Prozess gegen Niels Högel

Erst Zschäpe, dann Högel: Neuer Gutachter soll Ex-Pfleger beurteilen

Fünf Jahre hat Henning Saß die Angeklagte Beate Zschäpe im NSU-Prozess als Gutachter beobachtet. Jetzt springt er im Verfahren gegen Niels Högel für einen erkrankten Kollegen ein. Ein Wettlauf gegen die Zeit.
04.02.2019, 22:31
Lesedauer: 4 Min
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Erst Zschäpe, dann Högel: Neuer Gutachter soll Ex-Pfleger beurteilen
Von Nico Schnurr
Erst Zschäpe, dann Högel: Neuer Gutachter soll Ex-Pfleger beurteilen

Der wegen Mordes an 100 Patienten angeklagte Niels Högel wurde bereits zur lebenslanger Haft verurteilt. Der frühere Krankenpfleger steht seit Ende Oktober 2018 erneut vor Gericht.

Mohssen Assanimoghaddam /dpa

Manchmal sitzt Niels Högel in seiner knapp zehn Quadratmeter großen Zelle auf der Station B3 und verfasst einen Brief. Er hat Reportern geschrieben, alten Freunden, mit krakeliger Schuljungenschrift, mal mit blauer Tinte, mal mit schwarzem Stift auf Karopapier. Auch im Juli 2016 verlässt die Justizvollzugsanstalt Oldenburg ein Schreiben, Högel ist der Absender, Gerichtsgutachter Konstantin Karyofilis der Empfänger.

Högel schreibt, er versuche „jeden Tag, jeden Abend, mir Erinnerungen hervorzurufen, aber es gelingt mir nicht“. Und: „Am schlimmsten sind die Träume. Alle erwarten Aufklärung von mir, ich erwarte es ja auch von mir selbst.“ Dann fragt Högel den Gutachter, ob er ihm nicht helfen könne, sich an die Zeit auf der Oldenburger Intensivstation zu erinnern.

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Karyofilis gelingt, woran alle vor ihm gescheitert waren. Er bringt Högel zum Reden. Ihm gesteht er, häufiger getötet zu haben, als ihm vorgeworfen wird. Eine Sensation damals, die das aktuelle Verfahren, in dem es um hundert Patientenmorde geht, erst möglich gemacht hat.

Gutachter scheidet schwer krank aus

Konstantin Karyofilis ist dabei in der Weser-Ems-Halle. Er sitzt dem Angeklagten gegenüber: Högel links, Karyofilis rechts. Die Blicke der beiden treffen sich, sieben Prozesstage lang. Dann kommt die Nachricht: Der Gutachter ist schwer krank und scheidet aus. Nicht für eine Weile, sondern dauerhaft. „Eine Notlage“, sagt Sebastian Bührmann. Keine Woche später hat der Richter sie gelöst. Gegenüber von Högel sitzt jetzt einer der erfahrensten Gutachter des Landes.

Henning Saß, 74 Jahre alt, steht am Anfang in einem Verfahren, das bereits fortgeschritten ist. Der Psychiater weiß, wie das ist, Angeklagte einzuschätzen, denen spektakuläre Taten vorgeworfen werden. Fünf Jahre lang hat er Beate Zschäpe im NSU-Prozess beobachtet. Saß sollte feststellen, wie schuldfähig sie ist. Ob aus psychiatrischer Sicht etwas dafür spricht, eine Sicherungsverwahrung anzuordnen. Das wird nun auch seine Aufgabe im Verfahren gegen Högel sein. Zschäpe weigerte sich im NSU-Prozess, mit ihm zu sprechen. Und Högel? Das Gericht gibt ihm Bedenkzeit, eine knappe Woche lang.

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Die Absage kommt zu Beginn des zehnten Verhandlungstages. Ein kurzes „Nein“, mehr nicht. Högel hat seine Geschichte immer wieder und immer mal wieder abweichend erzählt, den Therapeuten, den Ermittlern, dem Gutachter Karyofilis. Jetzt reicht es ihm. Noch einmal soll ihn kein Gutachter in der Justizvollzugsanstalt besuchen, kein weiteres Gespräch. Henning Saß registriert das regungslos. Als hätte diese Entscheidung keinen Einfluss auf seine Aufgabe. Natürlich hat sie das.

