Ammerland Ein Dorf sucht einen Hausarzt - und das Video wird zum Internethit

Hahn-Lehmden in der Gemeinde Rastede sucht händeringend einen Arzt. Die Bewohner versuchen nun mit einer einfallsreichen Idee ihre ärztliche Versorgung zu sichern.
04.01.2019, 21:48
Lesedauer: 4 Min
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Ein Dorf sucht einen Hausarzt - und das Video wird zum Internethit
Von Marc Hagedorn

Zuerst das gelbe Ortsschild. Hahn-Lehmden steht oben, Gemeinde Rastede, Landkreis Ammerland darunter. Dann tritt Ilse Becker ins Bild und hält eine Pappe in die Kamera, Aufschrift: Moin. Nächste Szene. An einer Hausecke taucht Kai Uwe Addicks auf, auch er hat eine Pappe dabei: Wir suchen dich!

Ilse Becker und Kai Uwe Addicks leben in Hahn-Lehmden, zwölf Kilometer nördlich von Oldenburg. Der Ort, rund 1700 Einwohner, hat seit Jahresbeginn keinen Hausarzt mehr, aber dafür pfiffige Bürger. Der Auftritt von Ilse ­Becker und Kai Uwe Addicks ist der Einstieg in ein rund einminütiges Video, das die Menschen in Hahn-Lehmden gedreht haben. Sie suchen den neuen Hausarzt jetzt einfach selbst.

Das Video haben sich im Internet bis heute fast 300 000 Menschen angeschaut. Es ist auf der Homepage der Gemeinde Rastede zu sehen, und auch Uwe Köster von der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) kennt den Film. Er gefällt ihm. „Wir wünschen uns so was“, sagt Köster, „wir liegen da mit Rastede auf einer Wellenlänge.“ Denn die Menschen in Rastede und die KVN kämpfen für dasselbe: eine bessere Versorgung mit Hausärzten auf dem Land.

Die Zahlen sind alarmierend: Schon heute sind in Niedersachsen fast 400 Hausarztstellen unbesetzt, noch gibt es fast 5100 Hausärzte im Land. Aber zwei Drittel davon sind über 50 Jahre alt, 1600 davon sogar über 60. In den nächsten sechs, sieben Jahren, so rechnet die KVN, fehlen mehr als 1000 Ärzte. Die Menschen in Hahn-Lehmden bekommen jetzt schon hautnah mit, worüber sonst in der „Tagesschau“ und damit weit weg berichtet wird.

Idee vom Stammtisch

Ilona Menke ist die treibende Kraft hinter dem Video. Sie arbeitet als Assistentin der Geschäftsführung bei der Ulla Popken Fashion Group, einem internationalen Modeunternehmen aus Rastede. Bei einem CDU-Stammtisch war die Idee zu dem Dreh entstanden, nachdem zuvor auf herkömmliche Weise erfolglos nach einem Nachfolger für den langjährigen Hausarzt Wolf-Dietmar Röcher gefahndet worden war.

Ilona Menke holte die Kamerafrau Nadine Brinkmann dazu, die sonst Filme für Ulla Popken macht. Entstanden ist ein Clip, der sich im Zusammenschnitt wie eine Stellenanzeige liest: „Moin. Wir suchen dich! Du bist Arzt. Hast ein offenes Ohr. Liebst die Natur. Wir sind nordisch. Jung. Alt. Einzigartig. Wir bieten dir: Gemeinschaft, ein Zu-Hause-Gefühl, arbeiten, wo andere Urlaub machen. Werde ein Teil von uns, werde unser Arzt in Hahn-Lehmden.“

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In Hahn-Lehmden, so die Botschaft, lässt sich’s gut leben. Ein Ort macht sich schön, und genau darauf setzt auch die Politik, die sich in Niedersachsen nicht einig ist, wie man am besten etwas gegen den Ärztemangel auf dem Land unternimmt. In Nordrhein-Westfalen wird ab dem Wintersemester 2019/2020 eine Landarztquote für Medizinstudenten eingeführt. 168 Plätze sind zu vergeben, und der Kandidat verpflichtet sich, anschließend mindestens zehn Jahre in einer sogenannten unterversorgten Region zu arbeiten. In Niedersachsen wünscht sich die SPD ebenfalls eine Landarztquote, findet dafür aber keine Mehrheit. 200 neue Studienplätze müssten an den Universitäten geschaffen werden.

