Der Fall Niels Högel Eine Chronik: Von den Anfängen des Serienmörders bis zum aktuellen Prozess

An diesem Dienstag startet der große Prozess um die Krankenhausmorde von Niels Högel. Die umfangreiche Chronik zeigt die Anfänge des Serienmörders bis heute.
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Eine Chronik: Von den Anfängen des Serienmörders bis zum aktuellen Prozess
Von Andreas D. Becker

Niels Högel wird am 30. Dezember 1976 in Wilhelmshaven geboren: als Sohn eines Krankenpflegers am ehemaligen St.-Willehad-Hospitals in Wilhelmshaven und einer Rechtsanwalts- und Notariatsangestellten. Seine vier Jahre ältere Schwester ist Zahnarzthelferin.


1. September 1994 bis 30. August 1997: Dreijährige Ausbildung zum Krankenpfleger am katholischen Krankenhaus St. Willehad in Wilhelmshaven, an dem auch sein Vater als Krankenpfleger, vorwiegend im Nachtdienst, arbeitet.


1. September 1997 bis 15. Juni 1999: Högel arbeitet als Pfleger auf der chirurgischen Station von St. Willehad. Die Staatsanwaltschaft Oldenburg und die Sonderkommission (Soko) „Kardio“ teilen am 3. Dezember 2014 mit, dass sie Högels Zeit in St. Willehad von 1996 bis 1999 auf Auffälligkeiten untersuchen; sie werden aber wohl keine Hinweise auf eine Straftat finden.


15. Juni 1999 bis 9. Dezember 2001: Högel arbeitet als Pfleger auf der herzchirurgischen Intensivstation des Klinikums Oldenburg.


7. Februar 2000: Die Ermittler gehen mittlerweile davon aus, dass Högel im Klinikum Oldenburg seinen ersten Mord begeht, an Elisabeth S. Er verwendet das Mittel Xylocain.


August 2001: Auf der herzchirurgischen Intensivstation fällt auf, dass mehr Patienten als sonst sterben. Zudem weisen die Verstorbenen ungewöhnlich hohe Kaliumwerte auf. Es gibt eine Dienstbesprechung, mit Ärzten und Pflegern, auch Högel nimmt angeblich daran teil. Es wird eine Statistik geführt: Sie zeigt, dass 58 Prozent der Todesfälle zu Högels Dienstzeiten passieren. Ebenfalls wurde Buch geführt, wer vom Personal bei Reanimationen dabei ist. Högel steht mit Abstand am häufigsten auf der Liste. Die Geschäftsleitung des Klinikums Oldenburg wird darüber informiert. Högel meldete sich drei Woche krank, aus Angst, aufzufliegen. In diesen drei Wochen sterben lediglich zwei Patienten auf der Station.


13. bis 16. September 2001: Högel kehrt in den Dienst zurück, absolviert drei Nachtschichten am Stück. An diesen drei Tagen müssen allein fünf Patienten insgesamt 14 mal reanimiert werden. Bernhard B. stirbt am Freitag um 21.30 Uhr, Johann L. am Sonnabend um 1.30 Uhr und in der folgenden Nacht Carl C., die beiden anderen Patienten versterben einige Tage später. Bei den drei Patienten, die während Högels Dienstzeit starben, wird durch die Ermittler der Soko „Kardio“ Gilurytmal nachgewiesen.

29. November 2001: Högel stellt einen Antrag auf Versetzung innerhalb des Klinikums Oldenburg.


10. Dezember 2001 bis 14. Dezember 2002: Högel arbeitet als Pfleger in der Anästhesie im Klinikum Oldenburg.


2. September 2002: Högel wird der Kontakt zu Patienten untersagt. Es gibt ein Vieraugengespräch mit Anästhesie-Chefarzt Andreas Weyland. Er bietet Högel zwei Möglichkeiten an: Bei vollen Bezügen in den Hol- und Bringdienst zu wechseln. Oder das Klinikum Oldenburg zu verlassen – er würde sofort freigestellt und ein Vierteljahr weiter volle Bezüge erhalten, zudem soll Högel ein gutes Zeugnis ausgestellt werden.


