Niedersachsen Tatort Milchtankstelle

Von wegen ländliche Idylle: Diebe haben es inzwischen auch auf Milchtankstellen und Selbstbedienungs-Hofläden abgesehen. Landwirte sind alarmiert. Können sie ihre Verkaufsautomaten schützen?
23.11.2021, 18:03
Lesedauer: 3 Min
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Von Elmar Stephan

Die Täter kamen in der Nacht, und Dagmar Gösling hat sie gehört. Sie lag im Bett und nahm Geräusche wahr, erzählt die Landwirtin. „Am nächsten Morgen hat uns unsere Mitarbeiterin informiert“, sagt die 60-Jährige. Unbekannte hatten im Oktober ihren Verkaufsautomaten aufgebrochen. Der Schaden liege im vierstelligen Bereich. „Nicht nur das Wechselgeld ist weg“, sagt Gösling. Allein der Schaden an dem Verkaufsgerät beläuft sich auf mehrere tausend Euro.

Seit 2015 haben Dagmar Gösling und ihr Mann auf ihrem Milchhof am Rande von Osnabrück Verkaufsautomaten stehen. „Seit dieser Zeit sind bei uns die Geräte schon fünf Mal aufgebrochen worden“, berichtet Hofeigentümer Bernhard Gösling. Sein Eindruck: Der oder die Täter kommen, wenn es früher dunkel wird. „Im Frühjahr oder Sommer haben wir keine Probleme, aber immer im Herbst geht es los.“

Diebe haben es auf das Bargeld abgesehen

Die Polizei geht davon aus, dass der oder die Täter durchs Land reisen, wie Kommissar Jannis Gervelmeyer von der Polizeiinspektion Osnabrück sagt. Höhepunkt seien September und Oktober gewesen. Inzwischen sei die Diebstahlsserie augenscheinlich abgeflacht. Eine Idee, wer der Täter oder die Täterbande sein könnten, gebe es noch nicht. Das Motiv dürfte in der schnellen Beschaffung von etwas Geldwertem liegen. „Ich glaube nicht, dass wir in diesen Fällen von Tätern sprechen, die Hunger haben und deshalb Kartoffeln stehlen“, sagt Gervelemeyer.

Allein in der Stadt und im Landkreis Osnabrück habe es in diesem Jahr 28 Diebstähle aus Selbstbedienungsautomaten gegeben, die der Polizei bekannt geworden seien. Bei 13 Diebstählen seien Lebensmittel aus Hofläden oder frei zugänglichen Lebensmittelständen weggenommen worden, in 15 Fällen wurden Automaten aufgebrochen. In vier Fällen blieb es laut Gervelmeyer bei Versuchen. Überwiegend, nämlich 15 Mal, wurden Lebensmittel gestohlen. Nur Bargeld sei sechs Mal im Landkreis und zwei Mal im Stadtgebiet von Osnabrück entwendet worden.

„Wir sind im Austausch mit anderen Behörden, nicht nur in Niedersachsen“, sagt Gervelmeyer. „Wir gehen davon aus, dass die Täter mobil sind und reisen, von der Nordseeküste einmal herab durchs Land, und die Automaten ausrauben.“

Empfindliche Einbußen für Landwirte

Für die Landwirte sind es empfindliche Einbußen. Den Bauern gehe es heute wirtschaftlich nicht gut, konstatiert Bernhard Gösling. Von den Erlösen, die er mit dem Verkauf seiner Milch an die Molkerei bekomme, komme er nicht über die Runden. Daher setzen er und seine Kolleginnen und Kollegen verstärkt auf die Selbstvermarktung ihrer Produkte. „Wenn jemand eine Milchtankstelle oder einen Verkaufsautomaten aufstellt, ist das der Versuch, den Hof noch ein paar Jahre länger am Leben zu erhalten“, sagt der 68-Jährige.

Um sich von der Molkerei unabhängiger zu machen, haben die Göslings vor zwei Jahren kräftig investiert und eine Holfmolkerei aufgebaut. Der Kuhbestand sei verringert worden, von 100 auf inzwischen rund 65 Tiere. Wegen der trockenen Jahre sei das Futter immer teurer geworden. Ihre Milch und auch Joghurt, Quark und Frischkäse verkaufen sie über ihr Hofcafé, in einigen Lebensmittelgeschäften und eben über die Verkaufsautomaten auf dem Hof.

Ein Automat kostet etwa 20.000 Euro

Die Investitionen sind nicht gering: Eine Milchtankstelle - ein Automat, von dem die Kunden frische Milch in eine Flasche abfüllen können, kostet schnell um die 20.000 Euro. Auch die Geldwechsel-Technik in den Verkaufsautomaten schlage mit mehreren tausend Euro zu Buche, berichten die Göslings. Die Versicherung übernehme im besten Fall den Schaden am Automaten, aber auf dem Schaden wegen der gestohlenen Ware oder des gestohlenen Wechselgelds bleiben die Landwirte sitzen.

„Wir haben viele Stammkunden, die hier kaufen“, sagt Dagmar Gösling. Dass wiederholt in den vergangenen Jahren die Automaten aufgebrochen wurde, nage an den Nerven. „Rational gesehen müssten wir das aufgeben.“ Was können die Landwirte tun? „Wir raten dazu, die Wechselgeldbestände jeden Abend aus den Automaten zu entfernen“, rät der Polizist Gervelmeyer. Allerdings sei das in den seltensten Fällen zu schaffen, wenden die Göslings ein. Immerhin sollen die Automaten idealerweise 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche für die Kundschaft zur Verfügung stehen.

Kartenzahlung als Alternative

Bargeldloses Bezahlen wäre eine Option - aber abgesehen davon, ob alle Kunden ihre Kartoffeln, Joghurt oder Möhren mit der Karte zahlen wollen, müsse dafür auch wieder investiert werden, sagt Gervelmeyer. Andere Höfe arbeiteten damit, dass nur vorher registrierte Kunde in den Selbstbedienungsholfladen dürfen. Damit sei aber das spontane Einkaufen passé, gibt Dagmar Gösling zu Bedenken. Gerade in der Nähe der Großstadt nutzten doch viele Kunden die Möglichkeit, auch abends und in der Nacht schnell mal frische Milch oder andere Lebensmittel zu kaufen.

Die Göslings haben reagiert, indem sie die Öffnungszeiten ihrer Automaten reduzieren: Nun soll ein Rolltor eingebaut werden, das um 22.00 Uhr den Zugang verhindert und um 6.00 Uhr morgens wieder freigibt.

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