Die Bienenmutter Ein Kaufhaus nur für Imker

Ein Schutzanzug, ein kleiner Käfig für die Königin, Bienenkästen und ein Smoker – ehe es mit dem Imkern richtig losgeht, steht ein Großeinkauf an. Die Bienen-Patin hilft bei der Wahl der Ausrüstung.
03.05.2019, 18:24
Lesedauer: 5 Min
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Ein Kaufhaus nur für Imker
Von Patricia Brandt

Ein wenig fühle ich mich wie jemand, der fernab seines Heimatplaneten aus einer Raumkapsel steigt. Das liegt zum einen an dem weißen, astronautenähnlichen Ganzkörperanzug, in dem ich stecke. Und zum anderen an der Umgebung: Ich befinde mich in einem Kaufhaus für Imkereibedarf. Mein Weg zum eigenen Volk führt mich an diesem Mittag geradewegs in eine unbekannte Welt.

Zwischen Honigbonbons und Schleierhüten entdecke ich Dinge, die ich nie zuvor gesehen habe: „Was ist das?“, frage ich meine Begleiterin, als sie mir einen Plastik-Clip hinhält, der entfernt an eine Haarspange erinnert: „Ein Königinnen-Käfig“, sagt Anke Scheffler-Hincke. Die Lesumer Imkerin hat die Aufgabe übernommen, mich als Bienen-Patin auf meinem Weg zur Imkerin zu begleiten. An diesem Tag sorgt sie dafür, dass ich die richtigen Dinge für die Grundausstattung einkaufe. Und so merkwürdig er auch aussieht, den kleinen Plastik-Käfig brauche ich wirklich. Der Clip sei zum Abfangen der Königin gedacht, falls diese bei der Durchsicht des Bienenhauses mal ins Gras fallen sollte, erfahre ich.

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In den Regalen finden sich Gelée Royale-Pillen, der Futtersaft, mit dem Königinnen aufgezogen werden und der als Supermedizin gefeiert wird, Bienenwachskerzen, Honiggläser. Mein Blick fällt auf ein beschriftetes Blechschild: „Hier wohnt eine Imkerin mit dem Schwarm ihres Lebens.“ Ich überlege, ob ich das Schild kaufen sollte, aber dann besinne ich mich auf die Einkaufsliste, die mir meine Bienen-Patin aufgeschrieben hat. Die ist ohnehin schon lang. Es ist eine Menge, die ein Jung-Imker braucht. „Imkern ist ein superteures Hobby. Das ist eine Leidenschaft. Finanziell zahlt es sich nicht aus“, hatte Anke Scheffler-Hincke zu Beginn unseres Ausflugs gesagt.

Natürlich hätte ich übers Internet bestellen können, und das tue ich später auch noch, aber das macht lange nicht so viel Spaß. Es gibt in der Region zwei Geschäfte, die sich für den Einkauf anbieten: Bienen-Berndt in Bremen-Mahndorf und den größeren Imker-Shop Holtermann in Brockel bei Rotenburg.

"Du brauchst später auch noch eine Bienen-Patin"

Wir biegen in Anke Scheffler-Hinckes Bulli auf die A27. Neben mir sitzt noch Angelika Saathoff, Sozialarbeiterin der Hans-Wendt-Stiftung. Sie gehört wie meine Bienen-Patin zum Imkerverein Bremen-Blumenthal und will mit Zweit- und Drittklässlern der Tami-Oelfken-Schule eine Imker-AG gründen, damit die Kinder die Natur kennenlernen. „Ich brauche die ganze Grundausstattung und Anzüge für die Schüler“, berichtet sie gegen das Motorendröhnen an. „Und du brauchst später auch noch eine Bienen-Patin“, sagt Anke Scheffler-Hincke. Das Patensystem soll Neulingen bei Problemen helfen. Etwa, wenn die Bienen in Schwarmstimmung geraten.

Wenn das passiert, dann schwärmt die Königin mit der Hälfte des Volks aus und sucht sich eine neue Bleibe. Anke Scheffler-Hincke musste wie viele andere Imker vor ihr schon mehrfach ausrücken, bis sie ihren Schwarm eingefangen hatte.

Heute besitzt sie 18 Völker an drei Standorten und ist Obfrau des Imkervereins Bremen-Blumenthal. „Ich habe einen guten Imker-Paten gehabt. Ohne den wäre es nicht gut gelaufen.“ Aber Frauen seien genauso gute Imker wie Männer: „Wenn nicht Bessere“, sagt sie und lacht. Dass Frauen imkern, kommt heute auch im Bremer Norden häufig vor: Ein Drittel der 150 Nordbremer Imker seien weiblich.

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Anke Scheffler-Hincke kam über Hühner zu Bienen, erzählt sie auf der Fahrt. Sie habe mit ihren Grundschülern vom Mönchshof zunächst nur ein Hühner-Projekt entwickelt. Als sich Eltern für die Hühner an der Schule interessierten, erfuhr die Lehrerin im Gegenzug von deren Bienen: „Am Ende haben wir Hühner gegen Bienen getauscht. Die haben Küken und ich habe zwei kleine Ableger-Völker gekriegt.“

Sie sagt auf der Fahrt noch einen anderen Satz, der mir in Erinnerung bleibt: „Wenn Du eine Biene siehst, siehst du sie plötzlich überall.“ Der Satz klingt im ersten Moment kryptisch, aber er ist wahr: Wenn man erst einmal angefangen hat, sich mit dem Thema zu beschäftigen, stößt man überall drauf.

