Erziehungswissenschaftler Peter Struck gibt Impulse

Diskussion um Achims künftige Schullandschaft

Achim. Eine Veranstaltung über die Perspektiven des Schulstandortes Achim just an dem Tag, an dem die Landesregierung die Einführung einer neuen Schulform beschließt - da liegt der Verdacht nahe, dass es auch in Achim vor allem um das Thema Oberschule ging. Doch weit gefehlt.
17.03.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Diskussion um Achims künftige Schullandschaft
Von Ralf Michel

Achim. Eine Veranstaltung über die Perspektiven des Schulstandortes Achim just an dem Tag, an dem die Landesregierung die Einführung einer neuen Schulform beschließt - da liegt der Verdacht nahe, dass es am Dienstag auch im Achimer Ratssaal vor allem um das Thema Oberschule ging. Doch weit gefehlt. Denn wenn es eine Erkenntnis nach zweieinhalb Stunden überaus anregender Schul-Diskussion gab, dann wohl die des Referenten Peter Struck: "Sie brauchen Schule für Achim, nicht für Niedersachsen."

Die Vorlage für den von der Stadtverwaltung organisierten Informations- und Diskussionsabend gab gleichwohl das Thema Oberschule. Auch in Achim ist der Zusammenschluss von Haupt- und Realschule denkbar. "Trotzdem sollten wir heute nicht die Oberschule in den Vordergrund stellen", leitete die zuständige Fachbereichsleiterin im Rathaus, Wiltrud Ysker, den Abend ein. Zu überdenken sei vielmehr "welche Schulform Kinder und Jugendliche in Achim brauchen".

Antworten auf diese Frage gab zunächst der Hamburger Erziehungswissenschaftler Prof. Peter Struck, der in einem wahren Parforceritt durchs deutsche Bildungssystem jagte, dessen Defizite darstellte und zugleich durch Querverweise nach Skandinavien immer wieder Ansatzpunkte aufzeigte, um es besser zu machen.

In Deutschland gäbe es nach wie vor zu viele Belehrungsanstalten, zu viel rote Tinte (Struck: "Beschämungskultur") und durch das dreigliedrige Schulsystem eine weltweit fast einzigartige Trennungskultur, zählte der Erziehungswissenschaftler auf. Nicht zu vergessen die extrem dürftige Zusammenarbeit zwischen Eltern und Lehrern sowie Schule und Arbeitswelt.

Hinzu käme, dass viele Schüler entgegen der Erkenntnisse der Hirnforschung lernen würden. Hoch im Kurs stünden Zuhören und Lesen, dabei bliebe dabei nur wenig hängen. "Menschen lernen am allerbesten durch Handeln, durch Ausprobieren, durch Fehler machen und wenn sie ganz nebenbei lernen", erklärte Struck.

Das größte Defizit sei jedoch, "dass wir uns in Deutschland weiterhin den Luxus leisten, alles in Schulfächer aufzuteilen, statt vernetzt zu denken und lieber in Zusammenhänge zu lernen."

Trotzdem war auch Struck weit davon entfernt, Weltuntergangsstimmung zu verbreiten. Ohne Frage habe Deutschland aus dem Pisa-Schock gelernt. Auch hierzulande gäbe es inzwischen 5000 exzellente Schulen. Bleibt die Frage, was diese Schulen besser machen würden als andere. Mit der jeweiligen Landesregierung habe dies ebenso wenig zu tun wie mit der finanziellen Ausstattung. "Wenn eine Schule gut ist, dann, weil sie es werden wollte", betonte Peter Struck und zählte weitere Faktoren auf, die in den erfolgreichen Schulen stets zu finden seien: Starke Schulleiterpersönlichkeiten, Konsens im Kollegium, gute Zusammenarbeit mit Eltern, ein Schulprofil mit Schwerpunkt, die heruntergespielte Bedeutung von Noten und nicht zuletzt ein ganz besonderer Aspekt: "Die besten Schulen machen Vieles, was sie eigentlich nicht tun dürften."

Womit Struck einen eleganten Bogen zu Moderator Uwe Gonschorek schlug, der die Eigenverantwortlichkeit der Schulen als große Chance bezeichnet hatte. Sie nämlich beinhalte zahlreiche Möglichkeiten, den Bildungsprozess vor Ort selber zu gestalten und dabei der neuzeitlichen Pädagogik gerecht zu werden. "Was also bewegt sie in Bezug auf die Bildungslandschaft Achim", spielte Gonschorek seinerseits den Ball ins gut 30-köpfige Publikum, das aus Schulleitern, Lehrern und Elternvertretern bestand.

Die Antwort von Seite der Realschuleltern fiel deutlich aus: Immer neue Entscheidungen, immer kurzfristiger und schneller umgesetzt - "wir sind völlig verunsichert", erklärte ein Vater. "Wir wissen nicht, was durch die Oberschule auf unsere Kinder zukommt", ergänzte Verena Weber, Elternvertreterin im Schulausschuss. "Und wir fürchten, dass die Realschule dabei auf der Strecke bleibt."

"Es muss langsam gehen, man muss die Eltern mitnehmen und sie informieren", stimmte Struck zu. "Wenn man es von oben überstülpt, geht es immer schief. Es muss von unten wachsen."

Doch wie viel Zeit bleibt dafür in Achim?, war die nächste Frage. Der ehemalige Schuldezernent Harm Schmidt warnte vor Schnellschüssen und davor "jetzt nur über die Vor- und Nachteile der Oberschule zu diskutieren". Diese Schulform sei ohnehin nicht für Standorte wie Achim geschaffen, deren Hauptschule auch ohne Zusammenschluss mit der Realschule weiterhin lebensfähig sei. "Wir sollten lieber pädagogisch diskutieren." Auch Bürgermeister Uwe Kellner plädierte dafür, das Thema in Ruhe anzugehen. "Wir haben Zeit, vernünftig darüber nachzudenken, wie Schule bei uns sein soll."

Für Bernd Junker kam dies gar zu betulich daher. Man solle zwar nichts über's Knie brechen, aber sich auch nicht zu viel Zeit lassen. Schließlich verfüge Achim über eine hervorragende schulische Infrastruktur. "Wir sollten jetzt mit einem Konzept anfangen", forderte der SPD-Ratsherr.

Ob dies auf eine Oberschule hinausläuft, bleibt abzuwarten. Für Peter Struck ist die in der heute geplanten Version ohnehin nur ein Übergangsmodell. "Was wir brauchen, ist eine 13-jährige Gemeinschaftsschule mit Gymnasium."

Zudem warnte der Erziehungswissenschaftler vor Kompromissen: Haupt- und Realschule lediglich unter einem Dach zu vereinen, sie dann aber weiter wie bisher getrennt bis zum Haupt- oder Realschulabschluss weiterarbeiten zu lassen, bringe nichts. Ebenso wenig, wie diese Schule nur halbtags und mit unverändert großen Klassen laufen zu lassen. "So erreichen Sie keine Verbesserung."

In einer Arbeitsgruppe soll nun überlegt werden, was in Achim gewünscht und außerdem zu realisieren ist. Was gute Schulen ausmacht, wissen die Verantwortlichen seit Dienstag Abend. Andererseits haben sie das bislang ja nur gehört. Und Hören allein erzielt bekanntlich nicht die besten Lerneffekte...

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