Tierschutzverein Lilienthal

Ehepaar beklagt Altersdiskriminierung im Lilienthaler Katzenhaus

Nicht jeder bekommt eine Katze aus dem Lilienthaler Katzenhaus. Der Tierschutzverein schaut genau hin: Junge Kitten werden nicht an ältere Leute vermittelt.
04.10.2019, 05:37
Lesedauer: 4 Min
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Ehepaar beklagt Altersdiskriminierung im Lilienthaler Katzenhaus
Von Silke Looden

Süß sind sie, die kleinen Kätzchen, die im Lilienthaler Katzenhaus Zuflucht finden. 22 Kitten waren es in diesem Frühjahr. Inzwischen haben alle Fundtiere ein neues Zuhause gefunden. Auch Waltraud Meyer (63) aus Grasberg hätte gern ein Katzenbaby genommen. Doch der Tierschutzverein hatte Bedenken, auch wegen des Alters der Interessenten. Altersdiskriminierung sei das, ärgert sich Waltraud Meyer. Die Leiterin des Katzenhauses, Kathrin Schulze, dementiert diese Darstellung.

„Es ärgert mich, dass wir auf unser Alter reduziert worden sind“, erzählt Waltraud Meyer. Bei ihrem Besuch im Katzenhaus sei sie zuerst nach dem Alter gefragt worden. Dann habe man ihr erklärt, dass sie mit 63 und ihr Mann mit 65 Jahren zu alt seien, um Kitten aufzunehmen. Schließlich könnten die Tiere sie überleben. Möglich wäre das, denn Katzen werden auch schon einmal 20 Jahre alt. In diesem Fall wären Waltraud Meyer und ihr Mann über 80 Jahre. Kein Problem, versichert die Katzenliebhaberin, ihre Tochter würde die Katze nehmen, „nicht nur wenn wir im Urlaub sind“.

Keine offizielle Altersgrenze

Tatsächlich gibt es im Lilienthaler Katzenhaus keine offizielle Altersgrenze für die Abgabe von Fundtieren. Allerdings würden die ganz jungen Kitten nicht gern an Senioren abgegeben, bestätigt Katzenhausleiterin Kathrin Schulze und erklärt das so: „Unsere Katzen haben bereits ein zweites Zuhause im Tierheim. Wenn wir sie abgeben, sollen sie dort auch für den Rest ihres Lebens bleiben können.“ Deshalb würden junge Katzen lieber an junge Familien vermittelt. Dort könnten sie mit den Kindern zusammen groß werden.

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Waltraud Meyer kann das nicht verstehen. „Wir hatten schon einmal Katzen. Wir kennen uns damit aus“, sagt sie. Leider seien ihre Katzen auf der Landstraße überfahren worden, bedauert sie. Wieder ein Minuspunkt für die Mitarbeiter im Katzenhaus. „Wir vermitteln unsere Kitten auch nicht an die Lilienthaler Hauptstraße. Das ist einfach zu gefährlich“, erklärt Kathrin Schulze.

Die Katzenhausleiterin hatte den Meyers deshalb geraten, eine Wohnungskatze zu nehmen. „Ich wohne nicht auf dem Land, um eine Katze im Haus einzusperren“, betont Meyer. Auch eine ältere Katze kam für die Meyers nicht infrage. Sie hatten die Kitten in der WÜMME-ZEITUNG gesehen, als der Tierschutzverein im Frühjahr einen Appell startete, doch Kitten aus dem Katzenhaus aufzunehmen. „Wir hätten gern eine oder auch zwei genommen“, betont sie.

