Chefermittler hält Högel für Taktiker

Ein Mörder, ein Narzisst

Niels Högel behauptet, er habe seine Patienten zu Tode gespritzt, um bei der Reanimation bewundert zu werden. Der leitende Ermittler hält das für fragwürdig. Er sieht im Ex-Pfleger einen Taktiker, der lügt.
03.01.2019, 13:20
Lesedauer: 4 Min
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Ein Mörder, ein Narzisst
Von Nico Schnurr
Ein Mörder, ein Narzisst

Niels Högel war von 2002 bis 2005 am Klinikum Delmenhorst beschäftigt.

Mohssen Assanimoghaddam/dpa

Kurz vor 12 Uhr, gleich Mittagspause, und wenn im Verfahren gegen den ehemaligen Krankenpfleger Niels Högel, diesem Jahrhundertprozess um hundert Patientenmorde, auf etwas Verlass ist, dann darauf, dass die Mittagspläne eingehalten werden. Punkt 12 Uhr ist Pause, keine Kompromisse. So war es bislang immer, und auch jetzt, am sechsten Verhandlungstag, dem ersten, an dem Zeugen sprechen, sieht es so aus, als würden sich gleich alle pünktlich zum Mittag verabschieden, ein bisschen verdauen, das alles.

Arne Schmidt, der erste Zeuge, hat ausgesagt, und der Kriminaloberrat hat erzählt, was man erwartet von einem, der versucht hat, die größte Mordserie der deutschen Nachkriegszeit aufzuklären. Schmidt leitete die Soko „Kardio“ im Fall Högel, knapp drei Jahre Ermittlungsarbeit, über hundert vernommene Zeugen, noch mehr exhumierte Leichen. Davon berichtet Schmidt vor Gericht, von den ganzen Herausforderungen, die einem begegnen, wenn man einem Mann näherkommen will und seinen Morden, die jede Dimension sprengen.

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Und gerade als man denkt, Schmidt wäre fertig nach gut zwei Stunden Monolog und zig an die Wände geworfenen Todesstatistiken in allen denkbaren Darstellungsformen, setzt er sich über die Mittagspläne des Gerichts hinweg und beginnt, das Psychogramm eines Mörders mit einem zweifelhaften Verhältnis zur Wahrheit zu entwerfen.

Nach über 30 Stunden, die er in persönlichen Gesprächen mit ihm zugebracht habe, könne er sagen, Högel sei ein notorischer Lügner, ein Taktiker. Von Beginn an habe der ehemalige Pfleger seine Aussagen „geplant und inszeniert“, sagt Schmidt. „Was nicht zu beweisen ist, das gibt er auch nicht zu.“ Schmidt, 48, ein Typ, der Jeans zum Sakko trägt, spricht ruhig, in klaren Sätzen, mit sanfter Stimme. Auch wenn er nicht so klingt, wirkt es nun, als rede er sich in Rage.

Arzt gab Pflegern Passwort zur Bestellung der tödlichen Herzmittel

Schmidt kritisiert das Klinikum Delmenhorst, wo Högel seine Patienten auch deshalb so ungestört zu Tode spritzen konnte, weil der erhöhte Verbrauch von billigen Medikamenten niemanden störte. Er erzählt von einem Arzt, der Pflegern das Passwort zur Bestellung der tödlichen Herzmittel verriet. Und er sagt, er sei überzeugt, dass Högel „genau überlegt, was er tun muss, um glaubwürdig zu wirken“. Der Angeklagte wisse, dass er weder alle Taten einräumen noch abstreiten könne. „Er hat sich einen gut abgestimmten Mix zurechtgelegt.“ Bislang hat Högel 43 Fälle gestanden, fünf Taten bestreitet er. An 52 Morde will er sich nicht erinnern können.

Högel habe stets versucht, alle Taten zunächst zu leugnen, sagt Schmidt. Er habe etwa beim Leben seiner Tochter geschworen, in Oldenburg keine Taten begangen zu haben. Inzwischen hat er viele Morde auf der Intensivstation 211 gestanden. Wenn Högel merke, dass er einen Vorwurf nicht mehr bestreiten könne, „dann flüchtet er sich in die Erinnerungslosigkeit, erzählt von einem benebelten Zustand, Alkohol und Tabletten“.

Dabei, sagt Schmidt, hätten ihn seine Kollegen als zupackend erlebt, immer bei der Sache, nicht wie jemand, der neben sich steht. Sobald die Sache mit dem Rausch nicht mehr helfe, gestehe er die Morde, meist erst, „wenn ein Abstreiten nur noch bockig aufgefasst werden würde“.

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Am Ende, sagt Schmidt, in seiner letzten Zeit auf der Delmenhorster Intensivstation, „da ging es Högel nur noch ums Töten“. Bestimmt habe er seine Patienten anfangs zu Tode gespritzt, um bei der Reanimation bewundert zu werden, als Held dazustehen. Aber später? Kaum vorstellbar, sagt Schmidt. Schließlich wählte Högel auch schwerkranke Patienten aus, bei denen klar war, sie würden nicht überleben, wenn er ihnen ein überdosiertes Herzmittel spritzen würde. „Und gefeiert wurde er irgendwann auch von niemanden mehr.“

"Niels Högel lebt vom Narzissmus"

Warum also das alles? Warum diese Mordserie, das Leugnen, immer nur Bruchteile der Wahrheit, nie das ganze Bild? „Niels Högel lebt vom Narzissmus“, sagt Schmidt. Früher habe er seine Macht im Krankenhaus ausgespielt, als Herr über Leben und Tod. Jetzt, im Gericht, nutze er seine Machtposition erneut aus, diesmal gehe es um die Aufklärung der Fälle, um Lüge und Wahrheit. „Er macht die Angehörigen ein zweites Mal zu seinen Opfern“, sagt Schmidt.

Es fehle Högel an Empathie, nach wie vor. In flüchtigen Randbemerkungen habe sich gespiegelt, wie egal ihm die Schicksale hinter den Morden sind, die er nur kühl Manipulationen nennt. Vor Gericht habe er einmal von seiner „freudigen Erwartungshaltung“ vor Taten berichtet, in einem Verhör habe er einen Toten wegen dessen Körperfülle als „quadratisch, praktisch, gut“ verspottet.

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Fast drei Jahre hat Arne Schmidt ermittelt, und jetzt wirkt es so, als er rechne mit allen ab, die ihm diese Arbeit erschwert haben. Irgendwann in der Mitte seines Monologs erzählt er, das Oldenburger Klinikpersonal habe sich in den Vernehmungen, begleitet von Anwälten, kollektiv kaum erinnern können.

Dabei sollte sich später in internen Protokollen zeigen, dass das Wissen über all die Ungereimtheiten größer gewesen ist. Und auch Högels Aufklärungswille sei bloß vorgeschoben, Einsicht zeige er ja bis heute nicht.

Weiterhin ist unklar, ob Högel auch im Altenheim bei Wilhelmshaven mordete, oder während seiner Zeit beim Rettungsdienst in Ganderkesee. „Es gibt noch immer Lücken“, sagt Schmidt, „manche werden wohl bleiben.“

++ Dieser Artikel wurde um 21.02 Uhr aktualisiert. ++

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