Klinikchef zum Fall Högel

Ermittler in eigener Sache

Das Klinikum Oldenburg stellt seinen Mitarbeitern im Verfahren gegen Ex-Pfleger Niels Högel Anwälte an die Seite und bezahlt sie. Klinikchef Dirk Tenzer bestreitet, die Oldenburger Zeugen mundtot zu machen.
30.01.2019, 19:34
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Ermittler in eigener Sache
Von Nico Schnurr
Ermittler in eigener Sache

Klinikchef Dirk Tenzer bietet den Mitarbeitern der Oldenburger Intensivstation an, im Fall Högel von einem Anwalt unterstützt zu werden. Die Klinik zahlt. Tenzer nennt das „Fürsorgepflicht“.

Mohssen Assanimoghaddam/dpa

Der Frankfurter Anwalt kommt mit einem Flugzeug. Er lädt Frank Lauxtermann in Oldenburg zum Mittagsessen beim Italiener ein. Das Klinikum Oldenburg schickt den Anwalt, er soll mit dem ehemaligen Pfleger über seinen früheren Kollegen Niels Högel sprechen. Der Anwalt hat eine Bitte. Lauxtermann, einer der Kronzeugen im Fall, soll künftig alles mit ihm abstimmen, was er über Högel sagen will. Lauxtermann lehnt ab, kein Interesse. Der Anwalt zahlt noch die Lasagne, und dann fliegt er zurück.

Ein paar Wochen später im Jahr 2016 klingelt Lauxtermanns Telefon. Der Anwalt ist am Apparat. Er will wissen, warum der Ex-Pfleger eine schriftliche Erklärung vor einem Sonderausschuss im Niedersächsischen Landtag abgegeben hat. So sei das nicht vereinbart gewesen. Für Lauxtermann klingt das wie ein Vorwurf, er fühlt sich unter Druck gesetzt.

So erzählt er es am achten Verhandlungstag im Verfahren gegen Niels Högel. Und er behauptet auch: Der Anwalt, der ihm die Lasagne spendiert hat, soll von seiner Erklärung im Landtag über die Anwältin von Dirk Tenzer, dem Vorstandschef des Klinikums Oldenburg, erfahren haben.

Oldenburger Erinnerungslücken

Eine Woche später, es ist der zehnte Prozesstag, und über die Monitore in der Weser-Ems-Halle flimmert, wie Dirk Tenzer ungläubig durch seine Kastenbrille blickt, nach vorne zum Richterpult. Dort wiederholt Sebastian Bührmann die Geschichte von Lauxtermann. „Wenn sich das so zugetragen haben sollte, dann halte ich das für ein starkes Stück“, sagt der Richter. „Man kann das als Einflussnahme auf die Zeugen werten.“

Niels Högel soll hundert Patienten umgebracht haben. Die Ermittler glauben, es könnten noch weit mehr Taten sein. Zur Tragik der größten Mordserie der deutschen Nachkriegsgeschichte gehört, dass sich nicht jeder Verdacht beweisen lässt. Auch weil die Aufarbeitung der Taten erst viele Jahre später begonnen hat und seitdem nur schleppend vorangeht. Das liegt auch an den Oldenburger Klinikmitarbeitern.

Die Ermittler berichten von auffällig großen Erinnerungslücken in den Vernehmungen. Einer sagt: „Das Aussageverhalten der Oldenburger war sehr reduziert.“ Und auch vor Gericht: kollektive Amnesie, lauter Oldenburger Ahnungslosigkeit. Fast alle Mitarbeiter lassen sich von einem Anwalt begleiten, den das Klinikum bezahlt.

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Sebastian Bührmann arbeitet seit etwa 20 Jahren als Richter. „Dass ein Unternehmen jedem seiner Arbeitnehmer einen Zeugenbeistand stellt und zahlt, habe ich noch nie erlebt. Das ist ungewöhnlich.“ Verboten ist das natürlich nicht, betont Bührmann, „aber es kann ein Eindruck entstehen, nach dem Motto: Wes Brot ich ess‘, des Lied ich sing‘“.

