Fortbildung „Fachkraft für Gewaltprävention“

Damit erst gar nichts passiert

Wie kann man sexuelle Gewalt in Einrichtungen mit anvertrauten Menschen verhindern, war jetzt die zentrale Frage der ersten Fortbildung zur „Fachkraft für Gewaltprävention“ im Landkreis Diepholz.
11.10.2020, 15:43
Lesedauer: 3 Min
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Damit erst gar nichts passiert
Von Claudia Ihmels
Damit erst gar nichts passiert

Wie Prävention bei Missbrauch aussehen kann, haben Stefan Freck (von links), Michael Jung-Lübke, Ingelore Groß und Inka Stenzel-Fürle zum Thema gemacht.

Braunschädel

Weyhe/Stuhr. „Keinen Raum für Täter schaffen“, fasste Ingelore Groß, Vorsitzende des Vereins Sprachlos, das Ziel der ersten Fortbildung zur „Fachkraft für Gewaltprävention“ im Landkreis Diepholz zusammen. Die zahlreichen Teilnehmer aus ganz Deutschland, vor allem aber aus der Region, haben bei der dreitätigen Schulung im Hotel Bremer Tor in Brinkum und in der Tanzschule Reiners in Leeste neben viel Hintergrundwissen auch praktische Tipps bekommen, wie das Gelernte in ihren Institutionen umgesetzt werden kann.

Veranstaltet wurde die Schulung von Sprachlos (Fachberatung bei sexualisierter Gewalt in Weyhe) und dem Beratungsunternehmen FJ-Prävention. „Es geht um Handlungsfähigkeit für alle, die mit anvertrauten Menschen arbeiten“, erklärte Stefan Freck, Mitglied bei Sprachlos und Berater bei FJ-Prävention, zum Abschluss der Veranstaltung am Sonnabend, zum Inhalt der Fortbildung. Dementsprechend richtete sich das Seminar unter anderem an Mitarbeiter von Kindertagesstätten, Schulen und Jugendhilfe- und Altenpflegeeinrichtungen. Bei der nun ersten Fortbildung im Landkreis Diepholz waren zum Beispiel Kita-Mitarbeiterinnen aus Stuhr und Diepholz, eine Lehrerin der Grundschule Brinkum, eine Mitarbeiterin in der Altenpflege aus Bremen und eine Gleichstellungsbeauftragte mit dabei.

„Die Präventionsfachkraft ist idealerweise die Funktion, die in der Kita, Schule, dem Sportverein, Jugendverband oder der Jugendhilfeeinrichtung die Präventionsmaßnahmen koordiniert, begleitet und berät“ – mit diesen Worten beschreibt FJ-Prävention die Tätigkeit der neu ausgebildeten Fachkräfte. Diese würden zudem für eine „fachlich fundierte Herangehensweise des Trägers sorgen“. Man bilde Personal aus, das dieses Wissen dann in die jeweiligen Einrichtungen weiterträgt, ergänzte Stefan Freck. Die Schulung baut dabei aus den Empfehlungen des Unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, auf. Der empfiehlt den Aufbau eines Schutzkonzeptes.

Wie das genau funktioniert und aufgebaut wird, war ein wesentlicher Bestandteil der Schulung. „Welche Möglichkeiten des Schutzes gibt es, welche muss man noch installieren“, sagte Referent Michael Jung-Lübke und er betonte ebenso wie Ingelore Groß: „Es geht darum, das Unternehmen unattraktiv für den Täter zu machen.“ In den Empfehlungen des Bundesbeauftragten wird dafür zum Beispiel ein Verhaltenskodex empfohlen, der verbindliche Regeln für sensible Situationen im Umgang mit Kindern enthält. So sollen die Spielräume für potenzielle Täter eingeschränkt und Mitarbeiter vor falschem Verdacht geschützt werden. „Unser großer Anspruch ist, präventiv tätig zu werden“, so Ingelore Groß.

Am ersten Schulungstag wurde den Teilnehmern daher auch Grundlagenwissen zu Gewalt und sexueller Gewalt vermittelt. Dabei ging es um Täterstrategien, Vorgehensweisen und institutionelle Dynamik. Thema waren auch die Traumatisierung von Betroffenen und wie man mit ihnen umgeht. Wie kann man ein starker Beschützer für Kinder und Jugendliche sein, war am zweiten Tag der erste Punkt der Schulung. Die Themen Schutzauftrag und die zu schützende Zielgruppe wurden konkretisiert. Auch dass Scham und Beschämung Gewaltrisikofaktoren sein können, wurde besprochen. Nachmittags vermittelten die beiden Referenten den Teilnehmern dann Grundlagenwissen zu innerbetrieblichen Schutzstrukturen wie Schutzbedürfnisse verschiedener Zielgruppen, Handlungskompetenzen und Schaffung wirksamer institutioneller Instrumente. Dabei wurden ebenfalls die Möglichkeiten eines institutionellen Schutzkonzeptes und die Wirksamkeit seiner Instrumente besprochen. Am dritten Fortbildungstag drehte sich schließlich alles um die Funktion der Präventionskraft. Was sind ihre Aufgaben, welche Funktionen und Zuständigkeiten hat sie und wie ist sie innerhalb des Betriebs verankert, waren dazu die zentralen Fragen. Teilnehmerin Katja Siebels zog am Ende ein positives Fazit. Für die Beratungslehrerin an der Grundschule Brinkum kam die Fortbildung genau zur richtigen Zeit, „denn wir sind gerade dabei unser Präventionskonzept zu erweitern“, sagte sie. In der Schulung habe sie einen „roten Faden“ bekommen. „Mit Fleisch füllen müssen wir den jetzt selbst“, fügte sie hinzu. Ähnlich sah das Elena Stüven, Leiterin der evangelisch-lutherischen Kita Friedrichstraße in Diepholz. Das Thema sei grundsätzlich im Raum, durch die Fortbildung habe sie Sicherheit erlangt. Sie nehme Fachwissen und Handwerkszeug mit.


Die Veranstalter planen für 2021 übrigens eine weitere Fortbildung zur „Fachkraft für Gewaltprävention“. Sie soll vom 3. bis 5. März wieder in der Tanzschule Reiners
stattfinden . Erste Informationen dazu gibt es bei Ingelore Groß unter der Telefonnummer 01 70 / 4 99 50 70 sowie per E-Mail an info@sprachlos-ev-beratung.de. Wer mehr über den Verein erfahren möchte, bekommt im Internet unter der Adresse www.sprachlos-ev-beratung.de weitere Auskünfte.

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