23. September 2002: Högel wird am Klinikum Oldenburg bei vollen Bezügen für die kommenden drei Monate freigestellt.


3. Oktober 2002: Högel kündigt zum 31. Dezember des Jahres am Klinikum Oldenburg.


10. Oktober 2002: Högel bekommt ein gutes Arbeitszeugnis ausgestellt. Darin heißt es: Er habe „umsichtig, gewissenhaft und selbständig“ gearbeitet, er habe in „kritischen Situationen […] überlegt und sachlich richtig“ gehandelt. Sein Umgang mit Patienten und Angehörigen sei „einfühlsam und fürsorglich“ gewesen. Die ihm übertragenen Aufgaben habe er zur „vollsten Zufriedenheit“ erledigt; er sei aufgrund „seiner Einsatzbereitschaft und seines kooperativen Verhaltens im Mitarbeiterkreis und bei Vorgesetzten beliebt und geschätzt“ gewesen, er verlasse das Haus „auf eigenen Wunsch“.


15. Dezember 2002: Högels erster Arbeitstag auf der Intensivstation der chirurgischen Abteilung der Städtischen Kliniken Delmenhorst. Nebenberuflich fährt er Einsätze im Rettungsdienst in Ganderkesee beim Roten Kreuz.


22. Dezember 2002: Högel soll laut späteren Ermittlungen der Polizei zum ersten Mal einem Patienten in Delmenhorst Gilurytmal gespritzt haben: Johann W. Im zweiten Prozess vor dem Landgericht Oldenburg 2014/2015 hat Högel ausgesagt, dass Brigitte A. am 28. März 2003 die erste Patientin war, die er in eine reanimationspflichtige Krise spritzen wollte.


Frühjahr 2003: Högel lernt seine spätere Frau, eine Kollegin, kennen. Er bezeichnete sie einem Psychiater gegenüber als emotionalen Rettungsanker, als eine Insel des Wohlfühlens. Die beiden ziehen schon bald darauf in Ganderkesee zusammen.


28. März 2003: Brigitte A. stirbt um 2.39 Uhr durch die Hand von Högel, für diese Tat wird er 2015 rechtskräftig wegen Mordes verurteilt. Am Abend zuvor hatte ihre Tochter Kathrin Lohmann im Krankenhaus angerufen. Ihrer Mutter gehe es gut, wurde ihr gesagt. Sie befand sich seit Kurzem auf dem Wege der Besserung. Kathrin Lohmann wird später viele Jahre dafür kämpfen, dass auch der Fall ihrer Mutter und der anderer Patienten von den Strafverfolgungsbehörden untersucht wird.


30. März 2003: Högel ist in einen Unfall auf der Autobahn verwickelt, sein Wagen überschlägt sich. Im Anschluss entwickelt er Panikattacken und Vermeidungsverhalten. Er versucht zum Beispiel, möglichst nicht über Autobahnen zu fahren.


22. September 2003: Hans S. stirbt um 2.25 Uhr, aber nicht unmittelbar nachdem Högel ihm Gilurytmal gespritzt hatte. S. wird zuerst wiederbelebt, verstirbt aber kurz darauf. Unklar bleibt, ob es eine Folgewirkung der Gilurytmal-Gabe ist oder auf die Erkrankung zurückzuführen ist. Im Urteil 2015 wird dieser Fall als gefährliche Körperverletzung gewertet. S. ist der Großvater von Christian Marbach, Sprecher der Högel-Opfer.


2. April 2004: Högel heiratet in Ganderkesee.

13. April 2004: Arzneimittelkonferenz in Delmenhorst: Die Bestellungen des nur noch sehr selten verwendeten Medikaments Gilurytmal sind signifikant gestiegen. Weil es bislang per Sonderanforderung aufwendig bestellt wird, beschließt die Konferenzrunde, an der Chefärzte des Klinikums Delmenhorst teilnehmen und auch der pflegerischer Leiter der Intensivstation Dirk F., Gilurytmal zukünftig als Standardmedikament zu listen. Das erleichtert die Bestellungen erheblich.


Frühsommer 2004: Högels Tochter wird geboren. Es ist, so wie Högel es später einem Psychiater erzählt, eine schwierige Geburt, das Kind steckt im Geburtskanal fest, der Herzschlag verlangsamt sich – doch die Kleine wird gesund geboren. Högels Frau muss ebenfalls stabilisiert werden, weil sie bei der Geburt viel Blut verliert. Das Ereignis belastet Högel schwer. Seine Frau leidet danach unter einer postnatalen Depression, schreiben Karl H. Beine und Jeanne Turczynski in ihrem Buch „Tatort Krankenhaus“.


