Mittendrin - im Tierasyl Heimatlos in Wittstedt

Ein Herz für Außenseiter

Der Klinkerbau an der Ortsstraße in Wittstedt wimmelt vor Leben: Katzen, Hunde, Ziegen, Hühner, Hängebauchschweine und Chinchillas werden dort zurzeit versorgt und hoffen auf ein neues Zuhause.
05.08.2019, 17:34
Lesedauer: 6 Min
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Ein Herz für Außenseiter
Von Brigitte Lange
Ein Herz für Außenseiter

Vier kleine Kätzchen wirbeln seit Kurzem durchs Tierasyl Heimatlos in Wittstedt. So viel Action lässt kleine Katzenmägen mächtig knurren, sodass die Tiere es kaum erwarten können, bis unsere Redakteurin ihnen den Napf hinstellt.

Christian Kosak

Der Tag beginnt mit einem dicken Kloß im Hals und einem Brennen in den Augenwinkeln. „Er hat es nicht geschafft“, sagt Carmen Platte. Die Mitarbeiterin des Vereins „Tierasyl Heimatlos“ in Wittstedt holt gerade eine Transportbox aus dem Auto, als ich für einen „Schnupper-Besuch“ am Tierheim eintreffe. Ein rot-getigerter Kater liegt in der Kiste. Tot. Zweimal war das Tier am frühen Morgen auf dem Molkereiweg in Schwanewede von Autos erfasst worden. Das Rückgrat ist gebrochen. Der Tierarzt konnte ihn nur erlösen.

„An meinem ersten Tag hier musste ein Hund eingeschläfert werden; da kullerten nur so die Tränen“, begrüßt mich Claudia Schröder. Als 400-Euro-Kraft habe sie 2008 beim Verein „Tierasyl Heimatlos“ angefangen. Seit 2009 leitet sie die Einrichtung, die von den Gemeinden Langen, Schiffdorf, Loxstedt, Beverstedt und Hagen getragen wird; das Tierheim hat Kooperationsverträge mit Schwanewede, Ritterhude und Hambergen geschlossen und ist auf Spenden angewiesen. An den Tod, an das Einschläfern von Tieren, habe sie sich nie gewöhnt, sagt Schröder. „Aber ich habe gelernt, damit umzugehen.“

Egal ob Schwein, Ziege oder Huhn – Kerstin Schumacher ist für alle im Einsatz.

Egal ob Schwein, Ziege oder Huhn – Kerstin Schumacher ist für alle im Einsatz.

Foto: Christian Kosak

Es ist 8 Uhr. Das Tierheim öffnet. Aus der Futter-Küche des zum Tierasyl umgewandelten Klinkerbaus dringt verräterisches Klappern. Der Geruch von Nassfutter zieht durch den Flur – vorbei an den Zimmern der Hunde und hoch ins Dachgeschoss zu den Katzenmüttern mit ihren Babys. Während ihre Kolleginnen fünf der sechs Hunde, die zurzeit im Tierasyl sind, zum Toben ins Freie lassen, hat Claudia Thiele, ebenfalls festangestellte Mitarbeiterin, damit begonnen, die Näpfe für die übrigen Bewohner zu füllen: 27 Katzen, die auf ein neues Zuhause hoffen, sowie 20 unvermittelbare, freilaufende Katzen.

Während den Hunden später das Futter eher in Stücken serviert wird, wird das Nassfutter für die Stubentiger mit dem Löffel zermatscht, bis es die Konsistenz von Püree hat. „Sonst rühren sie es nicht an“, erklärt Claudia Schröder. „Ans Trockenfutter können sie den ganzen Tag; die Reste des Nassfutters räumen wir später weg.“ Weggeschmissen werde nichts: Mit frischem Nassfutter aufgefüllt, gehen diese Reste an die Freigänger. Insgesamt vier große Näpfe werden – unerreichbar für die Hunde aus der Nachbarschaft – für sie im Außengelände platziert. Zeitgleich ist Mitarbeiterin Kerstin Schumacher mit einer Karre voller Gemüse, das regelmäßig von einer Rewe-Filiale gespendet wird, unterwegs zu ihren „Pflegekindern“: Chanelle und Bacon – zwei Hängebauchschweine. „Chanelle hatten wir einmal vermittelt“, erinnert sie sich. Aber das damals noch kleine Schwein habe so sehr geschrien, dass es zurückgebracht wurde. „Hier hat es sich gleich an Bacon gekuschelt und keinen Mucks mehr von sich gegeben.“ Damit war klar: Die beiden werden nicht mehr getrennt, dürfen für immer bleiben.

