Jüdische Geistliche für Delmenhorst und Oldenburg Erste Rabbinerin seit dem Holocaust

Oldenburg. Die Nazis haben sechs Millionen Juden umgebracht. Trotzdem ist jüdisches Leben in Deutschland wieder lebendig. Am 4. November wird erstmals seit 1935 eine Frau zur Rabbinerin geweiht, ihr Amt tritt sie in Oldenburg und Delmenhorst an.
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Oldenburg. Die Nazis haben sechs Millionen Juden umgebracht. Trotzdem ist jüdisches Leben in Deutschland wieder lebendig. Am 4. November wird erstmals seit 1935 eine Frau zur Rabbinerin geweiht, ihr Amt tritt sie in Oldenburg und Delmenhorst an.

Alina Treiger schreibt ein Stück Geschichte: Die 31-Jährige aus der Ukraine ist die erste Frau seit dem Holocaust, die in Deutschland als Rabbinerin ordiniert wird. "Ich wünsche mir, dass die jüdischen Gemeinden sich nicht nur über die schrecklichen historischen Erfahrungen definieren, über Shoa, Verfolgung und Pogrome", sagt sie. "Das Judentum lebt weiter. Und wir sollten mit dem Reichtum unseres Wissens, unserer Kultur und unserer Musik ein lebendiger Ansprechpartner in Deutschland sein."

Alina Treiger entspricht nicht gerade dem Klischee von einem chassidischen Geistlichen. Klein und zierlich, mit langen, blonden Haaren, schickem Kostüm und strahlendem Lächeln geht sie ihre Aufgabe mit großer Selbstverständlichkeit an. "Anfangs hat es schon Vorurteile gegeben", erzählt sie. "Da hat auch mal jemand gesagt: "Nur ein Mann kann ein guter Rabbiner sein" oder "Die ist bestimmt lesbisch"." In vielen Gemeinden sei sie aber auch sehr herzlich aufgenommen worden. "Für mich ist es ganz normal, Rabbinerin werden zu wollen."

Vertreterin eines reformorientierten Judentums

Möglich ist das, weil Alina Treiger am Abraham Geiger Kolleg in Potsdam studiert hat - neben der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg das einzige wissenschaftliche Ausbildungsinstitut für Rabbiner in Mitteleuropa. Dort wird das reformorientierte Judentum vertreten, das als weltweit stärkste Richtung innerhalb der Glaubensgemeinschaft gilt. Anders als bei den orthodoxen Juden dürfen hier auch Frauen Ämter übernehmen. "Ich habe mir den Beruf nicht gesucht, der Beruf hat mich gefunden", erzählt die angehende Rabbinerin. 1979, zur Hoch-Zeit des Kalten Krieges in der ukrainischen Kleinstadt Poltawa geboren, wollte sie eigentlich Musikerin werden.

"Meine Familie hatte wenig mit Religion zu tun. Ich kannte nur einige jüdische Gerichte wie "gefilten Fisch" oder "Plow". Aber ich wusste immer, dass ich Jüdin bin." Erst die Begegnung mit einem charismatischen Rabbiner bei einem Sommerlager weckt ihr Interesse an religiösen Fragen. In Moskau lässt sie sich zwei Jahre lang zur Gemeindearbeiterin ausbilden und baut dann in ihrer Heimatstadt eine liberale jüdische Gemeinde auf, engagiert sich in Sozial- und Kulturprojekten und arbeitet besonders mit jungen Menschen.

Als die Weltorganisation des progressiven Judentums (WUPJ) ihr das Rabbinerstudium in Deutschland anbietet, greift sie ohne langes Nachdenken zu. "Ich war jung, ich war abenteuerlustig, und ich wollte vor allem viel, viel lernen", sagt Treiger. Das konnte sie dann nach Herzenslust. Sechs Jahre dauert das Studium mit einem Pflichtjahr in Israel und zahlreichen Praktika in unterschiedlichen Gemeinden.

"Mit der Sprache Brücken bauen"

Neben den jüdischen Studien hatte die inzwischen mit einem Kommilitonen verheiratete Geistliche auch Religionswissenschaften und Psychologie und spricht mittlerweile fünf Sprachen: Ukrainisch, Russisch, Hebräisch, Englisch und Deutsch - letzteres fast perfekt, nur mit einem kleinen östlichen Akzent. "Ich hoffe, dass ich mit der Sprache auch Brücken bauen kann", sagt sie. Denn die Gemeinden Oldenburg und Delmenhorst, die die Rabbinerin in spe betreuen wird, haben ein Problem wie inzwischen sehr viel jüdische Gemeinden in Deutschland: Durch den Zuzug von Migranten aus Osteuropa stehen sie vor enormen Herausforderungen.

Von den schätzungsweise 300 jüdischen Familien in Oldenburg etwa kommt fast die Hälfte aus dem Bereich der früheren Sowjetunion. Viele sind mit mangelnden Deutschkenntnissen auf Alina Treigers Hilfe und Erklärungen angewiesen. Ihre Ordination versteht sie mit dem Geiger Kolleg auch als ein Zeichen, dass das Judentum in Deutschland eine lebendige Zukunft hat. Zu dem Festgottesdienst am 4. November in der Synagoge in Berlin- Charlottenburg, bei dem auch zwei männliche Kollegen ihre "Smicha" erhalten, wird Bundespräsident Christian Wulff erwartet. Gedacht wird an dem Tag auch an Regina Jonas, die 1935 als erste und bisher einzige Rabbinerin in Deutschland ordiniert worden war. Sie starb am 12. September 1944 im KZ Auschwitz-Birkenau. (dpa)

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