Landkreis Rotenburg Ende der Verpressung in Sicht?

Landkreis Rotenburg. Bislang wird giftiges Abwasser aus der Erdgasförderung einfach ins Erdreich gepumpt. Das soll bald vorbei sein, heißt es vom Landesbergamt.
25.10.2013, 00:09
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Von Johannes Heeg

Bislang wird giftiges Abwasser aus der Erdgasförderung einfach ins Erdreich gepumpt. Das soll bald vorbei sein, heißt es vom Landesbergamt. „Wir haben die Industrie aufgefordert, bis Ende 2014 neue Entsorgungskonzepte fürs Lagerstättenwasser vorzulegen“, sagte ein Behördenvertreter jetzt im Rotenburger Kreishaus. Das Abwasser müsse so gereinigt werden, dass es völlig unbedenklich ist.

Es war eine recht große Runde, die da erstmals im Kreishaus zusammengekommen ist. Der Arbeitsgruppe Erdgas- und Erdölförderung im Landkreis Rotenburg gehören Kreistagspolitiker an, Vertreter von Anti-Fracking-Bürgerinitiativen, Städten und Gemeinden sowie der vier Trinkwasserversorger im Landkreis. Was sie zusammengebracht hat, ist die Sorge ums Trinkwasser.

Dessen Qualität sehen viele Menschen im Kreis Rotenburg gefährdet, nachdem bekannt geworden ist, welche enormen Mengen giftiger Abwässer seit Jahrzehnten ins Erdreich gepumpt werden. Rund 3,45 Millionen Kubikmeter Lagerstättenwasser aus der Erdgasförderung sind bis Dezember 2012 im Landkreis Rotenburg in den Untergrund „verpresst“ worden – das sind 3,45 Milliarden Liter. So recht geheuer ist das auch der Kreisverwaltung nicht: „Das ist eine Mischung aus Salzwasser, Super- und Dieselkraftstoff“, sagte der Erste Kreisrat Thorsten Lühring bei der Eröffnung der Sitzung der Arbeitsgruppe, die künftig regelmäßig alle paar Wochen tagen und dem Kreis-Umweltausschuss zuarbeiten soll. Der Landkreis Rotenburg sei eines der größten Erdgas-Fördergebiete Niedersachsens.

Um Abgrenzung bemüht

Für alle Anwesenden neu war die Nachricht, mit der Ulrich Windhaus vom Landesbergamt aufwartete. „Wir haben die Industrie aufgefordert, bis Ende 2014 neue Entsorgungskonzepte fürs Lagerstättenwasser vorzulegen.“ Das bei der Gasgewinnung mitgeförderte Abwasser müsse so gereinigt werden, dass es völlig unbedenklich ist. „Kosten dürfen dabei keine Rolle spielen“, sagte Windhaus, der sichtlich um Abgrenzung von der Erdgasindustrie bemüht war. Kritiker werfen der Behörde, die für die Förder- und Verpress-Genehmigungen zuständig ist, eine allzu unkritische Genehmigungspraxis vor. „Wir sind nicht Handlanger der Industrie“, so Windhaus.

Für Unbehagen sorgte hingegen die Nachricht, wonach Exxonmobil nach einem zweijährigen Moratorium in Bötersen wieder mit dem Fracken beginnen will. Die Technik ist sehr umstritten: Um in Stein eingeschlossene Erdgas-Vorkommen fördern zu können, wird unter hohem Druck ein Gemisch aus Wasser, Sand und Chemikalien in den Untergrund gepresst. Bergamt-Sprecher Windhaus bestätigte, dass das Unternehmen bereits 2011 einen Antrag auf Fracking gestellt habe, dieser jedoch von seiner Behörde als „nicht prüffähig“ zurückgewiesen worden sei. Auch ein im Dezember 2012 nachgeschobener zweiter Antrag sei nicht prüf-, geschweige denn genehmigungsfähig gewesen. Derzeit ruhe das Verfahren. Windhaus gab bekannt, dass Frackingverfahren künftig nur noch noch im Rahmen einer Umweltverträglichkeitsprüfung behandelt würden, das habe die neue Landesregierung verfügt. Die so genannte UVP sorge für eine umfassende Beteiligung nicht nur von Behörden, sondern auch der Bürger.

Ein sofortiges Verpressungs-Verbot sowie auch einen Erdgas-Förderstopp forderte indes der Kreistagsabgeordnete Manfred Damberg (Die Linke). Der Wilstedter hatte im Mai Alarm geschlagen, nachdem er sich eine Analyse, die das Landesbergamt 2011 in Söhlingen (Bohrstelle SOLG Z2) vorgenommen hat, genauer angeschaut hat. Demnach enthält das Lagerstättenwasser krebserregendes Benzol und auch Toluol und Xylole in Mengen, die im Trinkwasser nicht auftreten dürften. Die Benzol-Konzentration liege etwa 13000 Mal über dem Trinkwassergrenzwert. Auch der Kreistagskollege Willi Bargfrede (CDU) aus Wittorf, in dessen Gemeinde eine Verpressstelle liegt, forderte ein sofortiges Verbot dieser Entsorgungspraxis. Andreas Rathjens, Sprecher einer Bürgerinitiative aus Groß Meckelsen, verwies darauf, dass zum Beispiel die Bohrstelle Bötersen Z11 am Rande der Rotenburger Rinne liege, aus der Zeven mit Trinkwasser versorgt werde. „Wir müssen uns darüber viel mehr Gedanken machen“, sagte er.

Die Vorsitzende der Arbeitsgruppe, Elke Twesten (Grüne), regte an, dass der Landkreis einen Rechtsbeistand konsultiert, um im Falle einer Auseinandersetzung mit der Industrie gewappnet zu sein. Die Erdgasförderung sei ein schwer wiegender Eingriff in die Erdhülle mit bislang unabsehbaren Wechselwirkungen. Eine Gefährdung des Grundwassers sei nicht ausgeschlossen. Sie regte eine enge Zusammenarbeit mit benachbarten Landkreisen an, die ebenfalls betroffen seien.

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