Mellum

Eine einsame Insel voller Müll

Auf Mellum leben keine Menschen, doch die Strände auf der kleinen Insel im Wattenmeer sind voller Müll. Wie kann das sein? Unterwegs auf einer einsamen Insel, die nicht so isoliert ist, wie es scheint.
09.11.2019, 19:05
Lesedauer: 7 Min
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Eine einsame Insel voller Müll
Von Nico Schnurr

Die Schaufel bricht. Das Blatt, rostig und stumpf, bleibt stecken, der Stiel saust in den Sand am Strand von Mellum. Norbert Ahlers prustet. Er kniet vor einer Plastikplane, von der er nur die ausgefransten Ränder sieht. Und jetzt ist auch noch die Schaufel hinüber. Er zupft und zerrt an den Fetzen, Schweißtropfen perlen von seiner Stirn auf die Plane, ein letzter Versuch. Keine Chance.

Ahlers klopft mit der flachen Hand auf den Strand. Die Plane wird bleiben, die kriegt er hier nicht weg. Wenigstens die Fransen sollen jetzt noch ab. „Machen wir uns nichts vor“, brummt Ahlers während er an den Fäden reißt, „damit baut sich ein Vogel noch ein Nest und erstickt.“ Tote Tiere, verheddert in Plastik. Das kommt hier häufiger vor, auf Mellum, einer Insel im niedersächsischen Wattenmeer, 450 Hektar groß. Ein einsamer Ort, neun Kilometer vor der Küste gelegen, an dem keine Menschen wohnen, aber eine Menge Müll an den Stränden liegt.

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Auf Mellum leben Vögel, auch seltene Arten, dazu ein paar Mäuse, mit denen sie sich die Dünen teilen, sonst niemand. Vogelschutzgebiet. Was Mellum besonders macht, macht die Insel auch verwundbar. Die Natur ist hier sich selbst überlassen. Keiner, der Müll macht. Aber auch kaum einer da, der aufsammeln könnte, was angespült wird. Zutritt verboten, zumindest für Menschen. Wer auf die Insel will, muss um Erlaubnis bitten. Und die gibt es nur in Ausnahmefällen. Manchmal kommen Forscher und Vogelschützer vorbei, beobachten im Sommer die Natur und verschwinden im Herbst wieder. Und alle zwei Jahre drängen sich einige Dutzend Freiwillige auf ein paar kleine Boote, die im Hafen von Hooksiel ablegen, um Mellum vom Müll zu befreien.

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Sich um die Insel kümmern

Ein milder Morgen im Herbst, eine halbe Stunde schon wackelt das Boot über Wellen. Im Innenraum blinkt eine elektronische Seekarte. Draußen schimmert ein schmaler Streifen am Horizont. Mellum. Norbert Ahlers, 56, die grauen Haare fallen ihm ins Gesicht, schaut aus dem Fenster. Nicht mehr weit. Ahlers knotet seine Schuhe aneinander, bindet sie an einen Rucksack und schiebt seine Jeans hoch; er staucht sie bis übers Knie. Ahlers ist angestellt beim Mellum-Rat, der sich um die Insel kümmert. Er weiß, was nun folgt.

Das Meer wird plötzlich flach, das Boot hält an. Umsteigen. Ein großer Satz, von der Reling rüber in Schlauchboote. Irgendwann helfen aber auch die nicht mehr. Also gehen, Barfuß zur Insel. Erst stehen Ahlers und die anderen knietief in der Nordsee, Wellen klatschen gegen ihre Waden. Dann schlingern sie einen Kilometer lang durch Schlick, vorbei an Salzwiesen, auf denen Flieder blüht und Queller wächst, ein Küstengemüse, bis sie am Südstrand sind. Anders geht es nicht. Mellum hat keinen Hafen, was verständlich ist für eine Insel, auf der selten etwas anderes ankommt als Vögel und Müll.

