Grasberger SPD-Sommerfest

Diskussion über Bremen und seine Nachbarn

Grasberg. Mit der Terminierung habe man ja richtig Dusel gehabt, bemerkte Hermann Bohling, der Vorsitzende des Grasberger SPD-Ortsvereins, zu Beginn des Sommerfestes auf dem Findorffhof. Thema war das Verhältnis von Bremen zu seinen Nachbargemeinden.
27.06.2010, 12:29
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Johannes Kessels
Diskussion über Bremen und seine Nachbarn

Jens Tschentscher(Segel-Verein Weser):Segeln, Deutscher Meister im Segeln – Bootsklasse ORC Int.Division B Offshore und Inshore - 2011.

FR

Grasberg. Mit der Terminierung habe man ja richtig Dusel gehabt, bemerkte Hermann Bohling, der Vorsitzende des Grasberger SPD-Ortsvereins, zu Beginn des Sommerfestes auf dem Findorffhof. Dann wandte er sich an einen Gast der Grasberger Genossen: 'Ich begrüße dich ganz herzlich in allen Funktionen, die du zur Zeit innehast' - und dieser Funktionen waren es viele, denn der Gast war Jens Böhrnsen.

Der war, als er im vorigen Jahr von der Grasberger SPD zu einer Diskussion über das Verhältnis zwischen Bremen und seinen Nachbargemeinden eingeladen wurde, Bürgermeister und Präsident des Senats. Dass er in diesem Jahr außerdem Bundesratspräsident sein würde, habe man im Grasberger Ortsverein natürlich gewusst, erklärte Hermann Bohling. Deshalb habe man ein wenig gezittert, ob Böhrnsen aufgrund anderer Verpflichtungen den Termin nicht vielleicht absagen müsse. Und nun könne man sogar das amtierende deutsche Staatsoberhaupt begrüßen.

Er habe nie daran gedacht, einen anderen Termin vorzuziehen, erwiderte Jens Böhrnsen - ein Staatsoberhaupt, das ohne Leibwächter auskommt, zumindest in Grasberg. In der vergangenen Woche sei er in Belgien, den Niederlanden und Berlin gewesen und nun in Grasberg, was ein wunderbarer Kontrast sei. Was vor knapp einem Monat im Bremer Rathaus passierte, schilderte er seinen Grasberger Parteifreunden auch: Am 31. Mai habe ihm ein Mitarbeiter gesagt, um 12.30 Uhr werde der Bundespräsident anrufen. Da habe er die Sorge gehabt, Horst Köhler werde seine Teilnahme an den Special Olympics, deren Schirmherr er sein sollte, absagen oder seine Teilnahme an den Feierlichkeiten zum Tag der deutschen Einheit, die am 3. Oktober in Bremen stattfinden. Nach dem Anruf sei er fassungslos gewesen. 'Ich habe erstmal im Grundgesetz nachgeguckt, was in einem solchen Fall gilt.'

Dann schlüpfte Böhrnsen wieder in die Rolle des Bürgermeisters. Er spreche nie vom 'Bremer Umland', betonte er, sondern von Nachbarn, denn Bremen sei keine Insel, sondern auf seine Nachbargemeinden angewiesen. Die Menschen dächten nicht in staatsrechtlichen Grenzen - bei Daimler, dem Deutsche Bahn-Ausbesserungswerk und Airbus stamme mehr als die Hälfte der Belegschaft aus Niedersachsen. 'Da kämpfen wir gemeinsam um Arbeitsplätze.'

Natürlich leide Bremen darunter, dass seit 1969 die Einkommenssteuer nicht mehr am Ort des Arbeitsplatzes, sondern am Wohnort gezahlt werde. Das sei in den ersten Jahren nach der Neuregelung gar kein Thema gewesen, dann aber habe die Stadtflucht eingesetzt. Inzwischen könne man wieder eine Renaissance der Städte beobachten, und es sei zu hoffen, dass bald wieder die richtige Balance erreicht sei.

Bedauerlich sei allerdings, dass Lilienthal kürzlich aus dem Kommunalverbund Bremen-Niedersachsen ausgetreten ist, meinte der Bremer Bürgermeister. 'Lilienthal gehört doch dazu.' Mit der Metropolregion Bremen-Oldenburg dagegen sei ein wichtiger Schritt zur Zusammenarbeit gelungen, und im vorigen Jahr hätten Niedersachsen und Bremen einen Staatsvertrag unterzeichnet, der rechtsverbindlich festsetze, dass bei Planungen die Interessen des jeweils anderen Bundeslandes berücksichtigt werden müssen. 'Wir sollten uns nicht gegenseitig die Butter auf dem Brot neiden - wir wollen beide gute Butter auf dem Brot', so Böhrnsen.

Dem schloss sich Daniela Behrens, SPD-Landtagsabgeordnete aus dem Landkreis Unterweser, an. 80 Prozent der Arbeitnehmer ihres Landkreises arbeiten in Bremen oder Bremerhaven, und mit dem Bundesland Bremen zusammen gebe es viele erfolgreiche Projekte. Ein schwieriges Thema seien zwar Gewerbeansiedlungen, aber dabei gebe es nicht nur Konkurrenz zwischen Bremen und seinen Nachbargemeinden, sondern auch zwischen niedersächsischen Kommunen. Hermann Bohling hatte in seiner Begrüßung auch die wieder aufgeflammte Diskussion über Länderfusionen angesprochen. Darüber werde in Politikerkreisen debattiert, aber nicht bei den Bürgern, hat Daniela Behrens festgestellt. Die Bevölkerung sei daran anscheinend gar nicht interessiert, und ohnehin werde aus zwei armen Ländern nie ein reiches.

Auch Richard Eckermann, Dezernent beim Landkreis Osterholz und Vorsitzender des SPD-Unterbezirks Verden, hat festgestellt, dass die Landesgrenze für die Menschen keine Rolle spielt. Für die Planer ist sie allerdings manchmal eine Erschwernis: Für die neue Wümmebrücke in Ritterhude mussten zwei Planfeststellungsverfahren in Gang gesetzt werden, weil in der Mitte der Weser die Landesgrenze verläuft. Aber dass zusammengearbeitet werde, stehe nicht zur Debatte: 'Es geht gar nicht anders.' Bremen strahle auf sein Umland aus, wäre aber ohne sein Umland - und besonders ohne das Teufelsmoor - auch nicht denkbar.

Ein Gast warf Jens Böhrnsen vor, nur um der Erhaltung von Pfründen willen gegen eine Fusion mit Niedersachsen zu sein. Auch wenn Bremen kein eigenständiges Bundesland sei, hielt Böhrnsen dagegen, hätte es, wie jede deutsche Großstadt, einen Bürgermeister und einen Stadtrat. Und wenn es nur noch fünf Bundesländer in Deutschland gebe, werde es in Deutschland nicht einfacher: 'Dann hätten wir fünf Ministerpräsidenten von großen Ländern, die alle gern Bundeskanzler wären.' Der Bundesregierung würde dies das Regieren eher erschweren.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+