Harald Vogel spornt die Orgel von St. Willehadi zu Höchstleistungen an Ein Musikrausch mit 200 Pfeifen

Osterholz-Scharmbeck. So hätte es sein können: Der Orgellehrer Georg Böhm und sein Schüler Johann Sebastian Bach spornen abwechselnd die Königin der Instrumente zu Höchstleistungen an. Derweil die Orgelbaumeister Arp Schnitger und Erasmus Bielefeldt auf der Empore der Kirche St. Willehadi sitzen und den mächtigen Klängen mit Wohlgefallen lauschen. Am Freitag ließ der Gründer der Norddeutschen Orgelakademie und Professor der Bremer Hochschule für Künste, Harald Vogel, die Kunst der beiden Barockmusiker aufleben. Auf dem Instrument, das Bielefeldt in Anlehnung an seinen Lehrmeister Schnitger erbaut hatte.
07.09.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Klaus Grunewald

Osterholz-Scharmbeck. So hätte es sein können: Der Orgellehrer Georg Böhm und sein Schüler Johann Sebastian Bach spornen abwechselnd die Königin der Instrumente zu Höchstleistungen an. Derweil die Orgelbaumeister Arp Schnitger und Erasmus Bielefeldt auf der Empore der Kirche St. Willehadi sitzen und den mächtigen Klängen mit Wohlgefallen lauschen. Am Freitag ließ der Gründer der Norddeutschen Orgelakademie und Professor der Bremer Hochschule für Künste, Harald Vogel, die Kunst der beiden Barockmusiker aufleben. Auf dem Instrument, das Bielefeldt in Anlehnung an seinen Lehrmeister Schnitger erbaut hatte.

In der ältesten Kirche der Region - die noch erhaltenen Turmmauern datieren aus dem Jahre 1150 - sollte das 2. Arp-Schnitger-Festival im Rahmen des 22. Bremer Musikfestes ein Ohrenschmaus für Liebhaber der Barockmusik werden. Arp Schnitger (1648-1719) stammt aus der Wesermarsch und ist der wohl bedeutendste Orgelbauer des Barocks. Das Festival versteht sich denn auch als Initiative, seine noch in ganz Europa und Brasilien erhaltenen Instrumente an seinem 300. Todestag im Jahre 2019 in die Welterbeliste der UNESCO (United Nations Educational, Scientific an Cultural Organisation / Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur) aufzunehmen.

Ein besonderer Impuls kommt jetzt aus Osterholz-Scharmbeck. Rund 200 Besucher, auch aus der Hansestadt und dem Umland angereist, dürften jedenfalls nach dem anderthalbstündigen musikalischen Leckerbissen an historischer Stätte - der Bremer Bischof Ansgar ließ hier im Jahre 850 eine erste Holzkirche errichten - überzeugte Werbeträger geworden sein. Wofür vor allem der Organist, Organologe, Herausgeber Alter Musik und Gründer der Norddeutschen Orgelakademie, Harald Vogel, sorgte. Der 70-Jährige ist ein Meister der alten Spielweise auf den historischen Instrumenten. Was er in St. Willehadi einmal mehr bewies.

Doch bevor er das mächtige Instrument mit seinen fast 200 zwischen vier Meter und einem Zentimeter langen Pfeifen zur Hochleistung anstachelte, erläuterte er das Thema des Abends: "Georg Böhm und der junge Bach". Vor 350 Jahren, am 2. September 1661 (gestorben am 18. Mai 1733), erblickte der wichtigste Orgellehrer des großen Johann Sebastian Bach (1685-1750) das Licht der Welt. Zwei Jahre lang, von 1700 bis 1702, brachte der gebürtige Thüringer Böhm dem gebürtigen Thüringer Bach in der Lüneburger Johanniskirche die Orgeltöne bei. So gut und spannend, dass Bach sogar seine Lateinstudien vernachlässigte. "Zum Glück für die Nachwelt", wie Vogel schmunzelnd feststellte. Um dann hören zu lassen, was der junge Bach von Böhm lernte und wie er sich von ihm emanzipierte, um sich später zum bedeutsamsten Orgel- und Klaviervirtuosen des Barocks zu entwickeln.

Das Präludium in d-Moll von Böhm und die Toccata in C-Dur von Bach zeigen zum Beispiel den gleichen vierteiligen Aufbau. Vogel sprach von einem "Vollen Werk" Böhms, das zu den eindrucksvollsten Besonderheiten des barocken norddeutschen Orgelstils gehört. In Bachs Toccata ließ Vogel indes eine ganz andere Harmonik hören. Neben den auffälligen Parallelen, so der Bremer Orgelwissenschaftler, sei das Bestreben des jungen Bach zu spüren, seinen Lehrer in der virtuosen Spielweise zu übertreffen.

Vorbildlich blieb für Bach hingegen das von Böhm erfundene Choraltrio. Eine besondere Form der Orgelmusik mit drei Stimmen, die auf zwei Manualen und einem Pedal gespielt werden. Vor Böhm, so Harald Vogel, gebe es dafür keine vergleichbaren Beispiele hinsichtlich der melodischen und harmonischen Eleganz.

Die das sachkundige Publikum am Freitagabend auch deshalb begeisterte, weil die Willehadi-Orgel nach Vogels Worten ein geradezu ideales Instrument für das Programm "Georg Böhm und der junge Bach" sei. Gebaut von dem Schnitger-Erben Erasmus Bielefeldt in den Jahren 1731 bis 1734. Da hatte der wohl berühmteste Orgelbauer seiner Zeit, der schon 1648 eine kleine Orgel für St. Willehadi konzipierte, das Zeitliche zwar längst gesegnet. Doch unter den Händen von Bielefeldt entstand die so typische Schnitger-Orgel mit den rauschenden Mixturen und starken Bässen, von denen der Mann aus der Wesermarsch in Nordeuropa mehr als 100 baute.

Erasmus Bielefeldt aber, der von 1712 bis 1714 am Umbau der Orgel in der Lüneburger Johanniskirche mitwirkte, arbeitete zu der Zeit eng zusammen mit dem dortigen Organisten namens Georg Böhm. So schloss sich am Freitagabend in St. Willehadi der Kreis exakt am Tag der Geburt des Komponisten und Bachlehrers vor 350 Jahren.

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