Am Strand werden Jutesäcke verteilt. Ahlers und seine Freundin Stephanie Hirdes, 38, Kurzhaarfrisur, Poloshirt, leiten einen Teil der Gruppe Richtung Norden, einmal um die Insel. Beide kennen Mellum, Ahlers beruflich und Hirdes, weil sie hier einen Sommer verbracht hat. Nach ihrem Studium wollte sie Ruhe, raus aus der Stadt. Sie kam nach Mellum und lebte als Vogelwartin im einzigen Haus auf der Insel, ein kleines Zimmer, in der Küche rauschte ein Radio, im Garten pluckerte eine Pumpe fürs Wasser. Sie führte Listen über die Vögel und das Plastik an den Stränden. Alles aufsammeln, das konnte sie nicht. Unmöglich. Hirdes mochte die Einsamkeit auf Mellum, aber sie spürte, dass die Insel nicht so isoliert ist, wie es scheint. „Das Idyll ist gefährdet“, sagt sie, „das kann hier auch ganz schnell kippen.“ Es geht noch einige Minuten geradeaus, durch knöcheltiefe Priele, vorbei an einer Kolonie Kormorane, bis man versteht, was sie meint.

Am Nordstrand von Mellum muss man den Müll nicht suchen. Er ist überall. In den Dünen, zwischen den Gräsern und Muschelresten, im Watt. Überall Müll. Alle zwei Meter bücken und aufsammeln: Ein blauer Bauarbeiterhelm. Eine braune Bierkiste, Hertog Jan, eine Marke aus den Niederlanden. Eine violette Hawaiikette. Ein weißer Plastikstuhl, in der Mitte durchgebrochen. „Kann man nicht mehr gebrauchen“, sagt Hirdes und schleudert die Stuhlhälften in einen der Müllsacke. Nicht alles, was auf Mellum ankommt, ist kaputt. Schon passiert, sagt Hirdes, dass sie hier Möbel gefunden haben, denen man nicht angesehen habe, dass die Nordsee sie angespült hat. Hätten sie sich später in die Wohnung gestellt.

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Die bunte Flut

Auch Fernseher finde man hier öfter, kein Flachbild, alte Kisten, aber immerhin. Hirdes muss lachen. Ist ja auch komisch. Eine einsame Insel, weit weg von der Zivilisation, den Menschen und ihrem Müll, und irgendwie doch nicht. Lustig findet Hirdes das alles trotzdem nicht. Sie hat gesehen, was der Müll mit Mellum macht. Einen Sommer lang war sie Chronistin der bunten Flut und ihrer Folgen. Hirdes notierte, was sie auf ihren Spaziergängen über die Insel sah. Die Löffler und Kormorane, erstickt an Plastikschnüren und Planenresten. Die Eissturmvögel und Basstölpel, verhungert mit vollem Magen. Das viele Plastik, das sie im Watt mit Nahrung verwechselt haben, konnten sie nicht verdauen. Tiere, verendet an Müll. Auf Mellum ist das inzwischen so normal wie die Gezeiten.

Hirdes fingert Kinderspielzeug aus dem Sand, eine gelbe Schaufel, einen blauen Eimer. Passt das noch? Sie schaut in ihren Jutesack. Wird eng. Der Beutel quillt fast über. Hirdes sagt: „Das Problem mit dem Plastik ist, dass es nicht verschwindet, wenn wir es nicht wegräumen.“ Plastik verrottet nicht. Es wandelt sich, wird kleiner, zerfällt in immer winzigere Teile. Doch Plastik bleibt Plastik. Nicht für immer, aber sehr lange.

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Eine Tüte, schätzen Forscher, treibt zehn, vielleicht 20 Jahre im Meer herum, bis sie sich aufgelöst hat. Ein Stryroporbecher für den Kaffee unterwegs braucht 50 Jahre, um zerrieben zu sein. Bei einem Strohhalm sind es 200 Jahre. Bei einer Wasserflasche 450 Jahre. Wenn Plastik zu Partikeln zerbröselt, wird es nicht weniger gefährlich. Im Gegenteil. Mikroplastik ist Millimeter klein, so winzig, dass es keine Grenzen kennt. Alle schlucken es, die gesamte Nahrungskette, vom Blauwal bis zum Wattwurm: alle Opfer der bunten Flut.

