Pflegestelle für behinderte Tiere Ein Rollstuhl aus Amerika

Die Tiere sind traumatisiert oder versehrt. Wie es dazu kam, ist nicht immer klar. Nur, dass geholfen werden muss, wissen Angelika und Udo Rauch. Deshalb pflegen sie behinderte Katzen und Hunde.
14.08.2018, 07:00
Lesedauer: 4 Min
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Ein Rollstuhl aus Amerika
Von Barbara Wenke

Kaum hat die Türklingel geläutet, sind Paula und Hedwig auf den Beinen. Die beiden Hundedamen begrüßen jeden Besucher stürmisch. Die kleine Havaneserin Gina würde es ihren beiden Artgenossinnen gerne gleichtun, doch sie muss bei Angelika Rauch auf dem Arm bleiben. Nicht, weil sie beißen würde. Gina ist aufgeschlossen und freundlich. Doch Gina kann nicht laufen. Nur robben. Und selbst das ist schon mehr als das, was Gina konnte, als sie zu Angelika und Udo Rauch kam.

Eine offiziell anerkannte Pflegestelle für behinderte Tiere sei ihr Haus nicht, räumt Udo Rauch ein. Aber sie hätten jahrelang mit dem Tierschutzverein Wesermarsch zusammengearbeitet, pflegten für den Verein insbesondere Katzen. Hatte sich der Gesundheitszustand der Tiere verbessert, vermittelten die Neuenhuntorfer die Vierbeiner in neue Familien. Bis zu ihrem Bruch mit dem Schutzverein wegen finanzieller Differenzen haben Angelika und Udo Rauch rund zehn Katzen gepflegt und vermittelt. Seit Oktober 2016 machen die beiden in Eigenregie weiter.

Zwei Schützlinge stammen noch aus der Zusammenarbeit mit dem Tierschutzverein, sagt Udo Rauch. Zum Beispiel Mariechen. Das schwarz-weiße Kätzchen steht unter dem Küchentisch und beobachtet den Besucher. Und zuckt. Die Katze zuckt unablässig. Mariechen leidet unter Ataxie, einer Koordinationsstörung der Muskeln.

"Die hat uns der Tierschutzverein gebracht. Mariechen sollte eingeschläfert werden", erinnert sich Angelika Rauch. Mit Milch und Wärmekissen haben ihr Mann und sie den kleinen Vierbeiner aufgepäppelt. Stehen und langsames Gehen geht bereits wieder. Doch leidet Mariechen immer noch unter epileptischen Anfällen.

Pocke ist ein weiterer Pflegefall, um den sich die Neuenhuntorfer kümmern. "Als sie uns zugelaufen ist, hatte sie eine eiternde Wunde mitten am Kopf", erinnert sich Angelika Rauch. Noch heute thront ein dickes Horn mitten auf der Stirn der schwarzen Katze.

Mit Elli und Tiger leben zwei weitere Katzen im Haushalt der Rauchs. Diese beiden bekommt allerdings kaum ein Besucher je zu Gesicht. "Elli ist traumatisiert", sagt Udo Rauch. Warum, das hat seine Frau in Erfahrung gebracht: "Die früheren Eigentümer haben Elli zur Jagdhundausbildung genommen. Die wurde mit einem Hund in einen Raum gesperrt und dann durfte der Hund üben."

Auch Tiger sei "total verängstigt" gewesen, als der Tierschutzverein Wesermarsch ihn zu Rauchs in Pflege gab. Über seine Vorgeschichte wissen die Tierfreunde allerdings nicht Bescheid.

Zurück zu Gina: Die kleine Havaneserin scheint sich auf Angelika Rauchs Arm wohlzufühlen. "Gina ist unser ewiges Baby", sagt die Hundetrainerin, während sie das Fellknäuel liebevoll streichelt. Die Gelenke in den Vorderbeinen der kleinen, vermutlich zwei Jahre alten Hündin sind zertrümmert, beschreibt Angelika Rauch Ginas Verletzung. "Sie kann nur robben und springen. Dadurch verschieben sich ihre Unterarme aber immer weiter in die Oberarme", berichtet Rauch. "Sie muss einen schweren Unfall gehabt haben."

Entdeckt haben die Tierliebhaber Gina im Tierheim in Oldenburg. "Als wir sie bekamen, mochte Gina noch nicht einmal auf dem Bauch liegen. Die lag immer auf der Seite und hat den Kopf gedreht, wenn sie etwas trinken oder fressen wollte", erinnert sich Udo Rauch. Selbst eine flache Untertasse sei damals fast ein unüberwindliches Hindernis für den kleinen Hund gewesen. Das Neuenhuntorfer Ehepaar hat Anzeige bei der Staatsanwaltschaft Oldenburg erstattet. Viel Hoffnung, dass der Verursacher von Ginas Leiden gefunden wird, hegen die Tierpfleger allerdings nicht.

Mittlerweile lebt Gina wieder auf. Über eine Spendeaktion haben Angelika und Udo Rauch Geld gesammelt und der kleinen Havaneserin in den USA für rund 700 Euro einen Spezialrollstuhl anfertigen lassen. "In Deutschland gibt es keine Vorderradrollis, die so klein sind", begründet Rauch.

Dem Hund scheint die Konstruktion zu gefallen. Willig lässt sich Gina von Angelika Rauch ein gestreiftes Babyhemdchen überstreifen. "Wenn sie nichts anhat, verfangen sich die Gurte in den Haaren", erzählt Rauch, während sie die letzte Schnalle befestigt. Die braunen Knopfaugen der kleinen Hündin unterhalb der rosafarbenen Haarspange leuchten erwartungsvoll.

Kaum ist der Rollstuhl fest und der Hund zu Boden gelassen, stürmt die Havaneserin los. Die kurzen Vorderbeine, die keinen Kontakt zum Boden haben, bewegen sich zum Takt der Hinterläufe. Damit die Hinterbeine nicht zu sehr unter der neuen Belastung leiden, erhält Gina regelmäßig Krankengymnastik. "Wir machen ständig Physiotherapie", berichtet Angelika Rauch.

Bei ihrem Ausflug ins Freie rennt Gina mit Hedwig um die Wette. Die zweite Havaneserin im Rauch'schen Haushalt wirkt unbehindert. Doch auch ihr gilt Angelika Rauchs spezielles Augenmerk. "Hedwig kann nicht riechen. Wenn wir ihr das Fressen nicht direkt vor die Nase stellen würden, würde sie es nicht finden", erzählt die Pflegerin. "Andererseits muss man aufpassen, dass sie nichts Falsches aufnimmt, weil sie nicht riechen kann."

Für viele aufgepäppelte Katzen haben die Neuenhuntorfer ein neues Zuhause gefunden. Die behinderten Tiere bleiben hingegen in dem Reetdachhaus mit kleinem Garten. Freuen würden sich Angelika und Udo Rauch über Tierliebhaber, die Futter- oder Tierarztpatenschaften für die behinderten Vierbeiner übernehmen möchten. Kontakt zu den Neuenhuntorfern gibt es über das Internet. Angelika und Udo Rauch haben unter der Adresse www.havaneser-und-andere-felle.de ein Forum eingerichtet.

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