11. Juni 2004: Christoph K. stirbt um 22.33 Uhr durch die Hand von Högel. Der zweite Mord, für den Högel 2015 verurteilt wird.

Dezember 2004: Högel will eine weitere Patientin in eine lebensbedrohliche Krise bringen. Marga G. öffnet überraschend ihre Augen, sieht den Pfleger, bevor es ihr schlechter geht. Am nächsten Tag wird sie einem der nun angeklagten Oberärzte erzählen, dass jemand an ihr herummanipuliert habe. Sie kann sich an die dunklen Haare erinnern, an das „Blumenkohlohr“. Högel bestreitet die Vorwürfe, spricht sogar mit der Patientin, dass sie sich geirrt haben müsse, er dürfe doch so etwas gar nicht tun. Auch die Polizei verhört Högel wegen des Vorfalls.


5. April 2005: Gesine B. stirbt um 14.07 Uhr – wieder ist nicht klar, ob durch Högel. Er hat ihr Gilurytmal gespritzt, aber eine Reanimation war nicht nötig. Ein direkter Zusammenhang konnte vom Gericht nicht gesehen werden, in diesem Fall wurde er für versuchten Mord in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung verurteilt.


9./10. Mai 2005:
Zwei Kollegen Högels finden in einem Patientenzimmer im Mülleimer leere Gilurytmal-Ampullen. Spätestens da hätten die beiden wissen können, dass Högel Patienten Schaden zufügt und sie teils tötet, sagt die Staatsanwaltschaft später.


23. Mai 2005: Die beiden Kollegen melden dem Stationsleiter Dirk F. ihren Fund und ihren Verdacht. Vorher war F. im Urlaub gewesen. Nichts geschieht.


1. Juni 2005: Josef Z. stirbt um 4.25 Uhr. Wieder scheint die Gilurytmal-Spritze keine Wirkung zu zeigen. Der Patient verstirbt nach Ansicht des Gerichts an seiner Krankheit. Högel wird für diese Tat 2015 wegen versuchten Mordes in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung verurteilt.


22. Juni 2005: Gegen 13.30 Uhr betritt Högel das Patientenzimmer von Dieter M. Er spritzt ihm überdosiert Gilurytmal. Gegen 14 Uhr betritt Högel erneut das Krankenzimmer, weil der Patient auf das Gilurytmal nicht reagiert hat. Er stellt den Perfusor aus, das kreislaufstabilisierende Medikament Arterenol wird nicht mehr verabreicht. Högel wird quasi auf frischer Tat ertappt. Die für den Patienten zuständige Schwester Renate T. nimmt eine Blutprobe, informiert den Stationspflegeleiter Dirk F. und sieht in der Stationsapotheke nach und stellt fest, dass dort Gilurytmal fehlt. Ihr Kollege Stephan H. stellt im Mülleimer des Stationszimmers vier leeren Ampullen sicher.


23. Juni 2005: Der Krebspatient Dieter M. stirbt auf der Intensivstation des Klinikums Delmenhorst, 29 Stunden nachdem er von Högel Gilurytmal injiziert bekam. Das Krankenhaus erstattet später Strafanzeige: wegen gefährlicher Körperverletzung.


24. Juni 2005: 15 Uhr, Dienstbesprechung: Die Blutergebnisse von Dieter M. liegen vor, es wurde das nicht ärztlich verordnete Gilurytmal nachgewiesen. Die Delmenhorster entschließen sich, erst einmal abzuwarten. Nach Schichtende würde Högel in den Urlaub gehen, dann sehe man weiter. 19 Uhr: Högel gesteht Jahre später, seine letzte Patientin, Renate R., ermordet zu haben. Dieses Mal nutzt er das Medikament Sotalex.


1. Juli 2005: Högels Spind wird geöffnet. Unter anderem wird gefunden: diverse Herzmedikamente wie der Betablocker Sotalex, den Högel nachweislich als Tatwaffe verwendete. Klinikum-Anwalt Erich Joester berichtet zudem von mehreren Flachmännern mit Wodka, Högel hatte wohl ein Alkoholproblem.


