Stuhrerin ist seit neun Jahren trocken und erzählt ihre Geschichte / Veranstaltung der Anonymen Alkoholiker „Die Sucht bestimmte mein Leben“

9,6 Liter reinen Alkohol trinkt jeder Deutsche laut einer Studie der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen im Jahr. Doch das allabendliche Glas Rotwein oder Bierchen beim Stammtisch hat Suchtpotenzial. Eine, die ihren Alkoholkonsum nicht mehr unter Kontrolle hatte, ist die 39-jährige Berit. Mit Hilfe der Anonymen Alkoholiker fand die Stuhrerin, die ihre Sucht in der Delmenhorster Selbsthilfegruppe überwand, zurück ins Leben.
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„Die Sucht bestimmte mein Leben“
Von Mareike Meyer

9,6 Liter reinen Alkohol trinkt jeder Deutsche laut einer Studie der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen im Jahr. Doch das allabendliche Glas Rotwein oder Bierchen beim Stammtisch hat Suchtpotenzial. Eine, die ihren Alkoholkonsum nicht mehr unter Kontrolle hatte, ist die 39-jährige Berit. Mit Hilfe der Anonymen Alkoholiker fand die Stuhrerin, die ihre Sucht in der Delmenhorster Selbsthilfegruppe überwand, zurück ins Leben.

Wenn Berit Geburtstag feiert, dann ist dies nicht immer der Tag ihrer Geburt. Es gibt noch ein zweites Datum – den 18. September. An diesem Abend bekommt die 39-jährige Stuhrerin eine Kerze und eine Rose und darf als Erste sprechen. „Hallo, mein Name ist Berit und ich bin Alkoholikerin“, sagt sie dann.

Berit, die nur ihren Vornamen nennen möchte, ist bei den Anonymen Alkoholikern. „Der 18. September ist der Tag, an dem ich aufgehört habe, zu trinken – und diesen Tag feiere ich mit den Anderen zusammen“, erklärt die zweifache Mutter, die die Delmenhorster Selbsthilfegruppe der Anonymen Alkoholiker besucht und mit Hilfe der Gemeinschaft von der Sucht losgekommen ist. Seit 40 Jahren gibt es diese Institution in der Delmenhorst, was am Sonntag, 20. Oktober, mit einer öffentlichen Infoveranstaltung im „Haus Adelheide“ an der Abernettistraße 43 gefeiert werden soll. Mit der Schilderung von Berits Geschichte möchten die Anonymen Alkoholiker vorab für das Thema sensibilisieren.

Die gelernte Krankenschwester spricht heute offen über ihre Vergangenheit, um andere vor den Fehlern zu bewahren, die sie selbst gemacht hat. Seit neun Jahren habe sie keinen Alkohol mehr getrunken, erzählt Berit, und fügt hinzu: „Meine Mutter ist an der Alkoholsucht verreckt.“ Sie sagt das ganz bewusst, denn „ein solcher Tod hat nichts Würdevolles mehr. Irgendwann hast du nur noch die Wahl, aufzuhören oder zu verrecken.“

Für den 68-jährigen Dieter, der wie Berit Mitglied der Gruppe ist, ein bekanntes Phänomen: „Es ist nicht ungewöhnlich, dass man selbst zur Flasche greift, wenn jemand in der Familie Alkoholiker ist“, meint er.

Berit hatte sich vorgenommen, nie so zu werden, wie ihre Mutter. „Ich habe an meinem achtzehnten Geburtstag zum ersten Mal Alkohol getrunken“, erinnert sie sich. Danach begann sie, die Schicksalsschläge in ihrem Leben mit der Flasche zu bekämpfen. Der Wodka habe sie mutiger gemacht. Heute ist das Zuhause der zweifachen Mutter eine alkoholfreie Zone. „Wenn meine Tochter Alkohol trinkt, schläft sie nicht zuhause“, verbieten könne sie es der 16-Jährigen nicht. „Sorgen mache ich mir natürlich trotzdem“, sagt die Stuhrerin.

