Gedenken im Rathaus "Dies sind wir den Opfern schuldig“

Im Rathaus Osterholz-Scharmbeck haben die Menschen an die Opfer der Pogromnacht vor 80 Jahren gedacht. Die Schilderungen machten die Teilnehmer betroffen. Bürgermeister Torsten Rohde sprach bewegende Worte.
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Friedrich Wilhelm Armbrust

Osterholz-Scharmbeck. Wie erlebten wohl jüdische Kinder aus Osterholz-Scharmbeck die Pogromnacht am 9. November 1938? Diese Frage war eine von vielen, die bei einer Lesung zum Thema „80 Jahre Reichspogromnacht“ im Ratssaal Osterholz-Scharmbeck im Mittelpunkt stand. Die Schilderungen von den Ereignissen ließen es im Saal ruhig werden. In Osterholz-Scharmbeck seien Männer in hellbraunen Uniformen in die damalige Synagoge eingedrungen, hat der heute 86-jährige Klaus Beer aufgezeichnet. Sie „häuften ihr Inneres auf und zündeten es an“, verlas Sigrid Korte. „Dann stürmten sie die Wohnungen der Juden, verprügelten die Männer, zerschlugen, was zu zerschlagen war“, fuhr sie fort.

Zusammen mit Anneliese Kothe und Ilse Schröder erinnerte sie anlässlich einer Gedenkstunde an die Gräueltaten in der Pogromnacht. Dabei ging es unter anderem um das Schicksal der 14-jährigen Ruth Meyer-Rosenhoff und ihrer elfjährigen Schwester Cläre Meyer-Rosenhoff sowie um Sonja Ratusch, Jacob Ratusch und Erika Ratusch. Ilse Schröder hatte dazu aus verschiedenen Quellen wie dem Stadtarchiv der Kreisstadt und dem Staatsarchiv Bremen Informationen gesammelt. Außerdem befragte sie Zeitzeugen. Sie forscht schon seit 1995 zum Leben und Schicksal der jüdischen Bürger der Kreisstadt.

Demnach erlebten die Schwestern Ruth und Cläre, wie die SA ihr Haus an der Bördestraße stürmte. Die Schläger misshandelte den Vater im Keller so schwer, dass er tags darauf nicht verhaftet werden konnte wie alle anderen jüdischen Erwachsenen im Alter von 20 bis 60 Jahren. Dr. Helmut Mölck versorgte noch in derselben Nacht medizinisch den Vater Hugo Meyer-Rosenhoff. Die Mutter wurde kurz verhaftet, die Schwestern blieben allein zurück. Die Familie wurde 1941 nach Minsk deportiert und dort vermutlich am 28. Juli 1942 ermordet.

Am 9. November 2017 weihten Bürger in einer abendlichen Gedenkstunde am Mahnmal in der Bahnhofstraße den Geschwister-Rosenhoff-Weg ein. „Er erinnert damit an die beiden jüngsten Opfer aus Osterholz-Scharmbeck“, so Ilse Schröder.

Musikalisch gestaltete der Jugendchor der Kirchengemeinde St. Willehadi unter Leitung von Caroline Schneider-Kuhn den Abend mit. Der Chor sang drei hebräisch-sprachige Lieder wie die Hymne zum Sabbat „Hine mah tov“ und den Segenswunsch „Shalom chaverim“ (Der Friede des Herrn geleite euch). Als drittes gab es einen weiteren Segenswunsch namens „Choson kale mazel tov“. Er wünscht Glück und Erfolg und wird häufig bei Hochzeiten gesungen.

Darüber hinaus hielt Pastor Gert Glaser einen Kurzvortrag über die jüdische Theologie nach Auschwitz. Weiter verlasen Ulrich Marahrens und Volker Müller die Namen der Opfer der Verfolgung in der Kreisstadt. Dabei erwähnten sie das Alter der Opfer, Ort und Tag der Ermordung, oder ob die Personen verschollen geblieben sind. Der Lebensweg der Ratusch-Geschwister nahm einen anderen Verlauf. Ihnen gelang es als Acht-, Elf- und Zwölfjährige in die USA ausreisen. Die Mutter hatte sich zuvor das Leben genommen, der Vater war schon in den USA. Eingeblendet wurde in die Gedenkstunde eine mit dem Smartphone aufgenommene Video-Botschaft der heute in New York lebenden Frau.

In ihr sagt die 88-Jährige, dass sie und ihre Geschwister nach dem Selbstmord der Mutter zu Cousin und Cousine nach Bremen gezogen seien. Dort habe man sich gut um sie gekümmert. Eines nachts seien ihr zufolge die Geschwister und Cousin und Cousine von den Nazis festgenommen worden. Als sie dann – nach den Worten der New Yorkerin – doch wieder freigelassen wurden, kehrten sie in das inzwischen zerstörte Wohnhaus zurück. Schließlich habe man Deutschland auf einem Schiff, der SS Roosevelt, verlassen. Dies sei schwer gewesen, weil die Cousinen gut auf sie aufgepasst hätten, so ihre Schilderungen.

In seiner Begrüßung und zur Einleitung des Abends sagte Bürgermeister Torsten Rohde, dass der 9. November vor allem ein Tag des Mahnens, des Gedenkens und der Trauer sei. Er erinnerte daran, dass mit der Pogromnacht jüdische Geschäfte zerstört, Fenster eingeworfen, Wohnungen verwüstet und jüdische Friedhöfe geschändet wurden. Jüdische Bürger seien misshandelt, verhaftet, ermordet oder in den Suizid getrieben worden. „Die Menschenrechte und die Menschenwürde wurden im wahrsten Sinne des Wortes mit Füßen getreten. Spätestens an diesem Tag konnte jeder erkennen, dass in Deutschland Antisemitismus, Rassismus und Mord vom Staat legitimiert waren.“

Die Pogromnacht ging nicht spurlos an Osterholz-Scharmbeck vorbei. Dass die Synagoge in der Kreisstadt nicht niedergebrannt worden sei, „ist nur durch das mutige und energische Eingreifen des damaligen Brandmeisters Fritz Torbohm verhindert worden", erinnerte der Bürgermeister. „Aber bis heute müssen Synagogen und jüdische Schulen bewacht werden“, gab er zu bedenken.

Nach seinen Worten hat die Ausländerfeindlichkeit in Deutschland weiter zugenommen. Auch sei Antisemitismus weit verbreitet und würden sich „antisemitische Denkmuster in gefährlichen Größenordnungen“ bewegen. Dabei berief sich Rohde auf eine aktuelle Studie der Universität Leipzig. „Ich finde das besorgniserregend und denke, das sollte niemand auf die leichte Schulter nehmen.“

Insofern rief der Bürgermeister dazu auf: „Wir dürfen nicht wieder zulassen, dass Fremdenhass oder Antisemitismus gesellschaftsfähig werden kann. Wir müssen solchen Entwicklungen beherzt und mit Überzeugung entgegentreten, so wie Fritz Torbohm es getan hat.“ Darum sei das Erinnern wichtig. „Dies sind wir den Opfern und deren Angehörigen, aber auch den Menschen, die weggesehen haben, schuldig.“ Auch seien Haltung und Mut gefordert. „Ohne Zivilcourage kann keine Demokratie bestehen“, ist Rohde überzeugt.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+