Landkreis Osterholz

Ein Händchen für den richtigen Dreh

Viele Osterholzer kennen Ralf Böker. Der Schausteller ist seit 50 Jahren mit seinem Kindersportkarussell in der Region zu Gast. Vom Scharmbecker Herbstmarkt ist er zum Bremer Freimarkt gezogen - wo er für Nostalgie sorgt.
29.10.2014, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Christian Valek
Ein Händchen für den richtigen Dreh

Für Ralf Böker ist Schausteller zu sein nicht ein Beruf, sondern eine Berufung. Der Mann, den viele Osterholz-.Scharmbecker seit Jahrzehnten von hiesigen Volksfesten kennen, sorgt mit seinem Kindersportkarussell für Entschleunigung auf dem Bremer Freimarkt. CVA·

Christian Valek

Viele Osterholzer kennen Ralf Böker. Der Schausteller ist seit 50 Jahren mit seinem Kindersportkarussell in der Region zu Gast. Vom Scharmbecker Herbstmarkt ist er zum Bremer Freimarkt gezogen. Dort sorgt er zwischen Gladiator, Airport und Skyliner für nostalgische Momente.

Ralf Böker erholt sich bei der Arbeit. Urlaub stresst den Schausteller nur, wie er sagt. Mit seinem Kindersportkarussell ist er seit Jahrzehnten im Bremer Raum unterwegs. Böker ist Stammgast bei Festen in der Kreisstadt. Wenn die Hupen tönen, die Lampen flackern und die Musik läuft, lebt Böker auf. „Man freut sich auf jedes Fest.“

Böker liebt seinen Beruf, das spürt man. So einen wie ihn, müsse man bald suchen, sagt er. „Wer von den jungen Leuten will sich den ganzen Tag hier hinsetzen?“, fragt der 67-Jährige. Er ist mit der Schaustellerei aufgewachsen. Seine zwei Söhne sind mit Imbiss, Autoscooter und Mandelwagen in seine Fußstapfen getreten. Auch sein Vater, Großvater und Urgroßvater seien schon Schausteller gewesen, zählt er auf. „Damals war man noch mit Pferdfuhrwerken gereist.“ Böker kennt romantische Geschichten aus vergangener Zeit: Als Kind sei er im sechs Meter langen Holzwagen mit seinen Eltern von Fest zu Fest gezogen, erinnert er sich. In Osterholz-Scharmbeck habe der Wagen immer an der Kirchenmauer gestanden. „Unser Wohnwagen hatte sogar eine Veranda. Darauf haben wir dann immer Kaffee getrunken.“ Als Kind sei er in Osterholz-Scharmbeck zur Menckeschule gegangen. „Und der Pastor hat öfter morgens an unsere Tür geklopft“, weiß er noch. „Tja, schön war’s. Man war eine große Familie.“

Sowieso, die 1950er-Jahre seien besonders gewesen. Es sei eine Zeit gewesen, in der vieles scheinbar leichter war. „Wer Strom für das Fahrgeschäft brauchte, hatte einfach ein isoliertes Kabel über die Hochspannungsleitung geworfen“, erzählt Böker. Die Tiere des Karussells seien noch aus Holz gewesen. Ein Pony, das in der Mitte des Fahrgeschäftes lief, habe das Ganze zum Drehen gebracht.

Wohnwagen als Zuhause

Der Wohnwagen ist Bökers Zuhause. Hier arbeitet, isst und schläft er. Stört nicht die wummernde Musik? „Nein“, sagt er. „Im Gegenteil. Wenn die aufhörte, bin ich als Kind immer wach geworden.“ Dann sei seine Mutter in den Wagen gekommen, um ihn zu beruhigen. „Es ist alles in Ordnung, hat sie dann gesagt.“ Böker hat mit 16 Jahren das erste Karussell von seinem Vater bekommen – auf Abzahlung. Später habe er sich ein weiteres gekauft. Das Kindersportkarussell ist Bökers Leidenschaft. Unzählige Stunden hat er in die Technik investiert. Das Karussell läuft ohne Ruckeln und extra langsam an – Böker hat den Antrieb verbessert. Die kleinen Fahrzeuge werden in der Winterpause regelmäßig auseinander genommen und gewartet. „Alle Lager müssen gefettet werden“, klärt er auf. Was schadhaft ist, wird ausgetauscht. Beim Aufzählen der weiteren Raffinessen kommt er fast außer Atem.