Sie muss sich nicht nur um die geretteten und abgegeben Tiere sorgen, sondern kümmert sich auch um die Büroarbeit: Tierheim-Leiterin Claudia Schröder.

Sie muss sich nicht nur um die geretteten und abgegeben Tiere sorgen, sondern kümmert sich auch um die Büroarbeit: Tierheim-Leiterin Claudia Schröder.

Foto: Christian Kosak

Vier Ziegen, zwei Hühner und ein Hahn warten ebenfalls auf Kerstin Schumacher. In einem von zwei Containern sind außerdem vier Chinchillas untergebracht. Die letzten von ehemals 14 Tieren, die das Veterinäramt beschlagnahmt hatte. Die Schilderungen der Frauen lassen erahnen, wie oft sie von den verschiedensten Behörden um Unterstützung gebeten werden. Nicht alle Einsätze sind so amüsant, wie der mit dem Schafbock, der stundenlang auf der A 27 rumlief und die Polizei ins Schwitzen sowie einen Bauhofmitarbeiter um sein Mittagessen brachte, bevor er in den Tierheim-Transporter geladen werden konnte. Ganz anders der Fall, bei dem die Mitarbeiterinnen von einem polizeibekannten, ehemaligen Tierhalter massiv bedroht wurden. Die Polizei musste zur Sicherheit täglich mehrfach vorbeischauen.

„Die Polizei und die Gemeinden kennen unsere Handynummer“, berichtet Schröder bei der Morgenbesprechung, zu der sie nach dem Füttern mit dreien ihrer vier Kolleginnen zusammenkommt. „So können die Behörden uns 24 Stunden und 365 Tage im Jahr erreichen.“ Zumindest die Mitarbeiterin, die Bereitschaft hat. Auf dem Tisch stehen Becher mit Kaffee. Zucker und Milch machen die Runde. An diesem Morgen hatte es Carmen Platte ereilt: Gegen 5 Uhr war sie von der Polizei nach Schwanewede gerufen worden. Eine Autofahrerin hatte bemerkt, dass der angefahrene Kater noch lebte und den Kopf gehoben hatte. Die Frau hatte die Beamten alarmiert. Nun wird Claudia Schröder sein Schicksal im Internet vermelden. Ein letzter Schluck Kaffee, dann geht‘s für einen Teil der Mitarbeiter zu den Katzenfamilien unters Dach. Zeit zum Ausmisten. Der Raum ist in acht Zimmer unterteilt. Durch Gitter von einander getrennt, können die Bewohner einander sehen, hören und riechen. Alle Boxen sind belegt. In Nummer Sechs wohnt eine grau-getigerte Katze. Sie maunzt und maunzt. „Sie war schon einmal vermittelt, aber die zweite Katze der Familie mochte den Neuzugang nicht“, erzählt Claudia Thiele. In Zimmer Nummer Drei sitzt eine kleine Katze, fast noch ein Baby. Allein. „Sie hat Durchfall“, erklärt Carmen Platte. Erst seit heute Morgen wüssten sie, dass das Tier nicht krank sei. In wenigen Tagen darf es umziehen – zu den vier noch jüngeren Kätzchen, die kürzlich ins Tierasyl gekommen sind und die nun zwischen Körben, Spieltunnel, Futternäpfen und Katzentoiletten herumwirbeln. „Sind sie gesund, darf sie zu ihnen.“

Box Nummer Acht scheint auf den ersten Blick leer zu sein. Allein der Kot im Klo verrät, dass das Zimmer bewohnt ist. Nachdem die Kiste mithilfe der Streuschaufel gereinigt sowie mit neuem Streu bestückt, der Boden gefegt und gewischt, das Trinkwasser erneuert, das restliche Nassfutter entfernt und das Trockenfutter aufgefüllt ist, lasse ich meinen Blick suchend durch den Raum schweifen. Er bleibt an einem höhlenartigen Korb hängen: Eng an dessen Rückwand gepresst, liegt eine zierliche Katze. Ihre Augen bestehen nur noch aus schwarzen Pupillen. An sie gekuschelt, liegen ihre drei Jungen.

Chanelle und Bacon heißen die beiden Hängebauchschweine, die im Tierasyl ihre Heimat gefunden haben.

Chanelle und Bacon heißen die beiden Hängebauchschweine, die im Tierasyl ihre Heimat gefunden haben.

