Beispiel für wirksame Klimaanpassungsstrategien Die Wesermarsch als großes Vorbild

Brake. Durch den Klimawandel wird die Be- und Entwässerung einer tiefliegenden Landschaft zur Herkulesaufgabe. Die Wesermarsch kann dabei als Vorbild für zukünftige Strategien dienen. Die Zusammenarbeit der Akteure ist dabei aber noch viel wichtiger.
16.06.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Georg Jauken

Brake. Die Be- und Entwässerung einer Landschaft, die bis zu zwei Meter unter dem Meeresspiegel liegt, war immer schon eine Herausforderung. Mit dem Klimawandel könnte sie zu einer Herkulesaufgabe werden, die wohl nur gemeistert werden kann, wenn vom örtlichen Entwässerungsverband bis zum Planungsstab der Landesregierung alle Akteure zusammenarbeiten.

Dies ist die Grundannahme der Vertreter von Wirtschaft, Wissenschaft, Verbänden und Verwaltung, die sich im Regionalforum Wesermarsch zusammengefunden haben, um gemeinsam nach ersten Ansätzen einer Klimaanpassungsstrategie für die Wesermarsch zu suchen. Die zwischen Jadebusen, Nordsee und Unterweser gelegene Wesermarsch war mit Bedacht als "Pionierprojekt" ausgewählt worden, erläuterte Professor Bernd Siebenhüner, Vizepräsident der federführenden Universität Oldenburg, gestern am Rande einer Konferenz in Brake. Der Grund: Die Wesermarsch liegt zu fast drei Vierteln unterhalb des Meeresspiegels und muss schon heute nahezu die Hälfte des Niederschlagswassers über ein ausgeklügeltes System an Gräben, Sielzügen und Vorflutern entwässern. In den Sommermonaten muss wieder Wasser zugeführt werden, wodurch - in Folge der Weservertiefungen - immer mehr Salz aus der Nordsee ins Binnenland gelangt.

Ob die Versalzung von Grund- und Oberflächengewässern noch zunehmen und ob das bestehende Gewässersystem überhaupt noch ausreichen wird, wenn mit dem Klimawandel der Meeresspiegel steigt, waren daher zwei der Fragen, mit denen sich die Experten vom Regionalforum mehr als zwei Jahre beschäftigt haben. Sie wollen ebenfalls wissen, wie die Häfen möglicherweise angepasst und ob bestehende Küstenschutzsysteme verstärkt werden müssen und können.

In den vorgestellten Grundzügen einer Klimaanpassungsstrategie geht das Regionalforum davon aus, dass neben der Anpassung bestehender Siele weitere Kanäle und Sperrsysteme notwendig sein werden. Und die Experten schlagen vor, in den Städten der Wesermarsch die Dächer zu begrünen, Wasserwege zu verbreitern oder zusätzliche Rückhaltebecken zu schaffen, die nach starken Regenfällen als Zwischenspeicher nutzbar sind. Die städtischen Regionen der Wesermarsch könnten so zum "Schwamm" werden, der größere Wassermassen verkraften könnte als bisher. Doch das ist Zukunftsmusik. Gerade erst wurden im Zuge der Braker Hafenerweiterung erhebliche Flächen versiegelt.

Die Empfehlungen des Regionalforums basieren auf einem regionalen Entwicklungsbild, das auch im Jahr 2050 von einer weiten, grünen Küstenlandschaft mit typischen Marschengewässern ausgeht. Die zu erwartenden klimatischen Veränderungen würden in Teilen der Wesermarsch aber auch Änderungen der Landnutzung erfordern. So wird empfohlen, neue Polder in den ländlichen Regionen als zusätzliche Wasserspeicher auszuweisen.

Andere Ideen wurden diskutiert, durchgerechnet und wieder verworfen. Darunter ein Sperrwerk an der Mündung des Jadebusens. Sein Nutzen läge darin, dass die Deichlinie um 65 Kilometer verkürzt würde und reichlich Frischwasser aufgestaut werden könnte. Dagegen stünden jedoch die negativen Auswirkungen auf die Gewässerökologie durch die Umstellung von Salz- auf Süßwasser und mögliche negativen Auswirkungen auf den Tourismus. Außerdem sei fraglich, ob der erforderliche Wasserstand überhaupt erreicht werden könne und welche Auswirkungen ein Sperrwerk auf das Fahrwasser zum Jade-Weser-Port hätte.

Anpassung an den Klimawandel

"Die Schritte, die wir in der Wesermarsch als Team von Wissenschaft und Gesellschaft gegangen sind, sind nur die ersten auf einem langen Weg", gibt Thomas Klenke, Leiter des Vorhabens an der Uni Oldenburg, denn auch zu bedenken. Die Bereitschaft, die Ideen auch umzusetzen, sei durch die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Akteure allerdings gewachsen.

Für Niedersachsens Umwelt-Staatssekretär Stefan Birkner sind die Überlegungen für die Wesermarsch darum auch ein Baustein, der in eine Klimaanpassungsstrategie für ganz Niedersachsen einfließen soll. Der Schutz der Menschen in Niedersachsen habe oberste Priorität. Deshalb seien schon frühzeitig Vorsorgemaßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel getroffen worden, sagte Birkner.

Die Auswirkungen reichen möglicherweise aber auch weiter. Denn das Regionalforum, das sich mit der Zukunft der Wasserwirtschaft in der Wesermarsch beschäftigt, ist Teil des von der Europäischen Union (EU) geförderten Forschungsprojekts "ClimateProofAreas", an dem sich auch Küstenregionen in Belgien, England und den Niederlanden beteiligen. Der internationale Austausch ist Grundlage für Empfehlungen der EU - die wiederum bis Ende des Jahres von der North Sea Commission beschlossen und allen Küstenkommunen im Nordseeraum nahe gelegt werden sollen.

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