5. Juli 2005: Laut offiziellen Akten wird ein Ermittlungsverfahren eröffnet. Eine Obduktion von Dieter M. wird angeordnet, ein Durchsuchungsbefehl für Högels Wohnung beantragt.


7. Juli 2005: Die Polizei durchsucht die Wohnung von Högel und findet unter anderem einen mit diversen Medikamenten bestückten Rettungskoffer.


8. Juli 2005: Aufgrund eines Haftbefehls des Amtsgerichtes Delmenhorst sitzt Högel in der Justizvollzugsanstalt Oldenburg in Untersuchungshaft. Das Klinikum Delmenhorst beendet das Beschäftigungsverhältnis mit ihm.


21. September 2005: Högel wird mit der Auflage, sich ein Mal wöchentlich bei der Polizei zu melden, aus der Untersuchungshaft entlassen.


3. Februar 2006: Die Staatsanwaltschaft Oldenburg erhebt im Fall Dieter M. Anklage wegen versuchten Mordes in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung gegen Högel.


6. Oktober 2006: Prozessauftakt vor dem Landgericht Oldenburg.


22. Dezember 2006: Högel wird vom Landgericht Oldenburg wegen versuchten Totschlags in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung zu fünf Jahren Haft verurteilt. Zudem verhängt das Gericht ein fünfjähriges Berufsverbot. Högel bleibt bis Mai 2009 auf freiem Fuß, weil das Urteil nicht rechtskräftig wird. Er und die Familie von Dieter M. legen Revision ein.


18. Oktober 2007: Der Bundesgerichtshof (BGH) hebt das Urteil gegen Högel auf (mit Ausnahme der Feststellung des Tatgeschehens) und verweist den Fall ans Landgericht Oldenburg zurück. Das Gericht hat nach Ansicht der Bundesrichter im ersten Verfahren das Motiv Högels offensichtlich nicht genügend erforscht, das muss nun nachgeholt werden. Der Tötungsvorsatz ist laut BGH nicht rechtsfehlerfrei festgestellt, auch sei das Mordmerkmal Heimtücke nicht ausreichend ausgeschlossen worden. Je nach Ergebnis könnte das Resultat des neuen Verfahrens eine Verurteilung wegen gefährlicher Körperverletzung sein – allerdings auch wegen versuchten Mordes.


Januar bis Oktober 2008: Högel arbeitet von Januar bis Juli in einem Altenheim in Wilhelmshaven. Er wird aus organisatorischen Gründen wieder entlassen. Von März bis Oktober heuert Högel auch beim Rettungsdienst in Wilhelmshaven an. Einmal soll er sogar während eines Einsatzes an einer Tankstelle angehalten haben, um sich Schnaps zu kaufen. Er wird daraufhin wegen seines auffälligen Alkoholkonsums wieder entlassen. Die Soko „Kardio“ wird später keine Fälle finden, wegen derer sie ermitteln wird.


7. Mai 2008: Der Prozess aus 2006 wird neu vor dem Landgericht Oldenburg aufgerollt.


16. Mai 2008: Kathrin Lohmann erstattet Anzeige gegen Högel, sie geht davon aus, dass er ihre Mutter Brigitte A. getötet hat.


23. Juni 2008: Högel wird vom Landgericht Oldenburg wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt. Zudem spricht das Gericht ein lebenslanges Berufsverbot aus. „Dem Angeklagten wird für immer verboten, den Beruf eines Krankenpflegers oder eine Tätigkeit in der Pflege kranker und alter Menschen oder im Rettungswesen auszuüben“, heißt es im Urteil. Das Gericht sieht es als erwiesen an, dass Högel Dieter M. das Gilurytmal gespritzt hatte, um eine lebensbedrohliche Krise herbeizuführen und sich dann als Retter zu profilieren. Högels Anwalt ficht das Urteil erneut beim BGH an.


9. Dezember 2008: Der BGH verwirft die erneute Revision.


10. Dezember 2008: Das Urteil gegen Högel erlangt Rechtskraft.


19. März 2009: Kathrin Lohmanns Mutter Brigitte A. wird auf dem Friedhof in Warfleth exhumiert.


6. Mai 2009: Högel tritt seine Haftstrafe an.


24. August 2009: Das toxikologische Gutachten von Brigitte A. liegt vor: Der Ajmalin-Nachweis ist positiv, ihr wurde ohne ärztliche Anordnung Gilurytmal gespritzt.