Foto: Christian Kosak

Zwei von ihnen lassen es ängstlich aber ruhig über sich ergehen, mit dem Zeigefinger über den Augen sacht gestreichelt zu werden. Nummer Drei hält von dieser Annäherung gar nichts, ahmt das leise Fauchen der Mutter deutlich lauter nach und schlägt mit der winzigen Tatze nach dem Monster-Finger. Das muss akzeptiert werden: „Sie ist eine von unseren wilden Müttern“, sagt Claudia Thiele. Sind die Kleinen entwöhnt, werde sie kastriert. Dann soll sie am Fundort wieder ausgesetzt werden. Für eine Vermittlung, so vermuten die Tierschützer, sei sie zu scheu.

Das absolute Kontrastprogramm bietet die Nachbarbox: Sowohl die Katze als auch ihre zwei Jungen sind begeistert von Zweibeinern. Während ihre Mutter Köpfchen gibt und ums Bein streicht, klimmt ihr Nachwuchs die Hose empor, nimmt auf dem Oberschenkel platz, liefert sich Kämpfe mit dem Besen und taucht in den bereits halb gefüllten Mülleimer ab. „Die Mutter ist reserviert“, erzählt Claudia Thiele. Und wer ihre Babys möchte, müsse beide nehmen: „Die Zwei können wir nicht trennen, die sind total aufeinander fixiert.“Gegen 10.30 Uhr gibt‘s die nächste Runde Kaffee. Vor dem geöffneten Fenster des Gemeinschaftsraums rennt Pitbull Paco, die Nase dicht am Boden, allein die Außengehege ab und „liest Zeitung“. Er ist das Sorgenkind von Claudia Schröder. „Aber nicht wegen seines Charakters“, versichert sie. Die Auflagen der Behörden erschwerten seine Vermittlung. „Er wurde einem jungen Mann weggenommen, der ihn darauf dressieren wollte, kleinere Hunde anzugreifen.“ Paco muss deshalb mit Maulkorb und Leine ausgeführt werden. Dabei sei er „zuckersüß“ und gehorche aufs Wort; nur Katzen möge er nicht.

Aber Schröder will kein Risiko eingehen, sie lässt Paco erst raus, wenn die übrigen Hunde in ihren Zimmern sind. Die Behörden verlangten außerdem, dass Paco einen Wesenstest besteht. Und wer ihn ausführt, muss einen Hundehalterführerschein besitzen – so wie Claudia Schröder. Es werde daher noch dauern, bis sie für ihn das geeignete Zuhause gefunden hätten, meint sie. Unterdessen starten ihre Kolleginnen zur letzten Vormittagsrunde „Ausmisten“ ins Katzen-Wärmezimmer, wo Katzen-Pascha Willi gerade in „Einzelhaft“ lebt, und ins Katzenhaus mit den erwachsenen Tigern.

Auch Federvieh sucht ein neues Zuhause.

Auch Federvieh sucht ein neues Zuhause.

Foto: Christian Kosak

Das Telefon klingelt. „Ja, heute am frühen Morgen; ein junger Kater; komplett rot-getigert ohne Weiß; eine Kerbe im Ohr“, beschreibt Claudia Schröder einer Frau aus Schwanewede den eingeschläferten Kater vom Molkereiweg. Die Details passen. Die Anruferin will am Nachmittag vorbei kommen, sich das Tier anschauen. Irgendwann zwischen 15 und 17 Uhr. Zunächst ist nun erstmal Mittagspause.

Um 15 Uhr öffnet Alexandra Theloy, die vierte Kollegin von Claudia Schröder, das Tierheim wieder. Gemeinsam mit ehrenamtlichen Helfern wird sie die Hunde erneut rauslassen, mögliche Patienten medizinisch versorgen, alle Tiere zum zweiten Mal füttern und sämtliche anderen Arbeiten erledigen: Handtücher und Teppiche waschen, Futter einsortieren und Spenden abholen. Weitere Helfer werden mit den Katzen kuscheln und die Hunde ausführen. Wie sich zeigt, hat der tote Kater tatsächlich der Anruferin gehört. Am Abend zuvor war er vom Hof verschwunden, nachdem er sich seines Halsbands entledigt hatte. Die Stelle, wo ihn die Autos erfassten, war mehr als zwei Kilometer von seinem Zuhause entfernt. „Auch wenn es traurig ist, aber so wissen seine Besitzer wenigstens, was ihm zugestoßen ist; sie können damit abschließen und suchen nicht noch jahrelang nach ihm“, meint Claudia Schröder. Kein schöner, aber halbwegs tröstlicher Gedanke zum Ende des Schnupper-Tages.

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