Blitzblank warten Feuerwehrauto, Reisebus (Bökers Reisen) und der Polizeiflitzer auf junge Fahrgäste. Insgesamt stehen 22 Fahrzeuge zum Ein- und Aufsteigen bereit. „Wichtig ist, dass überall die Hupen funktionieren“, sagt Böker. Und scheinbar überall hat er Lenkräder zum Kurbeln für die Kinder montiert. Das Motto heißt Mitmachen.

4000 Glühlampen hat er gegen LED-Leuchten getauscht. Das spart Geld: Früher hatte er am Tag 30 bis 40 Glühlampen verbraucht, erinnert er sich. „Heute brauche ich vielleicht fünf LED-Leuchten im ganzen Jahr.“ Alles sei tadellos in Schuss: Das hat ihm auch der TÜV bescheinigt. Ein Prüfer habe sich kürzlich das Karussell mit einem Elektriker drei Stunden lang „von oben bis unten“ angesehen. Fazit: Ohne Mängel. „Da ist man stolz drauf“, betont Böker. Jetzt ist es bis 2017 abgenommen.

Ralf Böker und seine Frau, die einen Nuss-Wagen hat, machen 15 Veranstaltungen im Jahr, wie er sagt. Früher seien es mehr gewesen. Doch Böker will in Ruhe auf- und abbauen. „Ob es sieben oder zehn Stunden dauert, ist mir egal. Hauptsache sicher verpackt.“

Schausteller Ralf Böker ist mit seinem Kindersportkarussell seit Jahrzehnten in der Kreisstadt vertreten. CVA

Schausteller Ralf Böker ist mit seinem Kindersportkarussell seit Jahrzehnten in der Kreisstadt vertreten. CVA

Foto: Christian Valek

In den kalten Wochen des Jahres ist es für beide noch einmal hitzig: Freimarkt und Bremer Weihnachtsmarkt verlangen volle Hingabe. Der Bremer Freimarkt sei einfach das Highlight für ihn, schwärmt Böker. „Wenn man von der Hochstraße kommt und die Lichter sieht, geht mir das Herz auf“, sagt der Bremer, der in Kirchhuchting wohnt. Hier hat er genug Platz, um sein Fahrgeschäft zu lagern und Teile zu überholen. „Glauben sie nicht?“ Böker zückt sein Smartphone und zeigt stolz Fotos vom mehrstöckigen Haus und geräumiger Werkstatt.

Wären sie gern etwas anderes geworden als Schausteller? Böker überlegt. „Ich wäre gern Autoschlosser geworden“, sagt er. So wie sein Bruder. „Aber mein Vater brauchte jemanden zu Hause und später war es zu spät.“ Das Geschäft habe ihn schon früh nicht mehr losgelassen. „Der Anfang war besonders arbeitsreich“, sagt er. 25 Jahre hätten er und sein Frau keinen Urlaub gemacht, rechnet er vor. „Wir mussten doch erst alles auf die Reihe kriegen.“

Später musste es dann doch sein. Immer so zwischen Januar und Februar geht es mittlerweile zur Erholung auf die Kanaren oder nach Teneriffa. Für Ralf Böker ist das Stress pur, wie er sagt. Zu gern würde er doch an seinen Autos herumschrauben und alles schon viel früher für die kommende Saison klar machen. Manches muss neu lackiert werden und auch die Gummireifen vom Motorrad müssen noch aufgezogen werden. „Urlaub? Ja, aber bitte nicht zu viel“, lautet sein Credo. „Einmal haben wir nach 14 Tagen in der Sonne verlängert. Das war grausam. Ich wollte nur nach Hause.“

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