In einigen Landstrichen fehlen bereits Ärzte

Die Zeit drängt. Schon jetzt gibt es Landstriche, in denen viele Ärzte fehlen. Die KVN nennt die Regionen Delmenhorst, Buxtehude, Meppen, Nordhorn und Cloppenburg, aber auch in Bremen und umzu gibt es Engpässe, etwa in Thedinghausen oder Dörverden. In Hahn-Lehmden müssen die Menschen jetzt zum Arzt nach Wiefelstede oder Rastede, das sind zwar nur fünf Kilometer mehr, aber was heißt nur, wenn man über 80 ist, der Bus nicht fährt oder Praxen keine Termine, aber stattdessen einen Aufnahmestopp haben.

Die Gründe für das Fehlen von Landärzten sind vielfältig und bekannt: Die Belastung ist groß. Die Menschen werden älter, kommen häufiger in die Praxis. Umgekehrt muss der Landarzt für Patientenbesuche oft weite Wege machen. Notdienste, Budgetierungen von Medikamenten und Zeit, generell immer mehr Bürokratie – wenn junge Ärzte ent­scheiden zwischen einer Stelle als Radiologe in der City oder einer Praxis auf dem Dorf, dann ist die Wahl in der Regel eindeutig: Stadt schlägt Land.

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Verbände, Kammern und immer mehr auch die Gemeinden selbst, versuchen dem entgegenzusteuern. Die Menschen aus Hahn-Lehmden stellen in ihrem Video die Vorzüge ihres Ortes heraus. Hier gibt es Neubaugebiete, die Lage ist attraktiv, bis zur Nordsee ist es nicht weit, auch Holland ist gut erreichbar, Bremen und Oldenburg sowieso, und ja, auch Hamburg. Im Video treten Mitglieder der Feuerwehr auf, Sportler vom TuS Lehmden sind dabei, die Gymnastikgruppe auch und der Schützenverein Hahn, die Landfrauen und der Ortsbürgerverein.

„Ich bin von den Aktivitäten total begeistert“, sagt CDU-Bürgermeister Dieter von Essen, „hier wird nicht abgewartet, sondern angepackt.“ Auch die Gemeinde bringt sich ein. Sie hilft bei der Suche nach Praxisräumen und Wohnungen und stellt finanzielle Unterstützung in Aussicht. Auch andernorts helfen Kommunen inzwischen bei der Suche nach Jobs für die Ehepartner und Kita-Plätzen für den Nachwuchs.

Gemeinden schließen sich zusammen

In den Landkreisen Diepholz, Nienburg und Verden haben sich 26 Gemeinden zusammengeschlossen und sagen „Ärztlich Willkommen“, das ist ein Internetportal, das Tipps, Kontakte und Hilfen bündelt. Die KVN treibt mit einem eigenen Referat die Nachwuchsgewinnung voran. Und viele Landkreise vergeben Stipendien, mehrere hundert Euro pro Monat. Dafür verpflichtet sich der angehende Mediziner, sich anschließend im Landkreis niederzulassen.

Für die Menschen in Hahn-Lehmden könnte es ein Happy-End geben. Kurz vor Weihnachten, als der Vorfeiertagsstress besonders groß war, haben sie ihren Film an zwei Nachmittagen gedreht. „Das war ziemlich stressig“, sagt Ilona Menke. Aber der Aufwand hat sich gelohnt. Drei Ärzte haben sich seit der Ausstrahlung des Videos gemeldet. Sie haben Interesse an der Stelle.

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