Ernte im Landkreis Diepholz Ernte geht es ans Eingemachte

Überall im Landkreis Diepholz rollen wieder die Landwirtschaftsmaschinen. Es ist Erntezeit. Wir haben einen Landwirt begleitet.
26.07.2019, 17:58
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Ernte geht es ans Eingemachte
Von Alexandra Penth

Weyhe/Landkreis Diepholz. Vier Quadratmeter, nicht mehr misst der Arbeitsplatz von Ole Töbelmann. Der Kirchweyher Landwirt sitzt dieser Tage wie viele seiner Berufskollegen meist auf dem Trecker. Sein Vater Walter Töbelmann in der Fahrerkabine des Mähdreschers. Es ist Erntezeit und damit Hochbetrieb auf den Feldern.

Die nächste Fuhre Raps muss zum örtlichen Landhandel. Ole Töbelmann setzt den Blinker, um vom Feldweg auf die Hauptstraße zu fahren. Die Mittagshitze presst sich gegen die Scheiben der Fahrerkabine, die Klimaanlage hält tapfer dagegen. Töbelmann wartet das letzte Auto in Sichtweite ab und biegt ein, der Motor rattert gleichmäßig. „Eigentlich ist es ein sehr entspanntes Fahren“, sagt er. Dort oben guckt er über die Autodächer hinweg.

Vor fünfeinhalb Jahren stieg der 28-Jährige in den Familienbetrieb ein. Nach dem Schulabschluss entschied er sich für eine Ausbildung zum Landwirt, für die er in zwei verschiedenen Betrieben arbeitete. Danach folgte die Fachschule, die er als staatlich geprüfter Betriebswirt abschloss. Nach der Meisterprüfung pachtete Ole Töbelmann zusammen mit Cousin Simon einen Betrieb mit 80 Milchkühen, 500 Meter vom elterlichen Hof entfernt. So hält der Landwirtschaftsbetrieb samt Rindermast und der angeschlossenen Fleischerei Barning nach mehr als einem halben Jahrhundert wieder Milchvieh. Der Hof ist tief in Kirchweyhe verwurzelt. Die Aufzeichnungen reichen bis 1500. Hauptsächlich betreibt der Familienbetrieb Ackerbau, Getreide, Raps, Mais und Gras wachsen auf 180 Hektar in Weyhe und Syke.

Die Gerste ist abgeerntet, seit dieser Woche ist alles andere reif. „In diesem Jahr ist alles gleichzeitig fertig geworden“, sagt Ole Töbelmann. Raps, Roggen, Triticale kommen vom Feld, als letztes Weizen. Der Ertrag ist schwer abzuschätzen, der Landwirt denkt aber, dass es „ein unterdurchschnittlich schlechtes Erntejahr“ wird, etwas besser als im Vorjahr. „Wir haben keine Top-Erträge, viele in der Mitte und keine extremen Ausschläge nach unten.“ Derartige Tiefschläge wie im Rekordsommer 2018 seien nicht zu erwarten – zumindest nicht beim Raps. „Die Grasernte ist um Längen besser als im Vorjahr“, sagt Ole Töbelmann. Der Familienbetrieb, zu dem neben Cousin Simon noch die Eltern Walter und Anke Töbelmann sowie ein Lehrling gehören, hat bereits zwei Mal geerntet und damit mehr als im gesamten Jahr 2018. „Wir würden gerne vier Mal ernten, es sieht aber nicht danach aus“, sagt Ole Töbelmann. Vielleicht werde es noch was im Herbst, sagt er vorsichtig. Im Schnitt könnte die gesamte Raps- und Getreideernte dieses Jahr wohl auf 15 bis 25 Prozent Mindererträge hinauslaufen. Im vergangenen Jahr waren es sogar 25 bis 35 Prozent Mindererträge. Beim Mais könnte die Ernte sogar noch schlechter ausfallen als 2018.

Die Tachonadel ruht bei der 40, Ole Töbelmann hat die Beine angewinkelt, eine Hand hält das Lenkrad, die andere liegt zwischenzeitlich auf dem Oberschenkel. Es ist für ihn die dritte Tour an diesem Tag und bei Weitem nicht die letzte. Der örtliche Landhandel, das Ziel der Fahrt, bringt den Raps zur Ölmühle und lässt die schwarzen Kügelchen in Flüssigform pressen. Der übrig gebliebene Rapsschrot aus der Pressung wird von Landwirten wiederum oft für die Fütterung gekauft. Wirtschaften im Kreislauf.