Waltraud Meyer versuchte zunächst vergeblich, Kontakt zum Tierschutzverein aufzunehmen. Die Ehrenamtlichen hatten offenbar alle Hände voll zu tun. Auf der Website des Lilienthaler Katzenhauses ist denn auch zu erfahren, „dass es schon einmal vorkommen kann, dass ein Rückruf etwas länger auf sich warten lässt.“ Die Kontaktaufnahme über Facebook geht offenbar schneller. In der Regel antwortet der Verein dort innerhalb eines Tages und wird gelobt als „tolle gemeinnützige Organisation“. Mehr als 60 Katzen hat das Lilienthaler Katzenhaus in diesem Jahr bereits aufgenommen – und das ist nach Einschätzung von Kathrin Schulze noch nicht das Ende. 60 Katzen, das sind 30 Prozent mehr als im vergangenen Jahr zur selben Zeit. „Offenbar greift die Kastrationspflicht noch nicht in allen Gemeinden“, bedauert Schulze.

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Der Fall aus Grasberg sei ein Einzelfall, erklärt die Katzenhausleiterin. „In der Regel finden wir einen Kompromiss. Wir laden die Interessenten dann ins Tierheim ein. Wir sprechen mit ihnen“, so Schulze. Viele hätten keine Ahnung, wie viel Aufmerksamkeit eine Katze brauche und was das Futter koste. Es sei immer besser, vorher genau hinzuschauen als hinterher ein Tier zurücknehmen zu müssen, erklärt sie.

Katzen vom Bauernhof

Waltraud Meyer hat sich inzwischen anderswo nach einer Katze umgeschaut und ist auf einem Bauernhof in Timmersloh fündig geworden. In dieser Woche hat sie zwei kleine Katzen bekommen, Bruder und Schwester, rot und grau-weiß getigert. Sie heißen Drax wie der Held aus den Marvel-Filmen und Loki wie Loki Schmidt. Die Namen hat ihre Tochter ausgesucht. „Junge Menschen sind auch keine Garantie dafür, dass die Katze dort für immer bleiben kann“, meint Waltraud Meyer und denkt dabei an einen Umzug aus beruflichen Gründen oder eine Allergie aus heiterem Himmel. „Das sind unvorhersehbare Ereignisse“, entgegnet Katrin Schulze. „Wenn ich aber weiß, dass die Katze mich überleben wird, sollte ich mir keine anschaffen.“ Sie sagt das aus Überzeugung, auch wenn gerade ältere Menschen sich gern ein Haustier anschafften, um der Einsamkeit zu entfliehen.

Das Bremer Tierheim an der Hemmstraße erklärt auf Nachfrage, dass es auch dort keine Altersgrenze für die Abgabe von Fundtieren gibt. „Wir haben auch schon Katzen an über 90-Jährige vermittelt“, berichtet Mitarbeiterin Christina Wolfermann. Das käme allerdings selten vor und auch nur dann, wenn es jemanden gebe, die die Katze nehme, wenn die alte Dame oder der alte Herr sich nicht mehr darum kümmern könnte.

Waltraud Meyer jedenfalls fühlt sich mit ihren 63 Jahren ganz und gar nicht alt und einsam. Sie ist fit und aktiv und freut sich über die beiden kleinen Kätzchen aus Timmersloh: „Ich bin überglücklich.“

Info

Zur Sache

Fundtiere

Zeit: Wer ein Fundtier aufnehmen will, sollte sich Zeit dafür nehmen. Katzen, die zu lange allein zu Hause sind, leiden unter Langeweile. So kann es zu Frust kommen, der sich in Aggressionen oder mangelnder Hygiene ausdrückt.

Kosten: Ein Haustier kostet Geld. So belaufen sich die geschätzten Futterkosten pro Monat auf 40 Euro. Hinzu kommen Anschaffungskosten für Fressnäpfe, Kratzbaum, Körbchen und Transportkorb sowie Ausgaben für Katzenstreu und Tierarztbesuche.

Unterbringung: Für Wohnungskatzen empfiehlt der Lilienthaler Tierschutzverein mindestens 30 Quadratmeter pro Katze. Nach Möglichkeit sollte eine Wohnungskatze nicht allein gehalten werden, denn Katzen sind laut Tierschutzverein keine Einzelgänger. Wer zur Miete wohnt, muss mit dem Vermieter klären, ob Haustiere erlaubt sind.

Allergien: Vor der Aufnahme einer Fundkatze ist sicherzustellen, dass keine Katzenhaarallergie vorliegt.

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