Menschen am Fluss

"Die Schleuse bestimmt mein ganzes Leben"

Seit mehr als 35 Jahren arbeitet Peter Merz auf der Schleuse, seit 2005 in Dörverden. Für ihn ist der kleine Leitstand, von dem aus er einen guten Überblick flussauf- und flussabwärts hat, sein Traum-Arbeitsplatz. Doch den wird es vermutlich nicht mehr allzu lange geben.
03.09.2014, 00:00
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Von Elina Hoepken
"Die Schleuse bestimmt mein ganzes Leben"

Von seinem kleinen Balkon aus hat Peter Merz den perfekten Überblick über die gesamte Schleuse.

Focke Strangmann

Seit mehr als 35 Jahren arbeitet Peter Merz auf der Schleuse, seit 2005 in Dörverden. Für ihn ist der kleine Leitstand, von dem aus er einen guten Überblick flussauf- und flussabwärts hat, sein Traum-Arbeitsplatz. Doch den wird es vermutlich nicht mehr allzu lange geben.

Als eine aussterbende Art, so bezeichnet Peter Merz sich selbst. Kurz nachdem der Schleusenwärter das gesagt hat, schnappt er sich sein Fernglas und geht auf den kleinen Balkon vor seinem Leitstand. Ein kurzer Blick flussaufwärts – dort wartet schon das nächste Schiff auf seine Einfahrt in die kleine Schleuse in Dörverden. „Das gibt es ganz selten, dass die Schleusenwärter noch direkt vor Ort sind“, sagt Merz. „Mittlerweile wird ein Großteil der Schleusen aus der Ferne gesteuert.“

Auch in Dörverden wird es über kurz oder lang so laufen. Dann, wenn nur noch die neu gebaute große Schleuse in Betrieb sein wird. „Im Moment hat die große Schleuse noch einen Defekt.“ Wann sie vollständig einsatzbereit ist, wisse man noch nicht genau. „Ich hoffe, dass es nicht so schnell der Fall sein wird. Wir sind froh, dass wir noch unsere alte Schleuse haben“, sagt Merz.

Gemeinsam mit zwei anderen Schleusenwärtern kümmert er sich um den Schiffsverkehr vor Ort. Einer im Früh- , einer im Spätdienst. „Ich kann in jedem Fall sagen, dass die Schleuse mein Traum-Arbeitsplatz ist“, sagt Merz. Etwas alt und antiquiert wirkt die Ausstattung im Leitstand, aber dennoch strahlt sie einen gewissen Charme aus. Auf drei Bildschirmen flimmern die Kameraaufnahmen der Schleuse. Auf einem weiteren kontrolliert Merz die Steuerung. Etwa zehn Minuten dauert hier ein Schleusenvorgang.

Zwei kurze Klicks auf seiner Tastatur und der Stoßschutz fährt hoch, zwei weitere und das Schleusentor schließt sich. 4,35 Meter beträgt der Wasserunterschied momentan. Das zeigt der Computer ebenfalls an. Hochmodern ist die Ausstattung nicht, „aber funktionstüchtig“, wie Merz sagt. „Zwar klappert und quietscht es manchmal an der ein oder anderen Stelle, aber trotzdem läuft alles.“ Merz’ Herz hängt an der alten Schleuse, das merkt man, wenn er von seiner Arbeit erzählt und davon, wie sich alles ändern wird, wenn irgendwann die große Schleuse in Betrieb genommen wird.

„Ich bin mit der Schifffahrt groß geworden“, sagt er. Schon sein Vater und sein Großvater waren auf dem Schiff unterwegs. Letztlich hat Merz selbst sich dann aber doch gegen ein Leben auf dem Schiff entschieden. „Ich habe irgendwann gemerkt, dass es schöner ist, wenn man abends nach der Arbeit immer nach Hause kommen kann.“ An seiner Liebe zum Wasser hat der 61-Jährige aber festgehalten. Im Grunde dreht sich sein ganzes Leben um die Schleuse. In Dörverden arbeitet er an einer, in Drakenburg wohnt er im Schleusenhaus. „Die Schleuse bestimmt mein ganzes Leben – von morgens bis abends“, sagt Merz und wirkt damit durchaus zufrieden. „Wenn an der Schleuse richtig Action ist, dann bin ich in meinem Element.“ Im vergangenen Sommer sei das beispielsweise der Fall gewesen. „Teilweise mussten die Sportboote hier bis zu vier Stunden warten, bis sie einfahren konnten.“ Denn an der Schleuse gilt: Berufsschiff vor Sportboot. In Spitzenzeiten fahren 38 Schiffe pro Tag durch die Dörverdener Schleuse. „Es gibt natürlich einige Boote, die hier regelmäßig vorbeikommen. Manche sogar täglich“, sagt Merz. Da werden mit dem ein oder anderen Schiffer auch schon mal mehr als nur zwei kurze Sätze über Funk gesprochen. „Wir kennen hier unsere Schiffer“, sagt Merz. „Da wird mit dem Werder-Fan auch schon mal über das letzte Spiel gesprochen oder eine Pizza für den hungrigen Schiffer rübergereicht.“

Wenig später klingelt im Leitstand wieder das Telefon. Das nächste Sportboot meldet sich an. „Je nachdem welche Meldestelle sie nutzen, dauert es jetzt noch etwa zehn bis 15 Minuten, bis sie da sind“, sagt Merz. Das nächste Berufsschiff, das schon auf seine Einfahrt in die kleine Schleuse wartet, hat also noch genügend Zeit. Merz notiert sich die Daten des Bootes schnell auf seiner Liste, um nichts zu vergessen. Später überträgt er sie noch in den Computer. „Ein deutscher Beamter ohne Statistiken, das geht einfach nicht“, sagt er und lacht.

„Menschen am Fluss“: In ihrer neuen Serie porträtieren die VERDENER NACHRICHTEN Menschen, die eine besondere Beziehung zu Weser oder Aller haben – die beiden Flüsse, die den Landkreis Verden durchschneiden.

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