3. September 2009: Die Staatsanwaltschaft weitet ihre Ermittlungen aus. Ausgesucht wurden sieben weitere Fälle, weil diese auffällig waren und es gelingen könnte, Högel exemplarisch weitere Taten nachzuweisen.


Anfang 2011: Högel spricht in der Justizvollzuganstalt Lingen mit der Psychologin Susanne Brandler und streitet weitere Taten außer Dieter M. ab. Noch nicht wissend, dass wieder gegen ihn ermittelt wird.


2. Mai 2011: Die toxikologischen Gutachten der weiteren Exhumierungen liegen vor. In vier Leichnamen wird Gilurytmal gefunden.


August 2012: Högel soll in der Justizvollzugsanstalt Oldenburg zu Mithäftlingen gesagt haben, dass es bei ihm doch nicht nur um fünf Tote gehe. Bei 50 habe er aufgehört zu zählen, er bezeichnete sich laut Aussagen als größten Serienmörder der Nachkriegsgeschichte.


November 2013: Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlmann übernimmt den Fall.


10. Januar 2014: Die Staatsanwaltschaft Oldenburg reicht ihre Anklageschrift gegen Högel wegen drei Morden und zwei versuchten Morden ein.

11. September 2014: Erster Prozesstag vor dem Landgericht Oldenburg.

6. Oktober 2014: Opfer-Anwältin Gaby Lübben teilt mit, dass sich wegen des Prozessgeschehens eine Frau bei ihr gemeldet hat, die davon ausgeht, dass auch ihr Vater im Klinikum Delmenhorst im Juli 2003 auf der Intensivstation ermordet wurde, weil er „ohne erkennbaren Grund“ verstarb. Es wird Anzeige wegen „heimtückischen Mordes“ erstattet.


10. November 2014: Die Sonderkommission „Kardio“ nimmt ihren Dienst auf. 15 Beamte unter der Leitung von Kriminaloberrat Arne Schmidt sollen alle Taten von Högel aufklären.


25. November 2014: Das Klinikum Oldenburg stellt ein selbst in Auftrag gegebenes Gutachten vor. Der Gutachter sollte prüfen, ob es Hinweise auf Patientenmorde von Högel während seiner Beschäftigung in der herzchirurgischen Intensivstation des Krankenhauses gab. Der Gutachter kommt zu dem Schluss, dass in mindestens zwölf Fällen medikamentös nachgeholfen wurde.


26. November 2014: Die Staatsanwaltschaft Oldenburg hat ein Verfahren gegen zwei ehemalige Staatsanwälte eingeleitet. Es besteht der Anfangsverdacht der Strafvereitelung im Amt, weil sie Ermittlungen gegen Högel nicht vorangetrieben haben. Die Staatsanwaltschaft Osnabrück ermittelt.


9. Dezember 2014: Die Staatsanwaltschaft nimmt jetzt auch ehemalige Kollegen von Högel ins Visier. Konkret ermittelt sie gegen sechs teils ehemalige Delmenhorster und zwei Oldenburger Mitarbeiter. Der Vorwurf: Totschlag durch Unterlassen. Bei einer Verurteilung drohen fünf bis 15 Jahre Haft.


19. Dezember 2014: Pressekonferenz des Klinikums Delmenhorst in der Divarena. Geschäftsführerin Sonja G. Drumm und Anwalt Erich Joester machen deutlich, dass das Klinikum jegliche Mitverantwortung an den Taten Högels ablehnt.


22. Dezember 2014: Högel redet erstmals mit dem psychiatrischen Gutachter Konstantin Karyofilis und gesteht, 90 Patienten Gilurytmal gespritzt zu haben. 30 Patienten hätten es nicht überlebt. Högel gesteht nur Taten in Delmenhorst, bestreitet ausdrücklich, an anderer Stelle Patienten in Krisen geführt zu haben. Högel sagt, ausschließlich Gilurytmal verwendet zu haben.


