Karlheinz Gerhold schreibt in den " Lebensläufen zwischen Elbe und Weser" über Heinrich Fahrenholz Ein Demokrat mit Sinn für Insektenkunde

Achim. Anliegen des biographischen Lexikons "Lebensläufe zwischen Elbe und Weser" ist es, interessante Lebensbilder von Männern und Frauen nachzuzeichnen, die in der Geschichte der Region in besonderer Weise ihre Spuren hinterlassen haben. Hierzu hat der Landschaftsverband jetzt den zweiten Band vorgelegt. Vorgestellt werden die Lebensläufe von 96 Menschen aus verschiedenen Epochen - vom Mittelalter bis in die jüngere Zeit. Darunter ist auch ein Achimer: Heinrich Fahrenholz.
19.01.2011, 05:00
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Ein Demokrat mit Sinn für Insektenkunde
Von Ralf Michel

Achim. Anliegen des biographischen Lexikons "Lebensläufe zwischen Elbe und Weser" ist es, interessante Lebensbilder von Männern und Frauen nachzuzeichnen, die in der Geschichte der Region in besonderer Weise ihre Spuren hinterlassen haben. Hierzu hat der Landschaftsverband jetzt den zweiten Band vorgelegt. Vorgestellt werden die Lebensläufe von 96 Menschen aus verschiedenen Epochen - vom Mittelalter bis in die jüngere Zeit. Darunter ist auch ein Achimer: Heinrich Fahrenholz.

In anschaulicher und wissenschaftlich fundierter Weise setzen sich insgesamt 48 Autoren mit Persönlichkeiten aus allen gesellschaftlichen Bereichen auseinander, erklärt Achims Stadtarchivar, Karlheinz Gerhold. "Die Publikation widmet sich Menschen, die im positiven wie im negativen Sinne durch ihr Wirken oder durch eine besondere Lebensleistung Bedeutung für die Geschichte des Elbe-Weser-Raumes erlangt haben."

Gerhold selbst hat den Beitrag über einen besonderen Achimer beigesteuert - den Politiker, Landrat (in Rotenburg) und Läuseforscher Heinrich Fahrenholz. Fahrenholz wurde am 7. Juli 1882 in Achim geboren und starb am 28. Oktober 1945 ebenfalls in Achim. Er war ein engagierter Lehrer, Landrat, Senator, sozialdemokratischer Politiker, Mitglied des Hannoverschen Provinziallandtags, Entomologe, Dirigent und Musikliebhaber..., zählt Gerhold auf. "Eine im positiven Sinne schillernde Persönlichkeit."

Interesse für die Insektenkunde

Fahrenholz' Eltern lebten in Achim. Sein Vater Hermann war Volksschullehrer sowie Küster und Kirchenbuchführer der evangelisch-lutherischen St.-Laurentius-Kirchengemeinde und hatte mit seiner Frau Margarethe, geborene Wilkens, sechs Kinder. Das Stammhaus der Familie befindet sich allerdings in Quelkhorn. Heinrich Fahrenholz heiratete am 5. Oktober 1909 Meta Reiners aus Uphusen. Beide hatten einen Sohn, Hermann, der am 13. Oktober 1909 das Licht der Welt erblickte.

Wie sein Vater ergriff Fahrenholz den Beruf des Volksschullehrers, den er im Jahre 1908 in der damaligen Achimer Nachbargemeinde Bierden ausübte. Bereits als junger Mann erwachte sein wissenschaftliches Interesse für die Insektenkunde. Als Entomologe veröffentlichte Fahrenholz zahlreiche wissenschaftliche Fachartikel über Läuse und Milben. Von 1908 bis 1914 folgte eine Tätigkeit als Lehrer am Zentralgefängnis Hannover, Ende 1914 kam die Versetzung an das Andreas-Realgymnasium in Hildesheim, an dem er - unterbrochen durch den Ersten Weltkrieg - bis 1919 unterrichtete.

Spätestens im Zuge der Novemberrevolution des Jahres 1918, nach dem Ende des Kaiserreichs und der Ausrufung der Weimarer Republik, schloss sich Fahrenholz - obwohl streng christlich erzogen - der sozialistischen Arbeiterbewegung in Hildesheim an, wurde 1919 Mitglied der Hildesheimer SPD und engagierte sich in der Kommunalpolitik der Stadt.

Zunächst als ehrenamtlicher Senator im Hildesheimer Magistrat, später dann als besoldeter hauptamtlicher Senator für Soziales wirkte der Sozialdemokrat bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten, die ihn im März 1933 "beurlaubten".

Während seiner Hildesheimer Zeit edierte Fahrenholz Bücher mit Liedern und Gedichten, wie etwa 1925 das "Republikanische Liederbuch - eine Sammlung von ernsten und heiteren Liedertexten für vaterländische Feiern und kameradschaftliche Veranstaltungen, die unter den Farben Schwarz-Rot-Gold stattfinden".

Diese Farben standen für die demokratische Republik, für das Reichsbanner, im Widerstreit zu den Farben des undemokratischen Kaiserreichs Schwarz-Weiß-Rot, derer sich schließlich auch Adolf Hitler bediente.

In der Zeit des Faschismus bewirtschaftete Fahrenholz als Verwalter und Gastwirt den landwirtschaftlichen Familienbetrieb in Quelkhorn und widmete sich ab 1935, wieder zurück in seinem Geburtsort Achim, als Rentier erneut der Entomologie; 1938 wurde er 2. Vorsitzender des Entomologischen Vereins Bremen.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Befreiung vom Faschismus durch britische Truppen engagierte sich Fahrenholz in der Achimer Gemeindevertretung, in die er als bekannter Antifaschist von der britischen Militärregierung berufen wurde. Fahrenholz war bei der Neugründung der Achimer SPD am 10. Mai 1945 dabei und wurde im Juli 1945 zum Vorsitzenden des SPD-Unterbezirks Verden/Rotenburg gewählt.

Die britische Militärregierung setzte den aktiven Politiker im September 1945 zum ersten Landrat des Kreises Rotenburg ein, ein Amt, das Fahrenholz bis zu seinem überraschenden Tode - er starb am 28. Oktober 1945 an einem Herzschlag - ausübte.

Gegenüber der Gemeinde Achim vertrat Fahrenholz in der unmittelbaren Nachkriegszeit als Vormund die Interessen des einzigen aus dem Konzentrationslager zurückgekehrten jüdischen Bürgers Achims, Kurt Anspacher, der heute als Curt Parker in den USA lebt. In zähen Verfahren gegenüber den Behörden verhalf er dem minderjährigen Invaliden zur Rückerstattung der von den Nationalsozialisten requirierten Haushaltsgegenstände seiner Familie und zu einem bescheidenen Fürsorgeanspruch.

Neben seinem politischen Engagement und seiner Liebe zur Entomologie hatte der vielseitig talentierte und engagierte Heinrich Fahrenholz eine dritte Leidenschaft, erzählt Karlheinz Gerhold: die Musik. Nicht nur, dass er Liederbücher herausgab, er wirkte 1945 auch als Chorleiter und Dirigent des Männergesangvereins "Teutonia" in Achim. Im Ortsteil Biedern ist heute nach ihm eine Straße benannt.

Das Buch "Lebensläufe zwischen Elbe und Weser", ein biographisches Lexikon, Band 2, wurde von Jan Lokers und Heike Schlichting in der Schriftenreihe des Landschaftsverbandes der ehemaligen Herzogtümer Bremen und Verden herausgegeben und ist im Buchhandel für 25 Euro erhältlich.

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