Sogar bei Ebay im Internet. Dort werden ganze Völker verkauft. „Sei vorsichtig“, rät Anke Scheffler-Hinke. „Warte lieber bis du einen Brut-Ableger vom Verein bekommen kannst. Gerade die Bremer Imker legen viel Wert auf Sanftmütigkeit bei ihren Bienen.“ Wenn es mich auch in den Fingern juckt, jetzt schon loszuziehen und ein Volk zu kaufen, werde ich ihren Rat beherzigen und diesen Punkt erst später abhaken.

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Angelika Saathoff schaut auf die Einkaufsliste. „Wir brauchen einen Smoker. Wie sieht der aus?“, fragt sie und sieht sich in dem Verkaufsraum um. Der Smoker sieht aus wie eine silberne Kanne und wir stehen quasi direkt davor. Es besteht aus einer Brennkammer mit Tülle und einem Blasebalg und dient der Rauch-Erzeugung. Der Rauch soll die Bienen ruhig stellen, wenn der Imker an die Beuten, die Bienenhäuser, geht. Es gibt mehrere Regale mit verschiedenen Modellen. Wir entscheiden uns für ein günstiges um die 20 Euro. Im Laden gibt es auch noch spezielles Brennmaterial zu kaufen. Aber Anke Scheffler-Hincke sagt, wir bräuchten keinen Bienentabak. Kleintierstreu funktioniere auch. Einige Imker verwenden auch Eierpappe.

Ein Raum weiter findet sich die Bekleidung. Jacken, Hüte, Anzüge, Handschuhe. Wir betrachten die Preisschilder. In einigen Büchern werden die Ausgaben für die Grundausstattung mit 2000 Euro beziffert, wobei dann aber eine Honigschleuder enthalten ist, die ich mir erstmal nicht kaufen werde. Es ist möglich, die Geräte gegen Gebühr auszuleihen.

Anke Scheffler-Hincke empfiehlt uns, einen kompletten Anzug zu kaufen. Sie selbst trägt auch einen Anzug. „Ich weiß, dass einige Bremer Imker sogar auf Kopfbedeckung verzichten, aber ich habe eine Bienengift-Allergie und die Erfahrung gemacht, dass Bienen bei Imkerjacken unter das Bündchen krabbeln können.“ Die Bienenallergie, die bei ihr zu Asthma und Luftnot führt, hindert meine Patin übrigens nicht daran, weiter zu imkern, was mich beeindruckt. Sie macht gerade eine Hyposensibilisierung. Die Therapie ist langwierig, aber zum Glück wirksam.

Alle zwei Jahre lasse sie sich zudem eine neue, besonders sanftmütige Königin von einem Institut schicken. Denn das Volk sei wie seine Königin: Ist diese sanft, ist es der ganze Staat. Ich steige in der engen Umkleide in meinen Anzug und während ich mein seltsam anmutendes Spiegelbild anstarre, wundere ich mich ein wenig, dass ich bisher noch nie von dieser Welt gehört habe, in der sich Menschen per Post Bienenköniginnen schicken lassen.

Weiter geht’s zur nächsten Halle: Hier stehen Beuten zur Auswahl, exakt 48 verschiedene Modelle. Ich kaufe aber nur noch ein paar Werkzeuge wie den Stockmeißel und den Bienen-Besen. Rähmchen für die Mittelwände, in die die Bienen ihre Waben bauen, und die passenden Wachsplatten kann ich mir erst besorgen, wenn ich weiß, welche Beute ich nehme. Denn ich entscheide mich aus Kostengründen dafür, die Beuten gebraucht zu kaufen. Und zwar bei einer Teilnehmerin aus meinem Imker-Lehrgang.

Ariane Schulze betreut das Gartenprojekt Blocklandgarten in Gröpelingen. Auf dem ehemaligen Gefängnisgelände bewirtschaften Langzeitarbeitslose vier Hektar Land. Das Gemüse, das hier gezogen wird, landet unter anderem bei den Suppenengeln im Topf, die Obdachlose bekochen, sagt Ariane Schulze, während wir vorbei an den frisch bestellten Feldern spazieren. Zwischen Salatreihen und einem Gewächshaus stehen auch die vier Bienenvölker, die sie von ihrem Vater geerbt hat. Und in einem Schuppen finden sich alte Beuten, die nicht mehr gebraucht werden. Es fehlen allerdings einige Teile wie ein Blechdeckel, ein Bodenschieber und Absperrgitter. Diese bestelle ich online. Für die Beuten bietet Ariane Schulze mir einen Tauschhandel an: Ich bekomme zwei Beuten, dafür muss ich mich am Aufbau eines neuen Hühnerhauses im Blocklandgarten beteiligen. Ich sagte es ja schon: Die Bienen eröffnen mir in vielerlei Hinsicht eine ganz neue Welt.

Weitere Informationen

Bienen rücken immer mehr ins Blickfeld. Imkern ist in. Doch wie wird man zum Imker? Wie kommt man an Honigschleuder und Schleier, wie an die Bienen? Antworten gibt diese Artikelreihe. In lockerer Folge werde ich über meinen Weg zum eigenen Volk berichten.

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