Auf Mellum steht Norbert Ahlers auf einer Düne am Nordstrand. Er ist in eine Fleecejacke gepackt, vom vielen Buddeln sind seine Knie mit Sand gepudert. Er schweigt. Hinter ihm rauschen die Gräser, vor ihm das Meer. Herrlich. Meistens sitze er im Büro, sagt Ahlers, „aber ein Tag auf Mellum entschädigt für ein ganzes Jahr.“ Er sieht mehr in der Insel als eine Postkartenkulisse aus Dünen und Wattenmeer. Ahlers streckt sich und deutet mit dem Zeigefinger aufs Wasser. Weit hinten kreisen Windräder vor sich hin. Ahlers hat den Urlaubsblick jetzt abgelegt. „Die haben hier den ganzen Horizont verspargelt.“

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„Rundherum alles Industrie“

Er dreht sich, seine Augen wandern eine Weile über die Insel, dann hat er es, da, ganz hinten: In der Ferne flimmern die Kräne des Jade-Weser-Port, ein Containerhafen. Mellum liegt an einer besonders viel befahrenen Schiffsstraße. „Rundherum alles Industrie.“ Dazwischen die einsame Insel. „Mellum war immer eine Insel der Hoffnung“, sagt Ahlers, „ein letzter Fleck unberührter Natur, ein letztes Paradies.“ Pause. Wieder nur das Rauschen von Gräsern und Meer. Dann sagt er: „Die Insel hatte für mich immer etwas Widerspenstiges.“ Inzwischen befürchtet Ahlers, dass es damit irgendwann vorbei sein könnte. Dass der Müll Mellum verändert. Dass die bunte Flut immer mehr Tieren das Leben und irgendwann der ganzen Insel den Charakter raubt.

Die Gruppe zieht weiter und Ahlers seinen Jutesack durch den Sand. Sie sammeln ein: einen silbernen Luftballon, auf dem in bunten Buchstaben steht: „Alles Gute zum 60. Geburtstag!“. Eine braune Whiskeyflasche, Marke Ballantines, noch fast halb voll. Einen schwarzen Kotflügel, Hersteller Hyundai. Ob die Menschen anders mit ihrem Müll umgehen würden, wenn sie wüssten, wie es am Strand von Mellum aussieht? „Den meisten Leuten dient das Meer doch nur noch als Selfie-Kulisse“, sagt Ahlers. „Selbst Leute von der Küste waren dreimal auf Mallorca, aber haben noch nie von Mellum gehört.“

Was an den Stränden von Mellum angespült wird, ist bloß ein kleiner Ausschnitt eines viel größeren Problems. Forscher nehmen an, dass weltweit nur 15 Prozent des Plastiks an Stränden landet. Ähnlich viel soll auf der Oberfläche der Ozeane treiben. Der große Rest sinkt auf den Meeresboden. Und es wird stetig mehr. Im Jahr 1950 wurden weltweit zwei Millionen Tonnen Kunststoffe hergestellt. Inzwischen sind es weit mehr als 300 Millionen Tonnen pro Jahr. Immer mehr Plastik, immer mehr Müll in den Meeren. Reicht da das Aufsammeln?

Auf Mellum hat sich die Sonne gesenkt. Später Nachmittag. Die Gruppe sitzt im Gras vor dem einzigen Haus der Insel und schaut auf zu den Verantwortlichen, die etwas erhöht auf einem sanften Deich stehen. Sie wollen noch sagen, was der Tag gebracht hat. 11 000 Teile haben sie eingesammelt, 15 Kubikmeter Müll in ein paar Stunden. Verhaltener Applaus der Gruppe, keine große Freude. Sie wissen: Die Strände von Mellum sind sauber. Bis die nächste bunte Flut kommt.

Info

Zur Sache

Was tun gegen den Müll?

Lars Gutow forscht in Bremerhaven am Alfred-Wegener-Institut zum Müll in der Nordsee. Er sagt: „Das Problem entsteht nicht auf der Nordsee, sondern auf dem Festland.“ Der meiste Müll gelange über Elbe, Weser und Ems ins Meer. Was tun also? Es gibt Initiativen, die versuchen, das Plastik aus den Ozeanen zu fischen. „Die holen aber auch immer eine Menge Biologie mit aus den Meeren“, sagt Gutow, „solche Vorhaben richten mehr Schaden an, als dass sie der Natur helfen.“ Dann lieber Aufsammeln am Strand. Aber reicht das? „Wir müssen weniger Plastik produzieren“, sagt Gutow. „Wir sollen kaufen, auspacken, verbrauchen, wegwerfen, neu kaufen. Diesen Kreislauf müssen wir durchbrechen. Nur das würde wirklich helfen.“

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