1. Februar 2015: Im Stadttheater Kleines Haus in Delmenhorst findet eine Kerzenandacht für alle Högel-Opfer statt.


23. Februar 2015: Die Staatsanwaltschaft Oldenburg entschuldigt sich öffentlich wegen des bisherigen Ermittlungsversagens im Fall Högel. Thomas Sander, stellvertretender Leiter der Behörde: „Wir müssen konstatieren, dass – nach meiner Überzeugung – nicht mit der gebotenen Geschwindigkeit ermittelt wurde. Es gab Pannen und Verzögerungen, die nicht hätten passieren dürfen.“


26. Februar 2015: Urteil vor dem Landgericht Oldenburg. Wegen zweifachen Mordes, zwei versuchten Morden in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung und einer gefährlichen Körperverletzung wird Högel zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe bei besonderer Schwere der Schuld und zu lebenslangem Berufsverbot verurteilt. Richter Sebastian Bührmann entschuldigt sich bei den Angehörigen der Opfer: „Ich möchte ausdrücklich mein Bedauern zum Ausdruck bringen für das, was die Justiz Ihnen zugefügt hat. Es hätte besser laufen müssen.“

9. März 2015: Das Urteil erlangt Rechtskraft.


12. März 2015: Die Exhumierungen beginnen, und zwar auf dem Friedhof in Ganderkesee an der Urneburger Straße. Die ersten zwei von insgesamt acht Gräbern auf dem Friedhof werden geöffnet. Die Leichname werden nach der Untersuchung durch Rechtsmediziner der Medizinischen Hochschule Hannover noch am gleichen Tag wieder beigesetzt.


13. März 2015: Kathrin Lohmann wird für ihre Hartnäckigkeit, die den Fall Högel erst ins Rollen brachte, von der Stadt Delmenhorst und dem Kriminalpräventiven Rat der Stadt mit dem Preis für Zivilcourage ausgezeichnet.

20. April 2015: Die Staatsanwaltschaft Osnabrück erhebt Anklage gegen einen ehemaligen Oberstaatsanwalt der Staatsanwaltschaft Oldenburg wegen Strafvereitelung im Amt sowie Rechtsbeugung in zwei Fällen.


1. September 2015: Das Landgericht Oldenburg lehnt die Eröffnung eines Verfahrens gegen den ehemaligen Oberstaatsanwalt (der aber seit 2014 Richter am Landgericht Oldenburg ist) ab. Das Landgericht sieht keinen hinreichenden Tatverdacht für eine Rechtsbeugung gegeben. Die Staatsanwaltschaft Osnabrück legt Beschwerde gegen diese Entscheidung ein.


3. Dezember 2015: Das Oberlandesgericht Oldenburg folgt dem Landgericht in der Einschätzung, kein Verfahren gegen einen ehemaligen Oberstaatsanwalt zu eröffnen.


22. Juni 2016: Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Högel mitnichten nur Gilurytmal eingesetzt hat, sondern auch andere Medikamente. Gegen sechs ehemalige Kollegen Högels aus Delmenhorst wird weiter wegen Totschlags durch Unterlassen ermittelt, ab Mitte 2003 habe es erste Anzeichen für Högels Taten gegeben, im Mai 2005 hatten sich diese Hinweise massiv verdichtet. Soko-Chef Arne Schmidt: „Durch schnelleres und entschlossenes Handeln hätten ab Mitte Mai Taten verhindert werden können.“ Polizeipräsident Johann Kühme ergänzt mit Blick auf Högels Auffälligkeiten in Oldenburg: „Nach heutigen Erkenntnissen müssen wir feststellen, dass die Morde in Delmenhorst hätten verhindert werden können.“


25. November 2016: Die Staatsanwaltschaft Oldenburg erhebt Anklage gegen drei ehemalige und drei immer noch am Josef-Hospital beschäftigte Mitarbeiter wegen Totschlags durch Unterlassen. Laut Staatsanwaltschaft hätten durch beherztes Eingreifen Morde am 22. und 25. Mai sowie am 24. Juni und versuchte Morde am 1. und 22. Juni verhindert werden können.


2. Dezember 2016: In den Delmenhorster Graftanlagen werden drei Bäume gepflanzt, die an die Opfer von Niels H. erinnern sollen.


8. März 2017: Das Landgericht Oldenburg will gegen drei ehemalige Mitarbeiter des Klinikums Delmenhorst die Hauptverhandlung eröffnen: Betroffen sind zwei Oberärzte und der der pflegerische Leiter der Intensivstation. Drei Anklagen gegen weitere Pfleger sah das Gericht als nicht ausreichend für die Eröffnung des Hauptsacheverfahrens an. Die Staatsanwaltschaft legt gegen diese Entscheidung beim Oberlandesgericht Beschwerde ein.