Prozess gegen Niels Högel

Henning Saß ist der neue Gutachter im Högel-Verfahren.

Foto: Assanimoghaddam/dpa

Konnte sich im „Fall Zschäpe“ ein Bild von der Angeklagten machen

Dass Beate Zschäpe nicht mit ihm sprechen wollte, konnte er kompensieren. Saß hatte Zeit, viel Zeit. 335 Verhandlungstage, um sich ein Bild von der Angeklagten zu machen. Im Fall Högel muss alles schneller gehen. Der Prozess soll im Mai vorbei sein, spätestens im Juni. Und dann ist da noch die Vorgeschichte des Verfahrens. Die Aktenschränke voller Prozessordner, insgesamt 15 Umzugskartons schwer. Erst kurz vor dem neunten Verhandlungstag hat Bührmann ihm einen Datenträger mit den wichtigsten Akten zukommen lassen. Wie soll Henning Saß das alles aufholen?

Im NSU-Prozess war Saß ein stiller Beobachter. Oft saß er einfach nur da, wartete geduldig, bis etwas passierte. Dann musterte er Zschäpe und notierte sich etwas. Das genügte ihm, Fragen stellte er kaum. In der Weser-Ems-Halle sieht man einen anderen Saß. Er gilt als zurückhaltender Typ, aber Zurückhaltung ist eine schlechte Strategie, wenn die Zeit rennt. Den für ihn wohl wichtigsten Teil des Verfahrens hat Saß bereits verpasst: Högels ausführliche Aussage, über vier Verhandlungstage. Jetzt reden die anderen, die Zeugen. Und wenn Högel schon nicht mit ihm sprechen will, dann muss Saß die Zeugen nun eben dazu bringen, über Högel zu sprechen. Wenn Bührmann die Klinikmitarbeiter vernommen hat und die Anwälte der Hinterbliebenen nichts weiter wissen wollen, dann hört man den Richter nun regelmäßig sagen: Herr Saß hat noch Fragen.

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Der Mann im Tweedjackett arbeitet sich ab am Allgemeinen. Er stellt Högels ehemaligen Kollegen schnörkellose Fragen, die selten weitergehen als: Wie war Högel so drauf, im Klinikalltag, bei Reanimationen? Hat er getrunken, war er berauscht? Für diesen Prozess, in dem sich die Beteiligten zuweilen in Details verlieren, kann so viel Grundsätzlichkeit eine Chance sein. Die Antworten aber bleiben bislang einsilbig, selten sind sie aufschlussreich.

Keiner antwortet auf Fragen des Gutachters

Herr Saß hat noch Fragen, aber keiner antwortet, die Zeugen nicht wirklich, der Angeklagte nicht. Högel, das glaubt nicht nur Chefermittler Arne Schmidt, ist ein Taktiker. Ein Meister des Timings. Einer, der weiß, wann er sich äußern muss. Und wann er besser schweigt. Högel hätte Karyofilis ein weiteres Treffen nach ihrer gemeinsamen Geschichte, den Briefen, Gesprächen und Geständnissen, kaum ausschlagen können. Es hätte seine Chancen, der Sicherungsverwahrung zu entkommen, vermutlich kaum erhöht. Seit dem Gutachterwechsel ist die Situation anders.

Zschäpes Verteidiger warfen Saß vor, sein Gutachten sei eine Ferndiagnose, ohne wirkliche Kenntnis der Person, und entspreche nicht den wissenschaftlichen Standards. Saß verwies auf die vielen Informationen aus der Hauptverhandlung und nannte die Kritik „tendenziös und irreführend“. Es kann gut sein, dass er sich bald ähnliche Vorwürfe anhören muss. Diesmal könnten sie von Högels Verteidigerinnen kommen.

Auf Post aus der Justizvollzugsanstalt Oldenburg, Station B3, Absender Niels Högel, braucht Henning Saß nicht zu hoffen.

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