Dirk Tenzer schüttelt den Kopf. Der Vorstandschef spricht von einer „Fürsorgepflicht für unsere Mitarbeiter“. Einige hätten „große Ängste“ gezeigt, im Prozess aussagen zu müssen. „Das ist für viele Mitarbeiter eine absolute Ausnahmesituation“, sagt Tenzer. „Da haben wir entschieden: Die müssen da nicht alleine hingehen.“ Und dann geht er noch auf die Geschichte von Frank Lauxtermann ein und sagt: „Ich kann ausschließen, dass es Anweisungen von mir gegeben hat, Zeugen mundtot zu machen, was mir hier ja unterschwellig vorgeworfen wird.“

Wie ein Zweifler wirkt Tenzer nicht, im Gegenteil. Er tritt selbstbewusst auf, überzeugt vom eigenen Handeln. Tenzer redet in klaren, ruhigen Sätzen, mit der Attitüde eines Aufklärers. Dabei ist auch seine Rolle im Fall Högel nicht frei von Widersprüchen.

Die Strichliste des Stationsleiters

Als Tenzer im Januar 2013 im Klinikum anfängt, leugnet Högel noch, in Oldenburg getötet zu haben. Dass der Ex-Pfleger auch auf der Intensivstation 211 gemordet haben könnte, erfährt Tenzer erst im September 2014, aus dem WESER-KURIER, wie er sagt. In den Monaten darauf wird er zum Ermittler in eigener Sache.

Er befragt Mitarbeiter, über 20 Gespräche, Anwälte sind dabei und schreiben mit. Und tatsächlich erzählen ihm einige Angestellte deutlich mehr als später den Ermittlern. Doch Tenzer behält die Protokolle für sich. Das habe er den Mitarbeitern damals so zugesichert, sagt er. Erst als ihn die Staatsanwaltschaft dazu auffordert, gibt er die Unterlagen raus. Da ist bereits 2018.

Worum geht es Dirk Tenzer? Um die Wahrheit im Fall Högel oder um den Ruf seiner Klinik? Oder irgendwie um beides? Es gibt diese Liste, der Stationsleiter gibt sie Tenzer im September 2014. Auf dem Blatt hat der Leiter der 211 notiert, wer Dienst hatte, als jemand im Jahr 2001 auf der Station gestorben ist. Jeder Tote ein Strich. Högel hat die meisten, mit großem Abstand. Darunter steht ein handschriftlicher Kommentar. „Auf keinen Fall“ reicht die Beweislage aus, um die Staatsanwaltschaft zu informieren, heißt es. Und nun bekommt Tenzer diese Liste im September 2014, mustert sie, und dann legt er sie beiseite.

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Er sei nicht schlau geworden aus den Aufzeichnungen, sagt Tenzer. Also bleibt das Blatt beim Klinikum. Bis die Staatsanwaltschaft zwei Jähre später eine Durchsuchung anordnet und auf die Liste stößt. „Ich habe nicht die Intention gehabt, bewusst Dinge zurückzuhalten.“ Dirk Tenzer sagt, er habe es einfach nicht besser gewusst.

Vor Tenzer sagt an diesem Tag eine ehemalige Pflegerin aus. Sylvia O. erzählt von den gemeinsamen Diensten mit Högel. Sie erinnert sich vor allem an eine Schicht im September 2001. Sechs Reanimation in einer Nacht, „wir mussten quasi von einem Zimmer ins andere springen“, sagt sie. „Es war das Grauen.“ Sylvia O. beobachtet, dass Högel auffällig oft am Patientenbett ist, wenn der Alarm losgeht. Sie sagt: „Natürlich ist das aufgefallen.“

Sylvia O. sitzt ohne Anwalt vor dem Richter. Braucht sie nicht, sie kennt ihre Erinnerungen ja am besten, sagt sie. Ob sie weiß, dass sie einen Anwalt hätte nehmen können? Klar, meint Sylvia O., das hat ihr eine Freundin erzählt, die noch auf der Intensivstation arbeitet. „Sie sagte mir: Die Klinik bezahlt den Anwalt“, sagt Sylvia O., „und der teilt einem dann mit, was man sagen darf und was nicht.“

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