauer und Ritterstraße in Verden benannt. Mit dem Enkel des Sozialdemokraten hat Martin Drichel dann in den 1980er-Jahren ein Zeitzeugeninterview für seine Diplomarbeit über die Novemberrevolution in Verden geführt. Sie trägt den bezeichnenden plattdeutschen Titel „Lewer dod as Slaw“. Auch mit dem späteren Mann der Verdener Awo-Vorsitzenden Emma Eggers, Adolf Wittig, führte der Verdener intensive Gespräche. Und dann gab es damals vor einhundert Jahren ja auch noch den Oberst Gerstenberg, der von seinem Quartier in der heutigen Verdener Nicolaischule aus bewaffnet mit 15 000 Mann in Richtung Bremen zog, um die dortige Räterepublik zu kassieren.

Dass im neuen Dokumentationszentrum Verden im 20. Jahrhundert so manches Netzwerk gesponnen wird, beweist die Bekanntschaft zwischen Martin Drichel und Werner Posdziech. Drichel, der diplomierte Sozialwissenschaftler mit profunden Kenntnissen über die Novemberrevolution, und Posdziech, der frühere Geschichtslehrer und Experte auf diesem Gebiet. Einer hat die begleitende Broschüre „Die Revolution kommt“ konzipiert, der andere inhaltlich das Themenheft mit Texten und zahlreichen Quellenangaben bestückt. Das Büchlein schildert detailliert den politischen Umbruch in Verden und umzu vom Kaiserreich und Kriegsende bis hin zur Weimarer Republik, und zwar anhand von zeitgenössischen Dokumenten und Aussagen direkt Betroffener. Gegen eine Schutzgebühr in Höhe von drei Euro ist es in der Stadtbibliothek zu erwerben.

Die beiden Männer wünschen sich, dass die Broschüre künftig auch im Schulunterricht gelesen wird. Damit an diesem Donnerstagabend auch jüngere Besucher in die Verdener Stadtbibliothek kommen, verzichtet Martin Drichel ganz bewusst auf das Spielen von typischen Arbeiterliedern. Stattdessen gibt es die Beatles, Depeche Mode und Falco auf die Ohren. „Auch das war einmal revolutionär“, erzählt Drichel Augen zwinkernd.

Gefördert wird die Veranstaltung zum Kriegsende vom Weser-Aller-Bündnis Wabe, dem Netzwerk Erinnerungskultur des Landkreises, der Stadt Verden sowie dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Zuge des Bundesprogramms Demokratie leben.

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