Prozess gegen Niels Högel

Ein Richter zwischen Witz und Wut

Im Verfahren gegen Niels Högel sperrt sich Sebastian Bührmann gegen eine emotionale Routine am Richterpult. An Prozesstag 14 ist er zu Scherzen aufgelegt, ehe er einen weiteren Zeugen vereidigt.
07.03.2019, 22:01
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Ein Richter zwischen Witz und Wut
Von Nico Schnurr
Ein Richter zwischen Witz und Wut

Im Prozess gegen Niels Högel zweifelt Richter Sebastian Bührmann erneut Zeugenaussagen an.

Assanimoghaddam /dpa

Manchmal hilft ein Scherz. Wenn er das Gefühl hat, die Last von hundert Schicksalen liegt schwer wie Blei über dem Festsaal der Weser-Ems-Halle, die Zeugen stocken, die Hinterbliebenen sinken noch ein Stück tiefer auf ihren Stühlen, dann streut der Richter einen Spaß ein.

Donnerstagvormittag, Prozesstag 14 im Verfahren gegen den ehemaligen Krankenpfleger Niels Högel. Es geht um hundert Patientenmorde, die größte Mordserie der deutschen Nachkriegsgeschichte, und durch den Saal hallt Lachen. Am Zeugentisch, rechts hinten auf den voll besetzten Zuschauerreihen, daneben auf den Journalistenplätzen, auch weiter vorne bei den Hinterbliebenen und ihren Anwälten: überall Gelächter. Es wird geprustet und gegluckst. Sebastian Bührmann hat mal wieder einen Witz gerissen.

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Vor dem Richter sitzt Heinz-Joachim G., 67 Jahre alt, ein ehemaliger Kollege von Högel am Klinikum Delmenhorst. Er hat gerade von einer Episode aus dem Jahr 2003 berichtet. Högel ist damals noch nicht lange auf der Delmenhorster Intensivstation, als er hört, dass sein Kollege G. ein gebrauchtes Auto für dessen Schwager sucht. Billig soll der Wagen sein, ein Einsteigermodell, Marke: Hauptsache, der fährt noch. Zufällig hat Högel einen von der Sorte übrig. Also bietet er seinem Kollegen den Wagen an. Zum Freundschaftspreis, für 50 Euro.

Plötzlich herrscht Heiterkeit

„Für wie viel Euro? Für 50?“, fragt Bührmann. „Und da waren wirklich noch vier Räder dran, ganz sicher?“ Plötzlich herrscht Heiterkeit im Saal. Und der Zeuge, der sich gerade noch zu Todesfällen in seinen Diensten mit Högel geäußert hat, erzählt jetzt von der chaotischen Rückbank des Wagens. Leere Cola-Flaschen auf den Sitzen, auf dem Boden, Plastik überall. „Niels hat das Auto unaufgeräumt übergeben. Mein Schwager hat dann das ganze Leergut weggebracht. 30 Euro.“ Der Richter staunt und sagt: „Da war das Auto ja fast umsonst.“ Und wieder: Gelächter.

Seit vier Monaten wird nun schon in der Oldenburger Mehrzweckhalle über Niels Högels monströse Mordserie verhandelt. Bührmann hat dabei nie versucht, eine Dauerbetroffenheit aufzusetzen. Er will die Schwere des Verfahrens nicht demonstrativ vor sich hertragen. Bührmann sperrt sich gegen eine emotionale Routine am Richterpult. Seine Stimmung schwankt. Und er ist kein Richter, der sich nicht in die Karten schauen lässt. Offenes Visier. Mal scherzt er, wenn ihm danach ist. Mal hadert er, mal ärgert er sich. Immer stellt er das aus. Auch am Donnerstag liegt zwischen Witz und Wut nur die Mittagspause.

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Am Vormittag, als das Delmenhorster Klinikpersonal aussagt, gibt sich Bührmann verständnisvoll. Er begrüßt die Zeugen mit Sätzen wie: „Das ist sicher erst einmal ungewohnt: Die große Halle, das eigene Gesicht auf den Bildschirmen, schauen Sie einfach mich an.“ Bührmann scherzt und plaudert und er gesteht den Zeugen Erinnerungslücken zu. Denn er spürt, wie sehr sie sich mühen. Angela B. etwa berichtet, wie sich etwa ab 2004 mehrere Kollegen geweigert hätten, Nachtschichten mit Högel zu schieben. Wie sie aufgepasst hätten, dass sich der Pfleger nicht um ihre Patienten kümmert. „Es war klar: Da stimmt etwas nicht, irgendetwas ist komisch.“ Zu Högel hätten die Pfleger gesagt: „Du hast eine schlechte Aura.“ Bührmann nickt wohlwollend. Am Nachmittag ist das anders.

Oldenburger Amnesie

Ludger W., 51 Jahre alt, wird von einem Anwalt in den Saal begleitet. Über Jahre hat der rundliche Mann mit gerötetem Gesicht auf der Intensivstation des Klinikums Oldenburg gearbeitet. Zusammen mit Högel. Doch wie bei so vielen Oldenburger Zeugen herrscht auch bei ihm Amnesie. Er will sich an nichts erinnern können. Nicht mal mehr an das, was er der Polizei vor vier Jahren gesagt hat. Ludger W. sitzt erst ein paar Minuten ahnungslos vor dem Richter, da ist schon klar: Er wird der achte Zeuge in diesem Prozess sein, den Bührmann vereidigt.

Eine Weile hört der Richter zu, dann verliert er die Geduld. Er fragt den Krankenpfleger etwas zu den hohen Kaliumwerten bei Patienten während Högels Diensten. Als Ludger W. ansetzt, um Allgemeinplätze aneinanderzureihen, ruft der Richter: „Warten Sie! Ich kann ihre Antwort jetzt schon sagen.“ Dann betet Bührmann ein Best-of der Beliebigkeiten herunter, die er zuletzt von anderen Zeugen auf diese Frage gehört hat. Der Richter legt die Stirn in Falten. Für einen Moment wirkt es fast so, als wolle er Ludger W. vorführen.

Dann unterbricht ihn der Anwalt. „Wenn Sie jetzt Ihre Wut auf meinen Mandanten projizieren, haben wir ein Problem.“ Aber Bührmann ist kaum zu beruhigen. „Wir haben heute drei Pfleger aus Delmenhorst gehört“, sagt er. „Die haben auch Schwierigkeiten, sich zu erinnern. Aber bei denen klingt das immer anders.“ Bührmann zweifelt, und ihn stört nicht, wenn die anderen das spüren. Das gehört zum Konzept. Und trotzdem: keine Chance. Die Erinnerung von Ludger W. kommt nicht wieder zurück.

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