Streit über Jugendarbeit eskaliert in Worpswedes Kirchengemeinde Ein Bild der Zerrissenheit

Worpswede. In der Worpsweder Kirchengemeinde sind die Fronten verhärtet: Ein Mitarbeiter wurde vom Dienst suspendiert, nachdem er in einem privaten Gespräch den Kirchenvorstand und die Diakonin scharf kritisiert hatte.
03.03.2010, 20:40
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Michael Wilke

Worpswede. Es ist ein Gefühl von Heimatlosigkeit, das Benjamin Bild quält. Sechs Jahre war das evangelische Jugendzentrum Scheune sein Zuhause. Gleich nach der Schule ist er hingegangen, hat Kisten geschleppt, hinter der Theke gestanden und mit anderen die Jugendarbeit organisiert. Seit Januar ist er vom Dienst suspendiert, nach einem Gespräch im China-Restaurant, das am Nebentisch mitgehört und danach protokolliert wurde. Im Familienkreis hatte Benjamin Bild den Kirchenvorstand und die Diakonin scharf kritisiert.

Worpswede. Es ist ein Gefühl von Heimatlosigkeit, das Benjamin Bild quält. Sechs Jahre war das evangelische Jugendzentrum Scheune sein Zuhause. Gleich nach der Schule ist er hingegangen, hat Kisten geschleppt, hinter der Theke gestanden und mit anderen die Jugendarbeit organisiert. Seit Januar ist er vom Dienst suspendiert, nach einem Gespräch im China-Restaurant, das am Nebentisch mitgehört und danach protokolliert wurde. Im Familienkreis hatte Benjamin Bild den Kirchenvorstand und die Diakonin scharf kritisiert.

„So läuft das ab – das macht mich einfach nur traurig“, sagt der 19-Jährige. „Ich bin sechs Jahre dabei, hab mir hier was aufgebaut.“ Dem Thekendienst folgte der Jugendleiter-Lehrgang. Bild übernahm Veranwortung in der Scheune, die allen jungen Worpswedern offensteht, ob christlich oder nicht. Heute ist er als Vorsitzender des Jugendkonvents Sprecher aller Gruppen, die das Jugendheim nutzen, von der Kinderkirche über die Konfirmanden bis zu denen, die in der offenen Jugendarbeit aktiv sind.

Seit der Suspendierung darf er nicht mal mehr hinter der Theke stehen. Nach Darstellung des Kirchenvorstands wurde Bild nicht nur wegen des Gesprächs im Restaurant, sondern wegen wiederholter abschätziger Bemerkungen und Illoyalität beurlaubt. Das sagt viel aus über die Verhärtung der Fronten in der Gemeinde. Seit Monaten beschäftigt der Konflikt den Kirchenkreis und die Landeskirche. Der Auslöser liegt ein Jahr zurück. Als die Diakonin Almut Schmidt nach Bremen wechselte, wollte der Kirchenvorstand ihre halbe Stelle in eine halbe Pastorenstelle umwandeln.

Er beorderte den in der kirchlichen Jugendarbeit engagierten Diakon Heiko Lucht in die Scheune – und stieß auf Widerstand. Eltern wollten Lucht in der Kinderkirche und Konfirmandenarbeit behalten, Jugendliche begehrten auf, weil sie um die Arbeit in der Scheune fürchteten. „Es war niemals unser Ziel, den Jugendlichen etwas wegzunehmen oder die offene Jugendarbeit einzuschränken“, sagt der Kirchenvorstandsvorsitzende Ulf Franzke. Ein Pastor sei aber zu wenig für eine Gemeinde mit 4900 Mitgliedern immer mehr Alte und Kranke müssten betreut werden.

Protestplakate bei Käßmann-Besuch

Die jungen Leute überzeugte das nicht. Sie malten das Wort „Stillstand“ auf ein Plakat und hielten es Landesbischöfin Margot Käßmann entgegen – am letzten Märzsonntag 2009 bei der Feier des 250-jährigen Bestehens der Zionskirche. Erbost registrierten die Jugendlichen, dass der Kirchenvorstand die Festgottesdienst-Kollekte umwidmete: Das Geld floss nicht wie geplant in die Jugendarbeit, sondern in den Fonds für die Anschaffung der neuen Orgel. Der Ton wurde schärfer. Im Mai standen die Jugendlichen mit neuen Bannern am Kirchberg. „Der Kirchenvorstand trägt die offene Jugendarbeit zu Grabe“ lasen die Worpsweder.

Der Vorstand sprach von „schmutziger Wäsche“. Im August war der Gemeindesaal voll bei einer Gemeinde-versammlung attackierten Jugendliche und Erwachsene den Kirchenvorstand: Er schade der vorbildlichen Jugendarbeit, setze Diakone und andere Mitarbeiter unter Druck. Die Atmosphäre blieb emotionsgeladen, obwohl das Personalproblem gelöst wurde: Die Gemeinde bekam die halbe Pastorenstelle, und eine neue Diakonin kam. Die Kirchenoberen fühlen sich zu Unrecht an den Pranger gestellt. Sie empfinden die Mobbing-Vorwürfe als ehrenrührig. Drei Wochen vor Weihnachten beantragte der Kirchenkreistagsvorsitzende Eckart Richter beim Landeskirchenamt die Absetzung des Kirchenvorstands und die Versetzung des Pastors: Sie schädigten das Ansehen der Kirche, operierten mit Unwahrheiten und setzten Mitarbeiter so unter Druck, dass sie krank würden.

Der stellvertretende Vorstandsvorsitzende Jann Lüning erstattete Strafanzeige wegen Verleumdung Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln. Fehler in der Auseinandersetzung räumt Franzke ein. Doch Richters Behauptungen seien haltlos: „Da hat sich der Kirchenvorstand nichts vorzuwerfen.“ Bis zur Klärung bleibe er im Amt. Richters Brief trieb die Polarisierung voran. Viele Christen stärkten ihrem Pastor den Rücken und beteten für ihn. Nach einem Sonntagsgottesdienst sammelten die Unterstützer 80 Unterschriften für Pastor Ewald Dubbert und den Gemeindevorstand.

Für einen Teil der Jugendlichen steht fest: Der Kirchenvorstand muss weg. Bilds Beurlaubung hat sie bestärkt. Beim Familienessen im Restaurant am 2. Januar kritisierte der Jugendliche die neue Diakonin und den Kirchenvorstand scharf. Am Nebentisch schnappten Gemeindemitglieder seine Worte auf. Empört protokollierte einer das Gehörte und leitete die Notiz an Diakonin Ilona Wellbrock weiter. Sie informierte Franzke und Lüning zu dritt wollten sie Bild zur Rede stellen. Als er sich weigerte, das Gespräch allein zu führen, beurlaubte ihn die Diakonin. Pastor Dubbert geht im April vorzeitig in den Ruhestand. Vom Frieden ist die Christengemeinde am Weyerberg weit entfernt.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+