28. August 2017: Die Staatsanwaltschaft teilt mit, dass sie Högel mittlerweile 84 weitere Morde nachweisen könne. 48 Taten beging er auf der Intensivstation des Klinikums Delmenhorst, 36 während seiner Zeit auf der herzchirurgischen Intensivstation des Klinikums Oldenburg. 134 Leichname auf 67 Friedhöfen in Niedersachsen, Bremen und Nordrhein-Westfalen wurden exhumiert, auch in Polen und in der Türkei. Mehr als 500 Patientenakten wurden überprüft, über 800 Rettungsdienstprotokolle ausgewertet, 289 medizinische Sachverständigengutachten erstellt, 332 Strafverfahren wegen des Verdachts auf Mord eingeleitet. Mehr als 130 verdächtige Todesfälle konnten nicht überprüft werden, weil die Leichname feuerbestattet wurden. „Hätten die damals Verantwortlichen am Klinikum Oldenburg Ende 2001 die Ermittlungsbehörden eingeschaltet, hätten wir Niels Högel entlarvt. Dann wären viele Todesfälle in Delmenhorst verhindert worden“, sagt Soko-Leiter Arne Schmidt. Die Ermittler gehen von fünf Medikamenten aus, die Högel einsetzte: Cordarex (Wirkstoff Amiodaron), Gilurytmal (Wirkstoff Ajmalin), Kalium, Xylocain (Wirkstoff Lidocain) und Sotalex (Wirkstoff Sotalol).

31. August 2017: Die Soko Kardio wird aufgelöst, nach rund drei Jahren Ermittlungsarbeit.

9. November 2017: Die Ergebnisse der letzten toxikologischen Untersuchungen liegen vor. Högel können nun vermutlich 16 weitere Morde nachgewiesen werden, allein 14 davon in Delmenhorst. Die Zahl der dort getöteten Patienten steigt somit auf 62, in Oldenburg von 36 auf 38.


22. Januar 2018: Die Staatsanwaltschaft Oldenburg erhebt Anklage wegen Mordes in 97 Fällen gegen Niels Högel. Dabei geht es um 62 Delmenhorster und 35 Oldenburger Fälle.

7. März 2018: Das Arbeitsgericht Oldenburg hat Högel verurteilt, 47 000 Euro Schadensersatz
an das Klinikum Oldenburg zu zahlen, für zwei medizinische Gutachten und Anwaltsleistungen. Das Krankenhaus hatte ursprünglich über 600 000 Euro gefordert.


9. März 2018: Das Oberlandesgericht Oldenburg lässt die Anklage gegen eine vierte ehemalige Kollegin, die stellvertretende Leiterin der Intensivstation, zu. Nach einjähriger Prüfung ist damit der Beschwerde der Staatsanwaltschaft Oldenburg in einem von drei Fällen gefolgt worden. Die Staatsanwaltschaft hatte gegen sechs ehemalige Delmenhorster Högel-Kollegen Anklage erhoben, das Landgericht Oldenburg wollte nur drei Verfahren führen.


28. März 2018:
Das Landgericht Oldenburg
teilt mit, die Verfahren gegen Högels ehemalige Kollegen erst zu beginnen, wenn ein mögliches neues Urteil gegen ihn Rechtskraft erlangt hat. Erst dann kann Högel als Zeuge gegen seine ehemaligen Kollegen aussagen, ohne von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch zu machen.


26. April 2018: Es wird bekannt, dass die Medizinische Hochschule Hannover das Testergebnis auf den Wirkstoff Lidocain einer ehemaligen Delmenhorster Patientin falsch übermittelt hat, bei der toxikologischen Untersuchung wurde das Medikament doch nachgewiesen. Högel muss sich in 98 Fällen verantworten.


13. September 2018: Auch in einem exhumierten Leichnam in der Türkei kann der Wirkstoff Lidocain nachgewiesen werden. Högel ist nun wegen 99 Morden angeklagt.


20. Oktober 2018: Es wird bekannt, dass Högel in Gesprächen mit einem psychiatrischen Gutachter noch einen weiteren Mord an einem Delmenhorster Patienten einräumt. Die Klage wird am 29. Oktober auf 100 Morde ausgeweitet.


30. Oktober 2018: Erster Verhandlungstag in der Weser-Ems-Halle.

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