Fahrzeug und Anhänger fahren auf die in den Beton eingelassene Waage. Ein Rohr zieht Proben aus dem Anhänger. Drinnen rotiert die Maschine, die Schmutz, Pflanzenrückstände und kaputtes Korn in das linke Fach ausspeit, das reine in das rechte. Aus dem sauberen Teil misst die Maschine noch die Feuchtigkeit. Es geht wieder auf den Trecker, samt Gespann ein Stück weiter zur Scheune. Dort hält Ole Töbelmann mit dem Anhänger über einer großen Roste. Über die Schaltfläche rechts vom Fahrersitz hebt er den grünen Metallanhänger an, kippt ihn leicht und öffnet eine Luke. Eine dunkle Masse, gespickt mit gelben Halmen, ergießt sich über das Gitter, bildet einen Berg, der langsam in sich zusammenfällt. Eine gewaltige Staubwolke plustert sich auf. Als weniger Inhalt aus dem Anhänger rieselt, begibt sich der Container komplett in Schieflage.

Ole Töbelmann kommt die drei Stufen vom Trecker hinunter und schöpft eine Handvoll der verschwindenden Masse ab. Er deutet auf ein gelbes Korn, „das ist kaputt“, erklärt er. Die Einstellung des Werkzeugs am Drescher könne sich auf die Unversehrtheit der schwarzen Rapskörner auswirken. Auch ein helles, längliches Korn befindet sich in der Handfläche. „Roggenkörner sind zum Beispiel schwerer. Die können viel Besatz in die Probe hineinbringen“, erklärt der Landwirt. Der Landhandel zieht Proben, um abzuschätzen, wie viel reines Korn sich in der Ladung befindet, der Besatz wird nicht bezahlt. Der Trecker fährt eine Schlaufe und muss erneut auf die Waage. In der Geschäftsstelle des Landhandels bekommt der Kirchweyher einen Ausdruck mit den Daten zu seiner abgelieferten Ladung. Der Besatz liegt unter zwei Prozent, also der Toleranzgrenze. Wer darüber kommt, hat nicht nur den Abzug des nicht reinen Korns, sondern bekommt zudem Kosten für die Reinigung in Rechnung gestellt. Bei der Feuchtigkeit liegt die Grenze bei neun Prozent. 5,8 stehen auf dem Zettel, den Ole Töbelmann in der Hand hält. „Das können die gleich einlagern“, ist er zufrieden. 12,5 Tonnen hat Ole Töbelmann abgeliefert. „Ich könnte den Raps sofort verkaufen, ihn einlagern und dann erst später verkaufen“, zählt er die Möglichkeiten auf. Auch Vorverkäufe seien prinzipiell möglich, Landwirte schließen dabei vor der Ernte einen Vertrag zum Tagespreis ab. Ole Töbelmann will sich noch etwas Bedenkzeit geben.

Die Ernte muss vom Feld. Solange es trocken ist, sind die Landwirte vormittags, bis in den späten Abend hinein unterwegs. „Wenn es jetzt hageln würde, könnten wir beim Raps bis zu 100 Prozent Ernteverlust haben“, erklärt Ole Töbelmann, wie abhängig die Arbeit vom Wetter ist. Etwa zehn Hektar schafft der Betrieb am Tag. Der Trecker mit dem leeren Anhänger biegt in den Okeler Damm ein. Zielpunkt ist ein Rapsfeld in Osterholz, 5,3 Hektar groß. Walter Töbelmann sitzt am Steuer des Mähdreschers, dessen Werkzeuge das fast menschenhoch stehende Gewächs einziehen, Siebe, Ventilatoren und Schüttler ziehen das Korn raus. Die klein gehäckselten Schoten spuckt die Maschine zurück aufs Feld, sie werden noch als Dünger wichtig. Am Abend wird die Maschine wohl alles abgegrast haben. Doch dann wartet schon die nächste Fläche.

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Zur Sache

So sieht es im Landkreis Diepholz aus

Die Situation in der Landwirtschaft hat sich nach dem Rekordsommer 2018 nicht wirklich entspannt. „Insgesamt steuern wir auf das gleiche Problem wie im vergangenen Jahr zu“, sagt Kreislandwirt Wilken Hartje. Futter- und Grünland wachse nicht ausreichend nach, das Wasser sei bis in tiefe Erdschichten aufgebraucht. Mit der Ernte der Gerste ist Hartje zufrieden, der Roggen leide noch am wenigsten unter der Hitze. Der Raps habe vielversprechender ausgesehen, als er in Blüte stand. „Er hat mehr versprochen“, sagt Hartje. Der trockene Herbst bot dem Raps jedoch nicht die idealen Bedingungen zum Keimen.

Ein Fragezeichen steht noch hinter dem Weizen, der noch nicht gedroschen wurde. Im vergangenen Jahr war es die Getreidesorte mit den schlimmsten Einbußen. Je nach Bodenstruktur sei im Landkreis Diepholz in diesem Jahr von Verlusten von null bis 30 Prozent auszugehen, sagt Hartje. Der Mais brauche jetzt Wasser, genau wie das Gemüse auf den Feldern. Der Niederschlag im Kreis sei sehr unterschiedlich, auch die Bodenverhältnisse variieren. Im Südkreis sei er oft sandig, im Nordkreis eher durchschnittlich.

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