Familienunternehmen in Diepholz Die Vinylpresse

Die Pallas Group in Diepholz ist einer der letzten Plattenhersteller weltweit. 25 000 Stück davon produziert das niedersächsische Familienunternehmen in vierter Generation täglich.
12.01.2019, 20:23
Lesedauer: 3 Min
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Von Eva Przybyla

Dass die Schallplatte wie ein Crêpe gemacht wird, davon träumte einst die Protagonistin Amelie im gleichnamigen Film. Die Herstellung der Pallas Group in Diepholz erinnert aber eher an das Waffelbacken: Ein schwarzer 180 Grad heißer Granulatklumpen wird zwischen zwei Metallscheiben aufgespießt und gepresst. Dann dreht die Platte ihre erste Runde auf der Scheibe und eine Klinge schneidet den überschüssigen Rand ab. Warm und hart verlässt der Überschuss den Teller über eine Rutsche. Voilà, fertig ist die Vinylscheibe.

25 000 Stück davon produziert das niedersächsische Familienunternehmen in vierter Generation täglich. Die 1949 gegründet Pallas Group ist eines von nur noch fünf großen Presswerken in Europa und beliefert die ganze Welt. Die 120 Mitarbeiter haben dafür viel zu tun: „Es gibt weltweit eine große Nachfrage, aber zu wenige Hersteller“, sagt der 58 Jahre alte Geschäftsführer Holger Neumann. Das bestätigt auch der Bundesverband Musikindustrie (BVMI), der ab 2006 ein kontinuierlich steigendes Interesse an der Schallplatte gemessen hat.

Eine kleine Zeitreise

Neumann ahnte schon früher das Comeback des tot geglaubten Tonträgers: „Der Auslöser war die erste Loveparade in Berlin“, sagt er. 1989 habe er mit dem Veranstalter und DJ Dr. Motte über das „Scratchen“ gesprochen, eine Technik, bei der man mit den Fingern die sich drehende Platte aufhält und so den Klang verändert. Der Geschäftsführer: „Dann ging es wieder los.“ Die Firma Pallas nahm die alten und eingemotteten Maschinen aus den 60er- und 70er-Jahren erneut in Betrieb und produzierte neben der CD wieder die Schallplatte. „Bis heute hat sich an der Herstellungsweise nichts geändert“, sagt der Unternehmer, der uns durch die Fabrik führt. Eine der Maschinen sei sogar älter als er selbst.

Eine kleine Zeitreise beginnt, sobald man das Chemielabor der Fabrik betritt: Das vielstimmige Klicken alter Zähler empfängt den Besucher. Die dunkelgrünen Maschinen sind grob gefertigt und wirken wie Panzer. Ein beißender Geruch steigt aus den mit roter Flüssigkeit gefüllten Becken auf, in denen der erste Abdruck der schwarzen Studioaufnahmen entsteht.

Ein Chemiker nimmt eine schwarze Lackfolie aus dem Bad. Eine silberne Nickelschicht hat sich darüber gelegt, die er nun von der Folie löst. Mit ihr beginnt die Ahnengalerie der Platte: Den „Vater“ nennt Neumann diesen
Nickelabdruck, mit dem wiederum die silberne „Mutter“, ein weiterer Abdruck, hergestellt wird. Die „Mutter“ ist eine Sicherheitskopie der späteren Schallplatte. In einem ruhigen kühlen Raum wird sie zusammen mit anderen „Müttern“ gelagert. Alle sind ununterscheidbar in graue Hüllen verpackt.

Bevor die „Mutter“ im Lager ruht, wird von ihr aber noch der Arbeitsabdruck gemacht, die silberne Matritze. „Sie ist wie das Negativ beim Analogfilm“, erklärt Neumann. Von ihr bekommen die Platten in der Presse die Rillenstruktur. Mitarbeiter schleifen und lochen die messerscharfe Scheibe, sodass sie am Ende wie eine einseitig abspielbare preisgekrönte Premium- Schallplatte aussieht.

Erstes Tief seit zwölf Jahren

Die Matritze wird schließlich in die Presse gespannt, um dann im Minutentakt neue Tonträger zu prägen. Der Vorgang ist laut, sehr laut. Überall in der großen Produktionshalle zischt der Luftdruck aus den Maschinen, Eisenteile stoßen aneinander. Auch hier ein scharfer Geruch, der von den geschmolzenen Kunststoffkügelchen CPVC ausgeht. Das Plattenmaterial liegt in schwarz, einfarbig rot oder in halb gelb und halb durchsichtig bereit. Große Schläuche saugen die Kügelchen ein und transportieren sie dann über Rohre an der Decke in das Schmelzbad.

Kommt die Platte aus der Presse, erwartet sie eine von Saugnäpfen aufgespannte, weiße Hülle. In dieses Unterkleid fällt sie hinein und passiert die Qualitätskontrollen, bevor sie in einem Container zum Flughafen Amsterdam reist und – wie die meisten Pallasprodukte – in die USA fliegt. Erst dort bekommt sie ihre bunte Hülle.

Doch wie viele Platten den Weg noch zurücklegen, ist ungewiss. Im jüngsten BVMI-Halbjahresreport heißt es, dass Vinyl 2018 sein erstes Tief seit zwölf Jahren erlebte. Das Audio-Streaming sei mittlerweile das größte Umsatzsegment. Neumann weiß das. Er sucht schon einen neuen Tonträger.

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