Berit war in ihrem Leben zweimal vom Alkohol abhängig. „Mit 22 wurde ich das erste Mal trocken“, blickt sie zurück. Im Alter von 28 dann der Rückfall. „Zwei Jahre lang war es mir egal, was ich trank. Hauptsache, es war Alkohol“, schildert sie. Das Schlimmste seien die Filmrisse und die Übelkeit am nächsten Tag. Ihren persönlichen Tiefpunkt hatte die damals 30-Jährige, als ihre ältere Tochter nicht mehr mit ihr zusammenleben wollte und zu ihrem Vater zog – heute weiß Berit, dass dies genau das Richtige war. Dieser Moment rüttelte die junge Mutter wach und sie besuchte wieder regelmäßig die Treffen der Anonymen Alkoholiker. „Ich bin mindestens einmal die Woche bei einem Meeting. Das ist meine Medizin“, erzählt Berit – so wie ein Herzpatient seine Tabletten nimmt. Der Montag ist ihre Stammgruppe.

Insgesamt gibt es bei den Anonymen Alkoholikern in Delmenhorst acht Gruppen. „Wir können an jedem Tag, außer am Sonnabend, Meetings anbieten“, erklärt Dieter, der selbst seit 18 Jahren trocken ist. Seine Frau habe ihn dazu gebracht, die Treffen zu besuchen. „Egal, wie sehr man versucht, seine Sucht zu verleugnen, irgendjemand merkt immer etwas“, so Dieters Erfahrung. Und auch wenn die Leute freiwillig ins Meeting kommen müssten, so habe ihm der Druck durch seine Frau sehr dabei geholfen, diesen Schritt zu gehen.

„Bei mir hat wohl jeder gemerkt, dass ich mein Leben nicht mehr gemeistert bekomme, nur ich selbst wollte es mir nicht eingestehen“, ergänzt Berit, die ihr Leben damals nach der Sucht ausrichtete. An den Wochenenden meldete sie sich an ihrem Arbeitsplatz krank, um trinken zu können. Mittlerweile spricht die 39-Jährige offen über ihre Vergangenheit. „In meinem Umfeld wissen alle Bescheid – und wenn man mir Alkohol anbietet, lüge ich nicht mehr und behaupte, ich müsse fahren, sondern sage ehrlich, warum ich nichts trinke.“

Indem sie in den Meetings ihre Geschichte erzählen, versuchen Berit und Dieter, anderen Alkoholikern zu helfen. „Wir belehren niemanden und sagen auch nicht, was er oder sie zu tun hat“, schildert Berit, es wird nur berichtet, wie man selbst mit einem Problem umgegangen ist. „Der Austausch ist eine große Hilfe“, ist Berit überzeugt. „Man kann sich bei seinen Schwierigkeiten gut an den Älteren orientieren.“

Die Selbsthilfegruppe besucht man ein Leben lang. „Wir können sehen, wie die Menschen sich mit der Zeit verändern“, erzählt Dieter und fügt hinzu, dass bei den Anonymen Alkoholikern ausnahmslos jeder willkommen sei, der etwas an seinem Leben ändern möchte.

Zu der Infoveranstaltung am kommenden Sonntag sind alle Interessierten eingeladen. Los geht’s im Soldatenheim „Haus Adelheide“ um 14 Uhr, das Thema lautet „40 Jahre Beständigkeit – Teufelskreis Alkoholismus“. Neben Mitgliedern der Selbsthilfegruppe wird Jeanette Böhler, Chefärztin für Sucht und Psychotherapie der Karl-Jaspers-Klinik in Wehnen, an diesem Nachmittag einen Vortrag halten.

Die Anonymen Alkoholiker in Delmenhorst sind unter der Telefonnummer 04221/ 44020 zu erreichen.

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